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Marburg Corona bremst auch die Ausbildung aus
Marburg Corona bremst auch die Ausbildung aus
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13:58 20.11.2020
Ein Azubi im Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik-Handwerk arbeitet an einer sogenannten Übungswand an einem Waschbecken. Quelle: Foto: Sebastian Kahnert/dpa
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Marburg

Es war kein besonders gutes Jahr für die Ausbildung: Zwar kam der erste Lockdown in der Corona-Pandemie zu einer Zeit, „als schon zahlreiche Prozesse in Sachen Ausbildung abgeschlossen waren“, sagt Michael Schubert, Geschäftsführer operativ der Arbeitsagentur Kassel, während der Ausbildungsbilanz der IHK Kassel-Marburg und der Handwerkskammer Kassel. Doch dann kam der Lockdown – und habe für eine große Verunsicherung sowohl bei den Bewerbern als auch bei den Ausbildungsbetrieben geführt „Dadurch verzögerten sich auch die Prozesse der Bewerbung, Vorstellung und Einstellung, weil coronabedingt die Kommunikation nach dem ersten Lockdown verspätet und dann oftmals auch ausschließlich digital stattfand.“

Knapp zehn Prozent weniger Bewerber habe es gegeben – wohl, weil sich viele Jugendliche nicht für eine duale Ausbildung sondern für den Besuch einer weiterführenden Schule oder ein Studium entschieden hätten.

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Ähnlich die Zahlen der Marburger Arbeitsagentur: 1 646 junge Menschen bewarben sich um Ausbildungsstellen – 9,7 Prozent weniger, als im Jahr zuvor. Die Betriebe hatten 1 602 Ausbildungsstellen im Angebot – ein Minus von 8,2 Prozent.

Die IHK Kassel-Marburg spricht von einem „Ausbildungsmarkt mit Licht und Schatten“: Die gute Nachricht sei, dass der Kammerbezirk mit einem Minus von 10,5 Prozent an Ausbildungsverträgen im Vergleich zum Vorjahr deutlich besser als viele andere hessische Regionen abgeschlossen habe.

So meldet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag im Bundesdurchschnitt knapp 14 Prozent weniger Verträge – offiziell liegt die IHK Kassel-Marburg im hessischen Ranking auf Platz zwei von zehn Regionen. Heißt übersetzt: Die Situation in der Region ist zwar nicht gut – könnte aber auch deutlich schlechter sein.

Dr. Thomas Fölsch, Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung der IHK Kassel-Marburg, sagt dazu: „Ganz offensichtlich hat in Nordhessen und Marburg die wirtschaftliche Zuversicht das Handeln der Betriebe bestimmt, sodass sie von ihrem Plan, weiterhin auszubilden, nur zu einem kleinen Teil abgewichen sind.“

Ein Lichtblick sei zum Beispiel der neue Beruf „Kaufmann im E-Commerce“, den es erst seit dem vergangenen Jahr gibt. „Dort wurden in diesem Jahr 38 neue Ausbildungsverträge geschlossen – von hessenweit 70.“ Der heimische Kammerbezirk sei in diesem Beruf „die ausbildungsstärkste Region in Hessen“.

Bauberufe im Aufwind

Die Metall- und Elektroindustrie muss allerdings ebenso negative Tendenzen bei der Ausbildung hinnehmen wie Handel, Hotellerie und Gastronomie oder das Berufsfeld der Industriekaufleute. Deutlich weiter im Aufwind sind jedoch die Bauberufe – dort haben die Ausbildungszahlen um 14,9 Prozent kräftig zugelegt. Gründe dafür laut Fölsch: Die positive Konjunktur der vergangenen Jahre ebenso wie gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt.

Bei den IHK-Berufen schnitt der Landkreis Marburg-Biedenkopf mit einem Minus von 7,6 Prozent noch am Zweitbesten ab – im Landkreis Kassel gibt es einen Ausbildungsrückgang von 18,2 Prozent. Spitzenreiter im Bezirk ist der Landkreis Hersfeld-Rotenburg mit einem Plus an Ausbildungsverträgen von 1,8 Prozent.

Auch das heimische Handwerk muss einen Rückgang der neu geschlossenen Ausbildungsverträge verzeichnen.

Personalintensives Handwerk

„Unsere Zahlen spiegeln deutlich wider, dass 2020 coronabedingt weder die reguläre Berufsorientierung in den Schulen noch die übliche Nachwuchswerbung von Handwerksorganisation und Handwerksunternehmen stattfinden konnte“, sagt Sabine Aue, Leiterin der Abteilung Berufsbildung der Handwerkskammer Kassel.

Das sei für den personalintensiven Wirtschaftsbereich Handwerk „keine gute Entwicklung“, Nachwuchs- und Fachkräfte seien weiter gesucht. So verzeichnete die Kammer Mitte November mit 2 684 einen Rückgang von 8,3 Prozent bei den neu eingetragenen Lehrverträgen.

„Dafür, dass die Ausbildungsbereitschaft im Handwerk nachgelassen hat, haben wir keine Anzeichen“, erläutert Aue. Vielmehr gebe es noch 450 offene Ausbildungsplätze – 95 seien jetzt noch zu besetzen.

Das Werben um Nachwuchs geschieht derzeit hauptsächlich digital. Den Versuch gab es mit der „Aktionswoche Handwerk“ auch in Marburg – mit leider nicht sehr großer Beteiligung. Entmutigen lässt sich die Kammer aber nicht. „Wir setzen jetzt auf individuellere Angebote“, verdeutlicht Aue. Und: Einige Berufsfelder sollen nun nicht nur mit aufwendigen Videos präsentiert werden – es gebe auch die Planung, mittels Virtual-Reality-Brillen in Berufe quasi einzutauchen. „Wir werden also in unseren Anstrengungen nicht nachlassen, wir werden digitaler. Und wir werden weiterhin unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, von Jugendlichen mit Startschwierigkeiten über junge Geflüchtete und Jugendliche mit Migrationshintergrund bis hin zu Abiturienten und Studienaussteigern“, so Aue.

Von Andreas Schmidt

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