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Marburg Brauereien schlagen Alarm
Marburg Brauereien schlagen Alarm
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09:58 03.02.2021
So wenig Bier wie vergangenes Jahr haben die Verbraucher in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr getrunken.
So wenig Bier wie vergangenes Jahr haben die Verbraucher in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr getrunken. Quelle: Foto: Christophe Gateau/dpa
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Bad Laasphe

Die Corona-Krise setzt den Brauereien in Deutschland heftig zu. Im vergangenen Jahr sank ihr Bier-Absatz wegen der Feierverbote und der monatelang geschlossenen Gastronomie auf den historisch niedrigen Wert von 8,7 Milliarden Liter, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtete. Doch der mengenmäßige Rückgang um 5,5 Prozent zum Vorjahr zeige die dramatische Lage nur sehr unzureichend, äußert der Brauerbund. Vor allem kleinere Betriebe müssen längst ums Überleben kämpfen.

Die große Pleitewelle sei noch ausgeblieben, sagte Holger Eichele, Präsident des Deutschen Brauerbundes. Er ist normalerweise stolz auf die vielfältige Brautradition im Land. Knapp 1 500 Unternehmen hat der Verband bundesweit gelistet, die meisten verkaufen ihr Bier ausschließlich im engen Umkreis um ihre Braustätte. „Die merken jedes ausgefallene Volksfest.“ Das Problem verschärft sich mit der weiterhin andauernden Corona-Sperre für Kneipen und Restaurants, denn sie nehmen kein Fassbier mehr ab. Das aber ist für die Brauereien das besonders lukrative Geschäft mit einer hohen Wertschöpfung.

Hans-Christian Bosch, Geschäftsführer der Brauerei Bosch in Bad Laasphe, bestätigt die Einschätzung – und beschreibt die Situation wie folgt: „Wir haben uns vergangenes Jahr bereits ein blaues Auge geholt – und holen uns auch dieses Jahr eines.“ Denn Bosch sei als regionale Brauerei mit den heimischen Gaststätten ebenso eng verbunden wie mit den Vereinen. „Natürlich leiden wir mit unseren Wirten – da sitzen wir im selben Boot. Jedes Fass, das ein Wirt oder ein Verein nicht verkauft, verkaufen wir auch nicht“, sagt er. Zum Glück sei 2019 ein Rekordjahr gewesen. „Doch dann kam 2020 die Vollbremsung. Eine solch schnelle Wandlung hat es für die gesamte Braubranche seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben“, so Bosch. Und Corona-Hilfen gibt es nicht – dafür sei der Umsatzeinbruch nicht hoch genug.

Denn, so Hans-Christian Bosch: „Wir haben ja noch das Flaschenbiergeschäft mit dem Handel.“ Das laufe auch erstaunlich gut, habe von der Biermenge den Einbruch beim Fassbier kompensieren können. „Wir haben ganz tolle Unterstützung erfahren, dass viele Leute bewusst heimisches Bier kaufen – der Trend zur Regionalität und Nachhaltigkeit ist eine der guten Seiten von Corona“, sagt Bosch. „Aber den Brauereien bleibt am Flaschenbier nur sehr wenig bis gar nichts“, sagt Bosch. In Teilen der Brauerei gebe es Kurzarbeit, „sobald die Gastwirte wieder öffnen dürfen, stehen wir bereit“, sagt Bosch. Doch dass das Festgeschäft dieses Jahr anziehen werde, glaubt er nicht: „Wahrscheinlich wird es dieses Jahr keine einzige Kirmes geben“, fürchtet er – ebenso, wie eine Verlängerung des Lockdowns. Doch – um beim Bild mit den blauen Augen zu bleiben – der Boxer könne zwar taumeln, aber er werde nicht fallen. „Uns gibt es seit 1705, wir haben so viele Krisen durchlebt – von Kaiserreichen, die zusammengebrochen sind, über Kriege bis hin zu Wirtschaftskrisen, sodass ich guter Hoffnung bin, dass wir auch diese Krise überstehen werden.“

Die Branchengrößen konnten ihre Gastroverluste besser mit einem gesteigerten Flaschenbierabsatz über den Lebensmitteleinzelhandel ausgleichen. Das Fachportal „Inside“ sieht bei bekannten nationalen Marken wie Krombacher (-4,8 Prozent), Oettinger (-1,5 Prozent) oder Veltins (-3,5 Prozent) vergleichsweise kleine Mengenverluste.

Der Brauerbund verlangt indes weitere Hilfen: „Für die Gastronomie wurden weitreichende Hilfsmaßnahmen entwickelt – die 1 500 überwiegend handwerklichen und mittelständischen Brauereien als indirekt Betroffene gehen jedoch bis auf wenige Ausnahmen leer aus“, sagte Eichele.

Von Andreas Schmidtund unserer Agentur