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Marburg Bezahlbare Miete bleibt Genossenschaftsziel
Marburg Bezahlbare Miete bleibt Genossenschaftsziel
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18:00 05.10.2021
Hinter Stefan Funk, Vorsitzender der Gemeinnützigen Wohnungs- und Siedlungsbaugenossenschaft eG, ist deren Bauprojekt zu sehen, das ab dem kommenden Jahr errichtet wird.
Hinter Stefan Funk, Vorsitzender der Gemeinnützigen Wohnungs- und Siedlungsbaugenossenschaft eG, ist deren Bauprojekt zu sehen, das ab dem kommenden Jahr errichtet wird. Quelle: Foto: Gianfranco Fain
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Marburg

Hinter der etwas sperrig auszusprechenden Abkürzung „gwsbg“ verbirgt sich die Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsbaugenossenschaft eG mit Sitz in Cappel. Was sperrig klingt, muss aber nicht sperrig sein, denn selbst im 75. Jahr ihres Bestehens ist die Wohnungsgenossenschaft auf der Höhe der Zeit. Zum Beispiel wenn es darum geht, den Mietern günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen oder auch im Klimaschutz tätig zu werden.

Dies auch, weil die Genossenschaft leidige Erfahrung mit den Folgen des Klimawandels machte. Weil einige Bäume aus den Gründerjahren veränderte klimatische Bedingungen nicht überlebten, ersannen die Verantwortlichen der Genossenschaft passend zum Jubiläum eine nachhaltige Aktion, die sich über zwei oder drei Jahre erstreckt. „Wir pflanzen für jedes Jahr, das die Genossenschaft besteht, bei jedem unserer 75 Häuser einen großen Baum“, berichtet Stefan Funk.

Die Gewächse aus Baumschulen sind emissionsresistent oder kommen mit wenig Wasser aus, wie zum Beispiel Rotbuchen oder Ginko. Die mit der Pflanzaktion verbundene Hoffnung spricht der Vorsitzende der Genossenschaft auch gleich aus: „An den Bäumen können die Mieter beim Jubiläum zum 150-jährigen Bestehen der gwsbg sehen, dass wir zumindest angefangen haben, etwas zu tun, wenn auch nur im Kleinen.“ Laut Funk werden sich Mieter als Paten um die Gewächse kümmern. Eine Tafel mit einer Widmung erinnert an diejenigen Menschen, die einen besonderen Beitrag zur Genossenschaft leisteten.

Diese setzt weitere Akzente zum Umwelt- und Klimaschutz. Rund um die Häuser lässt man jetzt alles wachsen, setzt Blumenwiesen, mäht die Grünflächen drumherum nur noch alle vier Wochen und kürzt Hecken einmal im Jahr. Die Flächen dürfen die Mieter nutzen, selbst gestalten und auch für den Gemüseanbau nutzen. Fast so, wie es in den Gründerjahren war, als nach Kriegsende Tausende Flüchtlinge nach Marburg kamen und nicht nur in Cappel in Baracken unterkamen.

Die Wohnungsnot war damals dermaßen groß, dass Übersiedler aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches beschlossen, als Gegenmittel eine Genossenschaft zu gründen. So entstand am 30. August 1946 die Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsbaugenossenschaft.

Die damaligen Genossen brachen in einem Ockershäuser Steinbruch die Steine für das Fundament des ersten Gebäudes, hoben die Grube aus und mauerten die Kelleraußenwände, weiß Funk zu berichten. Ihrem Einsatz zum Trotz brachten der Mangel an Geld und Material sowie die Währungsreform den Bau zum Erliegen. Erst im Jahr 1949 waren die ersten vier Wohnungen an der Umgehungsstraße fertiggestellt, danach folgten 12 Wohneinheiten in der Simmestraße.

