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Marburg Notfall-Planung: Landkreis ist gewappnet
Marburg Notfall-Planung: Landkreis ist gewappnet
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13:58 12.07.2019
Vom Feldbett bis zur Decke: Gemeindebrandinspektor Wilfried Eucker (von links), Bürgermeister Andreas Schulz, Daniela Becker vom Ordnungsamt und der stellvertretende Brandinspektor Rainer Koch zeigen die Notfall-Ausrüstung, die bei der Feuerwehr Rauischholzhausen eingelagert ist. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Schnelle Hilfe für 50 Menschen: Das Land Hessen verlangt von jeder Kommune einen Betreuungsplatz für den Notfall. Wie sieht es im Landkreis mit den Vorbereitungen aus?

Vor ziemlich genau einem Jahr beschloss das Land Hessen den Sonderschutzplan­ Betreuungsdienst und verpflichtet damit alle hessischen Kommunen, ein festes Betreuungskonzept für den Notfall aufzustellen.

Genauer gesagt ein Gebäude vorzuhalten, in dem im Katastrophenfall Unterkunft und Versorgung für 50 Menschen für mindestens 24 Stunden sichergestellt sind. Das Ziel: Innerhalb weniger Stunden sollen Notunterkünfte samt Infrastruktur bereitstehen.

Konzepte müssen bis Jahresende vorliegen

Mit dazu gehören Verpflegung, geeignete Wasch- und Sanitärbereiche, Spiele oder Notstrom-Versorgung. Als Schutzbereiche dienen in der Regel Bürgerhäuser mit geeigneter Infrastruktur, für die zudem ein Feuerwehrplan erstellt werden muss.

Und das für Notlagen aller Art, wenn Häuser evakuiert werden müssen, Menschen ein Dach über dem Kopf brauchen: Unwetter, Großbrände, Kampfmittelbeseitigung nach einem Bombenfund, ein Busunfall oder ein verunglückter Gefahrguttransporter. Die Planungen für diesen sogenannten „Betreuungsplatz 50“ laufen, bis Jahresende sollen die hessischen Kommunen dem Land ­eine Objektplanung vorlegen.

In der Gemeinde Ebsdorfergrund kann die Mehrzweckhalle Rauischholzhausen als Notunterkunft dienen. Foto: Ina Tannert

Und wie sieht es im heimischen Landkreis aus? Auf OP-Anfrage teilen alle 22 Gemeinden und Städte im Kreis mit, dass bereits öffentliche Gebäude für den Fall einer Katastrophe bestimmt wurden (siehe Kasten). In mancher Gemeinde ist die Planung bereits voll umgesetzt, in anderen fehlt es noch an Ausstattung und vor allem Infrastruktur, wie etwa einer Notstromversorgung.

Betreuungsplatz

Diese Bürgerhäuser haben die Kommunen für den Notfall zur Unterbringung bestimmt:
Amöneburg:
 Mehrzweckhalle Roßdorf
Angelburg: 
Bürgerhaus Gönnern
Bad Endbach: 
Bürgerhaus Bottenhorn
Biedenkopf: 
Fritz-Henkel-Halle in Wallau
Breidenbach: 
Sport- und Kulturhalle in Wiesenbach
Cölbe:
 Mehrzweckhalle Bürgeln 
Dautphetal: 
Bürgerhaus Buchenau
Ebsdorfergrund:
 Mehrzweckhalle Rauischholzhausen
Fronhausen:
 Bürgerhaus Fronhausen
Gladenbach: 
Bürgerhaus Erdhausen
Kirchhain: 
Bürgerhaus Kirchhain
Lahntal: 
Haus am Wollenberg in Sterzhausen
Lohra:
 Bürgerhaus Lohra
Marburg:
 Kleine Halle im Georg-Gaßmann-Stadion
Münchhausen: 
Bürgerhaus Simtshausen
Neustadt:
 Dorfgemeinschaftshaus Momberg
Rauschenberg: 
Mehrzweckhalle Bracht
Stadtallendorf: 
Bürgerhaus Erksdorf
Steffenberg:
 Bürgerhaus Niedereisenhausen
Weimar: Bürgerhaus Niederweimar
Wetter:
 Bürgerhaus Amönau
Wohratal: 
Bürgerhaus Wohra     

Die Gemeinde Ebsdorfergrund stellte kürzlich ihren Betreuungsplatz vor. Die Entscheidung fiel auf die Mehrzweckhalle in Rauischholzhausen.

„Im Notfall können wir hier schnell 50 Leute unterbringen, falls evakuiert werden muss, das ist der beste Standort“, erklärt Gemeinde­brandinspektors Wilfried Eucker.

Vor Ort wäre neben genügend Parkraum nicht nur ausreichend Platz in der knapp 300 Quadratmeter großen Sporthalle plus Mehrzweckraum, sondern auch Sanitärbereiche sowie die Großküche vorhanden.

Durch das Hotel samt Gastronomie vor Ort könne außerdem die Versorgung mit Lebensmitteln gewährleistet werden.

An Ausstattung stehen bereits 50 Feldbetten samt Kissen und Decken bereit, die im Feuerwehrhaus in der Nähe lagern.

Weitere Güter für den Notfall – Hygieneartikel, Steckdosen oder ein Notstromaggregat – sollen demnächst folgen.

Die Gemeinde­ investierte mehr als 5.000 Euro in die Ausstattung, die „ein wichtiger Teil der kommunalen Daseinsvorsorge“ sei, teilt Bürgermeister Andreas Schulz mit. Damit würden sämtliche Auflagen des Landes zum „Betreuungsplatz 50“ erfüllt.

