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Marburg „Emotionen sind schlechte Ratgeber“
Marburg „Emotionen sind schlechte Ratgeber“
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13:58 15.06.2021
Frank Eggers ist seit rund einer Woche neuer Betriebsratsvorsitzender am UKGM Marburg.
Frank Eggers ist seit rund einer Woche neuer Betriebsratsvorsitzender am UKGM Marburg. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Rund eine Woche ist Frank Eggers nun als Vorsitzender des UKGM-Betriebsrats im Amt. Die Neuwahl war notwendig geworden, weil der Vorsitzende Michael Kroll überraschend zurückgetreten war (die OP berichtete). Was treibt den 62-jährigen Eggers an? Das erzählt er im Gespräch mit der OP.

„Die Liebe hat mich vor 40 Jahren nach Gießen gebracht“, sagt Eggers. Er hatte zuvor seine Ausbildung zum Fachkrankenpfleger für den Operationsdienst am Uni-Klinikum in Frankfurt absolviert, war dort auch bereits in die Gewerkschaft eingetreten. Wegen der familiären Situation wollte Eggers, Vater von zwei Töchtern und mittlerweile auch Großvater von zwei Enkeln, jedoch nicht mehr täglich von Gießen nach Frankfurt pendeln. Er bekam 1985 eine Stelle am Uni-Klinikum Marburg.

Wunsch: Vom OP-Tisch in die Rente

„Ich habe mich in der OP-Abteilung entwickeln können“, sagt Frank Eggers. Denn er konnte seine Erfahrungen aus der Fachweiterbildung einsetzen und sich dann als OP-Pfleger in der Neurochirurgie spezialisieren. Mit dem damaligen Klinikdirektor Professor Bernhard L. Bauer habe ihn ein „gegenseitig sehr wertschätzendes Verhältnis“ verbunden, „es war ohne Weiteres möglich, sich auch als Krankenpfleger anteilig in wissenschaftliche und medizinisch fortschrittliche Themen einzubringen“. So zum Beispiel im Bereich der Neuro-Endoskopie, „das war ein Fach, das es vorher in diesem Umfang an der Klinik nicht gegeben hatte“, erinnert sich Eggers. All die Erfahrungen führten dazu, „dass ich den OP-Bereich als Schönstes empfand, das ich mir als Arbeitnehmer vorstellen konnte“. Für ihn stand eigentlich fest: „Mein ureigenster Wunsch war, vom OP-Tisch in die Rente zu gehen."

Doch dann kam die Privatisierung. „Ich hatte auch die vorhergehenden Betriebsformen des UKGM miterlebt“, sagt Eggers, so zum Beispiel die gGmbH. Er habe seinerzeit in einem Verein „Sichere Materialien in der Medizin“ mitgearbeitet. „Schon einige Zeit vor der Privatisierung hat man uns Szenarien vorgestellt, die auf eine solche Entwicklung hinweisen.“ Dennoch sei das Thema eigentlich nicht vorstellbar gewesen. „Wir haben das verdrängt. Doch dann wurde klar: Die Gesetzeslage hat sich dahingehend entwickelt, dass die Privatisierung des Gesundheitswesens gefördert wurde“, sagt Frank Eggers. Und da war sie, die Privatisierung des UKGM.

Plötzlich war Gewinn gefordert

Zunächst sei alles „wie gewohnt weitergelaufen", aber nach und nach sei deutlich geworden, „dass wir auf ein sicherstellendes Betriebsergebnis angewiesen waren“. Heißt übersetzt: Defizite durften nicht sein, Gewinn war gefordert. „Es sind immer mehr unternehmerische Aspekte in die Behandlungswege eingeflossen."

Schon vorher sei zu erkennen gewesen, „dass der Arbeitgeber Krankenhaus immer mehr in wirtschaftliche Zwänge kommen wird“. Das sei der Anlass gewesen, dass Eggers vor rund 15 Jahren begonnen hatte, sich im Betriebsrat zu engagieren. Später kam es zur Freistellung, „wodurch ich meine 28 Kolleginnen und Kollegen noch wesentlich besser kennenlernen konnte“. Und jetzt dann plötzlich der Vorsitz. „Scherzhaft könnte man sagen, wir haben das Drei-Kaiser-Jahr“, sagt Eggers. Denn er ist nach Wolfgang Demper und Michael Kroll nun der dritte Vorsitzende binnen kurzer Zeit. „Ich will mir Mühe geben, meine neue Rolle ordentlich auszufüllen“, sagt Eggers. „Ich hoffe und verlasse mich dabei auf die Unterstützung aller Gremiumsmitglieder.“ Und für ihn steht fest: „Es wäre falsch, Ziele zu formulieren. Denn wir werden von der Belegschaft quasi beauftragt, in ihrem Sinne zu handeln. Das muss unser Ziel sein.“

Ziel: Gute Rahmenbedingungen schaffen

Gleichwohl gebe es natürlich große Linien. „Ziel muss es sein, die Rahmenbedingungen für alle Berufsbilder hier so zu gestalten, dass man am Arbeitsplatz Krankenhaus von der Ausbildung bis zur Rente gute Arbeitsbedingungen vorfindet.“ Das biete viele Ansätze. So würden beispielsweise in der zentralen Versorgung für Sterilgut bisher eher angelernte Kräfte eingesetzt. „Dort könnte sich beispielsweise der neue Ausbildungsberuf Fachkraft für Medizinprodukteaufbereitung entwickeln“, sagt der neue Vorsitzende. Ansätze für diesen neuen Ausbildungsberuf seien geschaffen, jetzt müsste unter anderem von Ministeriumsseite ein Weg gefunden werden, diesen zu verankern. Der Vorteil für die Arbeitskräfte: Nach der Ausbildung könnten sie aufgrund ihres gesteigerten Fachwissens besser eingruppiert werden. „Der Arbeitgeber profitiert davon, dass die Qualität dann einfach besser und auch reproduzierbar ist“, so Eggers. Und der Arbeitgeber „scheint daran Interesse zu haben, ich bin da bisher sehr unterstützt worden“.

Eine weitere Aufgabe des Betriebsrats sei es, „dass wir in den Bereichen, in denen aus unserer Sicht die Personaldecke angepasst werden muss, wir selektiv mit der Geschäftsleitung darüber reden müssen, welche Unterstützungen notwendig sind“. In der Öffentlichkeit dürfe jedoch nicht das Bild erzeugt werden, „dass am UKGM schlecht gearbeitet wird“. Das oberste Gebot für Eggers: sachliche Gespräche führen – Emotion sei ein schlechter Ratgeber. Für ihn steht fest: „Ich bin Botschafter des Gremiums – und mir meiner Verantwortung bewusst. Der Betriebsratsvorsitz ist weder Pfauenthron noch Schleudersitz. Ich will alle mitnehmen", versichert Eggers. „Es muss – auch bei Verhandlungen – etwas Nutzbringendes für alle herauskommen“, so seine Maxime.

Von Andreas Schmidt

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