So pragmatisch, solidarisch und bescheiden wie in den Gründerjahren sei die Genossenschaft auch heute noch, gewährt Funk einen Einblick. So würden alle Mieter – ob mit Wohnberechtigungsschein oder Mediziner – gleich behandelt. Falle ein Gebäude aus der Bindung heraus, ändere sich am Mietverhältnis und dem Mietzins nichts, erklärt der Vorsitzende. Ebenso pragmatisch geht die Genossenschaft beim Sanieren ihrer Gebäude vor. Der Altbestand ist groß, berichtet Funk, auch weil in den 1950er- und 1960er-Jahren jährlich bis zu 24 Wohneinheiten entstanden. Diese werden nun nach und nach saniert und, wo es möglich ist, auch barrierefrei modernisiert. Auf den Stand der Technik, also fast CO2-neutral, werden zum Beispiel die Heizsysteme gebracht. Wo das Sanieren aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht möglich ist, erneuert die Genossenschaft ihre Gebäude.

Preisanstieg im Baugewerbe

So zum Beispiel im nächsten Jahr in Kirchhain. Dort lässt die „gwsbg“ im Januar eines ihrer Gebäude abreißen, um zwei neue zu errichten – mit sehr viel Holzanteil und möglichst viel an recyclefähigen Baustoffen. So entstehen aus derzeit 8 demnächst 12 Wohneinheiten, die dank eines neuen Zuschnitts für Singles als auch für vierköpfige Familien geeignet sind. Sorge bereitet Funk allerdings die Verdreifachung der Preise im Baugewerbe. Dies erschwere es sehr, den angestrebten Mietzins von 8 Euro je Quadratmeter einzuhalten. Aber der Vorsitzende ist zuversichtlich, dass dies gelingt, schließlich lautet ein weiteres Ziel der Genossenschaft: „Miete muss bezahlbar bleiben.“

Die attraktiven Bedingungen sind auch der Grund, dass die Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsbaugenossenschaft mehr Mietanfragen erhält, als sie bedienen kann. „Wir haben wenig Mieter-Fluktuation und insgesamt zu wenig Wohnungen“, schildert Funk Freud und Leid. Eine kontinuierliche Warteliste führt die Verwaltung der Genossenschaft deshalb nicht. Nur wenn neue Wohnungen entstehen, wie im nächsten Jahr in Kirchhain, können sich Interessenten vormerken lassen. Allerdings bekommen bei dem Erweitern des Wohnraumes im Ostkreis von 8 auf 12 Einheiten die derzeitigen Mieter den Vorzug.

Neue Gebäude finanziert die Genossenschaft aus Fremdkapital sowie den eigenen Rücklagen, die sich vorwiegend aus den Mieten und den Anteilen aller Genossen – jeder Mieter muss der Genossenschaft beitreten – bilden. Nach ein paar Jahren, in denen die „gwsbg“ nicht bauen ließ, will sie nun wieder getreu ihrer Ursprungsidee weiteren günstigen Wohnraum schaffen. Dazu sagt Funk: „Wir suchen Grundstücke oder alte Bestandsgebäude im Landkreis.“

Von Gianfranco Fain

Wohnungsbaugenossenschaft „gwsbg“

Die 1946 gegründete „gwsbg“ Marburg-Cappel verwaltet 445 Wohnungen in 75 Häusern und 77 Garagen in den Marburger Stadtteilen Cappel und Wehrda sowie in Cölbe, in Fronhausen, Bellnhausen, Kirchhain, Sarnau, Lohra und Wetter, in denen 1 400 bis 1 600 Menschen wohnen. Die Genossenschaft zählt 476 Mitglieder, die 3 256 Geschäftsanteile tragen. Jeder der pro Genossen maximal zehn Geschäftsanteile ist 205 Euro wert. Zu den Genossenschaftsmitgliedern zählen auch der Landkreis, die Städte und Kommunen, in denen Gebäude der „gwsbg“ stehen. Deren Bilanzsumme betrug am 31. Dezember 2020 etwa 17 Millionen Euro.

Am Sitz der „gwsbg“ in der Simmestraße 4a arbeiten durchschnittlich zwölf Mitarbeiter. Den Vorstand bilden Stefan Funk als hauptamtlicher Geschäftsführer sowie die ehrenamtlichen Mitglieder Christian Meissner und Heinz Wahlers. Dem Aufsichtsrat sitzt Manfred Böhm vor, Lars Fleischer ist sein Stellvertreter. Dem Gremium gehören noch Bastian Brehmer, Manfred Morawietz, Robert Michel und Kirsten Fründt an.

Weitere Informationen gibt es auf der Homepage www.wohnungsbaugenossenschaft-marburg.de im Internet.

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