Spanka kritisiert Landesvorgabe

Die organisierte Notfallplanung erhält generell viel Zuspruch aus den Gemeindeverwaltungen. Doch dass die neue Verpflichtung, die auch finanziell gestemmt werden muss, an den Gemeinden hängenbleibt, erntet stellenweise auch Kritik. „Ich kann nicht nachvollziehen, dass das den Kommunen auferlegt wird“, sagt unter anderem der Wetteraner Bürgermeister Kai-Uwe Spanka auf Nachfrage.

Generell obliegt der Katastrophenschutz als Teil der allgemeinen Gefahrenabwehr dem Land. Ansprechpartner vor Ort sind jedoch die Gemeinden, Kreise und kreisfreien Städte, die für den Schutz bei größeren Unglücksfällen verantwortlich sind. Spanka kritisiert: Die zusätzliche Vorhaltung von Notfall-Räumen sollte eigentlich in den Bereich des ­Katastrophenschutzes fallen, sei eine zusätzliche Belastung für die Kommunen, „das ist nicht unsere Aufgabe“.­

Das Bürgerhaus in Amönau hat die Stadt Wetter als „Betreuungsplatz 50“ bestimmt und kann im Notfall 50 Personen für mindestens einen Tag unterbringen und versorgen. Foto: Ina Tannert

Die Stadt Wetter­ hat mit dem Dorfgemeinschaftshaus in Amönau bereits einen Ort für den Notfall bestimmt und hält die erforderliche Ausrüstung bereit. Wie der Kreis mitteilt, handelt es sich bei den Betreuungsplätzen nicht um eine Einrichtung des Katastrophenschutzes, sondern um eine Pflichtaufgabe der Gemeinde nach dem Hessischen Brand- und Katastrophenschutzgesetz.

Planerisch und logistisch ist der Betreuungsplan für die Kommunen durchaus eine Herausforderung. Etwa bei der Installation der Notstromversorgung. Einen Sinn darin sehen so einige Gemeindechefs auch nicht wirklich. Denn zum Einsatz komme ein Notstromaggregat dann, wenn sowieso und meist in großem Umkreis der Strom ausfällt. „Die Notstromeinspeisung ist etwas übertrieben – wenn flächendeckend der Strom ausfällt, reichen 50 Betten auch nicht mehr aus“, sagt etwa Holger Michel, Fachbereichsleiter zentraler Service, Sicherheit und Ordnung der Stadt Neustadt.

Marburg hält mehrere Gebäude im Blick

Auch anderes Pflicht-Material wird stellenweise kritisiert, wie etwa der Moderationskoffer mit Karten und Stiften. „Wir müssen uns solche Sachen jetzt ins Lager legen, das ist schon seltsam und unnötig – 50 Menschen kann ich auch ohne ­Moderationskoffer organisieren. Es geht schließlich um eine vorübergehende Unterbringung“, findet Michel.

Dass ­generell die Notfall-Betreuung mehr organisiert wird, kann er jedoch loben: „Auf jeden Fall ist das eine gute Sache, an so etwas hatten wir schon oft gedacht. Trotzdem wird das alles hoffentlich nie wirklich gebraucht.“

Auch die Sonderstatus-Stadt Marburg steht in der Pflicht, sich nach dem Sonderschutzplan des Landes zu richten. Wie die Pressestelle mitteilt, hält die Stadt für den Notfall mehrere Objekte vor: Primär die kleine Halle im Georg-Gaßmann-Stadion. „Grundsätzlich geeignet“ seien ebenso die Richtsberg-Gesamtschule, das Bürgerhaus Marbach oder die Evangeliumshalle Wehrda.

Notfall-Planung für 25, 
50 oder 500 Menschen

In allen Gemeinden sind neben der Verwaltung und dem Kreis ebenso die örtlichen Feuerwehren eng an der Planung beteiligt. Wo es welche gibt, wird sich auch mit Einzelhändlern oder dem Gastgewerbe vor Ort abgestimmt, um die Versorgung sicherzustellen.

Die Organisation und Überwachung bei der Umsetzung übernimmt der Landkreis als untere Katastrophenschutzbehörde und Brandschutzaufsicht, der zudem jede Kommune kostenlos mit 60 Feldbetten versorgt.

Die 50-Personen-Betreuung ist dabei nur ein Teil der Notfall-Planung: In jedem Landkreis gibt es zwei festgelegte „Betreuungsstellen 25“, in der im Notfall 25 unverletzte Menschen für sechs Stunden unterkommen können. Hierzulande­ sind das die DRK-Häuser in Wetter und Biedenkopf.

Landkreis lagert Material zentral in Cappel 

Außerdem sind zwei „Betreuungsstellen 500“ vorhanden, die zur Aufnahme von 500 Betroffenen über einen Zeitraum von 48 bis maximal 72 Stunden dienen. Laut Pressestelle des Kreises wurden dafür die Schulen in Niederwalgern und Stadtallendorf bestimmt, die bei Bedarf zu Notunterkünften umgerüstet werden können, inklusive Notstromeinspeisung. Als weiterer Standort soll die Gesamtschule in Wetter bald folgen.

„Ziel ist es, an strategisch relevanten Punkten im Landkreis weitere Landkreisliegenschaften so herzurichten, dass dort jederzeit ein Betreuungsplatz 500 eingerichtet werden kann“, teilt der Kreis mit. Material und Ausstattung für alle Betreuungsplätze – darunter Feldbetten, Decken, Hygieneartikel – werden im Katastrophenschutzlager in Cappel gelagert.

von Ina Tannert