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Marburg Leid und Leben
Marburg Leid und Leben
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05:58 12.04.2020
Christus als der Auferstandene überragt den Altar der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien. Quelle: privat
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Marburg

Dass wir Ostern 2020 besondere Tage erleben, darüber muss ich nicht schreiben. Unser Alltag ist auf den Kopf gestellt. Sorge bestimmt die Gedanken. Besonnenheit und Geduld sind nötig, Solidarität mit denen, die Unterstützung brauchen.

Geschichten werden wir künftig aus diesen Tagen erzählen. Vom großen Einsatz für die Kranken und dafür, dass „der Laden läuft“. Vom Streit über den richtigen Umgang mit der Gefahr. Vom Leben in den eng werdenden Wohnungen. Von der Sorge um die, die einsam sind. Und manche Geschichte wird ein trauriges Ende haben.

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Heute will ich Ihnen stattdessen die Geschichte von Karfreitag und Ostern in Erinnerung rufen. Auch in ihr geht es um Leid und Leben. Auf sie laufen alle Erzählungen über Jesus von Nazareth zu.

Diese Geschichte wird auf dem Altar der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien in Marburg in Bildern und Figuren nacherzählt. Ein vierhundert Jahre altes Meisterwerk in Stein; dezent an manchen Stellen in Farbe oder Blattgold gefasst. Zentral ist die Kreuzigung zu sehen, das Urbild des christlichen Glaubens, umgeben von Szenen aus dem Alten und Neuen Testament: Abraham, Mose, Maria, Johannes der Täufer, das letzte Abendmahl.

Das Bild in voller Größe:

Christus als der Auferstandene überragt den Altar der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien. Privatfoto

Am oberen Ende des Altars sieht man dann, wie es am Karfreitag weitergeht. Man erkennt das Kreuz. Qual und Spott und Sterben sind vorbei. Jesus ist tot. Er kann vom Kreuz abgenommen werden. Es sind nicht mehr die Schergen, die ihn angenagelt hatten, die diesen Dienst tun. Liebevoll fassen Frauen und Männer zu.

Die, welche ihm nachgefolgt waren, stehen nun am Ende ihrer Hoffnungen. Einer hat ein Tuch über den Querbalken des Kreuzes geworfen und gibt behutsam Stoff nach, um ihn herabzulassen. Ein anderer trägt den Toten an der Schulter die Leiter herab. Sorgsam betten die Frauen ihn auf den Boden. Sein Dornenkranz liegt da bereits, und ein Schädel – Golgatha, das heißt Schädelstätte.

Nur kindlicher Glaube an Magie?

Aber es bleibt nicht bei diesem traurigen und fürsorglichen Abschied. Jesus ist tot, sie müssen ihn begraben. Im Hintergrund rechts sieht man einen baumbestandenen Felsen mit einer Höhle, darin ein Sarg, in dem der Leichnam Jesu abgelegt wird. Das ist das Ende.

Am Karfreitag töten die römische Soldaten Jesus, dies wird als erster Tag gezählt. Samstag ist der zweite Tag. Ostersonntag, ist der dritte Tag.

„Gekreuzigt, gestorben und begraben; hinabgestiegen in das Reich des Todes; am dritten Tage auferstanden von den Toten …“, so sagt es das Glaubensbekenntnis.

Deshalb steht über dem allen der Auferstandene. Er sprengt den Rahmen des Altars, wie die Geschichte den Rahmen unserer Welt sprengt. Aber er ist kein Symbol für: „Alles wird gut“. Es wäre ja schön, wenn es so wäre. Man sagt diesen Spruch, um zu trösten. Und oft stimmt er ja auch.

Das Kreuz bleibt sein Zeichen

Aber was wir eigentlich meinen, ist doch dieses: Lass Dich nicht von Furcht überwältigen! Es wird auf andere, auf neue Weise gut – und dennoch bleiben Narben. Der auferstandene Christus ist nicht unversehrt. Man sieht seine Verletzungen am Körper und an den Händen. Das Kreuz bleibt sein Zeichen.

Wer ihm nachfolgt, bekommt nicht zugesagt, heil und unversehrt zu bleiben. Das wäre kindlicher Glaube an Magie. Hoffnung aber auf Leben durch alles Leid hindurch und über allen Tod hinaus bleibt gültig.

Zwei Männer sind noch dabei, römische Soldaten, Wächter am Grab. Zwei verschiedene Weisen, auf das Wunder des Lebens zu reagieren. Der eine kauert zu Füßen Jesu, er schläft. Nichts sehen und nichts hören, so verschließt er sich gegenüber dem neuen Licht. Der andere tut, was er gelernt hat: Er greift zum Schwert.

Dekan Burkhard zur Nieden zündet die Osterkerze in der Lutherischen Pfarrkirche an. Foto: Thorsten Richter

So wie es Menschen tun, wenn sie sich bedrängt fühlen oder sich ängstigen. Sie werden aggressiv, sie leugnen, was offenkundig ist, sie bleiben lieber bei ihrer eigenen Wahrheit. Auch diese beiden Schergen sind Teil der Geschichte.

Schaut man sich den Kopf des Auferstandenen ganz genau an, dann sieht man Spinnweben um den Strahlenkranz. Sehr klein, sehr fern, Jahrhunderte alt steht er auf der Spitze des Altars. Auf Konzertfotos aus der Pfarrkirche in dieser Zeitung überragt er stets die Chöre. So ist er stets im Bild und wird doch meist übersehen. Maria und das Kind in der Krippe, das letzte Abendmahl im Kreis der Jünger, selbst die Kreuzigungsszene mit den weinenden Frauen und Männern sind uns einfach näher.

Botschaft hat im Alltag Staub angesetzt

Aber es ist die Urszene des christlichen Glaubens. Erst Frauen, dann auch Männer kommen zum Grab – und finden es leer. Ihre Lebenserfahrung sagte ihnen, dass der Tod das letzte Wort behält, und nun werden sie unerwartet Zeugen der Auferstehung. Das geht über Bitten und Verstehen. Gottes Macht bricht alle anderen Mächte. Das Leben siegt über den Tod.

Wir sehen diese alte Botschaft aus der Ferne. Im Alltag mag sie Staub angesetzt haben. Aber wer sie nachspricht, dem wird sie frisch. In besonderen Zeiten ist sie so wahr wie nichts anderes sonst.

Gott sei Dank!

Von Burkhard zur Nieden

Gebet für die am meisten Gefährdeten

Wir beten mit jenen, deren Leben auf dem Spiel steht – Herr, erbarme dich.

Wir bitten für die, die besonders verletzlich sind – Herr, erbarme dich.

Wir klagen mit denen, die wählen müssen zwischen der Sorge um ihre Gesundheit und der Möglichkeit, die Miete zu verdienen – Herr, erbarme dich.

Wir denken an die Kinder, die jetzt nicht in ihren Familien gut begleitet und versorgt werden können – Herr, erbarme dich.

Wir bitten für die, welche die Enge ihrer Wohnung kaum noch aushalten. Und an die, die keinen sicheren Ort haben und keine Heimat haben – Herr, erbarme dich.

Indem Sorge unser Land erfasst, lass uns die Liebe wählen in dieser Zeit, in der wir einander nicht umarmen können. Lass uns Wege finden, die liebende Umarmung Gottes zu sein für unsere Nächsten.

Amen.

(nach Cameron Wiggins Belim)

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