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Marburg Oberstädter bangen um ihr Wohnviertel
Marburg Oberstädter bangen um ihr Wohnviertel
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10:56 19.02.2020
Oberstädter beklagen: Es gibt zu viele Studenten-WGs. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

In einem der vielen Fachwerkhäuser, die vor Jahrzehnten reihenweise von Ramsch­ruinen in Schmuckstücken verwandelt wurden, sitzen­ Rudolph Braun-Elwert, Peter Wennerhold, Gerhard Werner, Wolfgang Göbel und die anderen Mitglieder der Bürgerinitiative. Sie wollen sprechen, über das, was in letzter Zeit besser geworden ist – etwa Müllentsorgung und Zusammenarbeit mit der Verwaltung – und das, was besser werden muss, etwa die Stellplatzsituation sowohl für Autos als auch für Radfahrer.

Aber es gibt eine alle Themen überlagernde Sorge – die Furcht, dass die Altstadt endgültig zu einem Rendite-Objekt für ­Immobilien-Investoren wird. Es brauchte nicht erst den Immobilien-Flipping-Skandal 2019, die millionenschwere Spekulationen einer Cappeller Firma unter anderen mit Oberstadt-Häusern, um Rudolph Braun-Elwert aufzuschrecken. „Wir werden die Oberstadt in ein paar Jahren verlieren, wenn der Trend weitergeht und man sich nur noch für Mieteinnahmen und nicht mehr für das Leben im Viertel interessiert“, sagt er.

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Junge Hochschüler verdrängen Alteingesessene 

Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Oberstadt-Immobilien-Besitzer überhaupt in Marburg, gar im Stadtteil selbst wohnen, gibt es zwar nicht. Doch Braun-Elwert, einer der über Generationen Alteingesessenen, schätzt, dass es weit unter zehn Prozent sind. Mit negativen Begleiterscheinungen. „Keine Identifikation mit und keine Verantwortung für die, sondern nur Ertrag mit der Gegend.“

Seit Jahren schon, spätestens seit der Explosion der Studentenzahlen an der Philipps-Universität erlebt die Oberstadt einen Austausch der Bevölkerung: Junge Hochschüler verdrängen Alteingesessene, Familien weichen für WGs – nicht zuletzt, weil damit mehr Geld zu machen ist. Das, diese Form von Gentrifizierung, hat schon vor mehreren Jahren eine Studie am Fachbereich Geografie belegt. Und: Daten des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zeigen, dass rund die Hälfte aller Marburger Studenten in WGs wohnen – eine höhere Quote gibt es nirgendwo in Deutschland.

Braun-Elwert ist mit seiner ­Befürchtung jedenfalls nicht alleine. Anonymität in der Nachbarschaft, schnelle Bewohnerwechsel, rücksichtsloses Partymachen samt Lärm: „Es ist ein Lebenswandel ins Viertel gekommen, der belastet“, sagt Peter Wennerhold, Ritterstraßen-Bewohner. Dabei wolle man „Leben in der Bude, keinen Museums-Charakter“, wie Wolfgang Göbel sagt. Aber eben ein „durchmischteres Leben“.

"Wir müssen uns der Zeit stellen"

Eines, das letztlich auch wieder den Einzelhandel anzieht, der entstehenden Bedarf decken kann und will. „So wie jetzt bleibt es eben bei Spätis. Weil es das ist, was breit nachgefragt wird“, sagt Frederic Schwindack, BI-Mitglied und ehrenamtlich im Magistrat tätig. Ein Ansatz der Alt-Oberstädter für eine neue Sozialstruktur zwischen Schloss und „Marburg Mall“: Im Stadtteil Höchstmieten festsetzen, mit öffentlichen Geldern Mietpreis-Entwicklungen puffern, wie es das ähnlich wohl zu Zeiten der Altstadtsanierung schon gab. „So ein Schritt wäre gut, um Anreize zu schaffen, dass eine Mischung in Gang, eine neue Bevölkerungsstrukturierung kommt“, sagt Göbel.

Da stimmt Unternehmer Gerhard Werner zu – hofft aber erst mal, dass die mitunter zunehmend leer stehenden Untergeschosse auch künftig nicht zu Wohnungen umgebaut werden,­ sondern „Begegnungsorte bleiben“. Mehr noch: Die Oberstadt biete so viel Potenzial, man könnte Läden etwa nutzen, um sogenannte Show- und Sale-Rooms von Technologie-Firmen zu installieren. „Wir müssen uns jedenfalls der Zeit stellen und unsere Oberstadt selbst gestalten, nicht nur von Außeneinflüssen gestalten lassen“, wie Josefa­ Zimmermann-Stroh, der Kopf der BI sagt. Das in Arbeit befindliche Quartiersentwicklungs-Konzept des Magistrats, so hoffen sie in der BI, könnte so ein gewünschtes Leben bringen.

von Björn Wisker

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