Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Zwischen Appell und Realität
Marburg Zwischen Appell und Realität
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:00 14.01.2021
Eine pädagogische Fachkraft in einer Kindertagesstätte liest in den Räumlichkeiten der Kita, Kindern aus einem Buch vor.
Eine pädagogische Fachkraft in einer Kindertagesstätte liest in den Räumlichkeiten der Kita, Kindern aus einem Buch vor. Quelle: Arno Burgi/ZB/dpa
Anzeige
Landkreis

Kita-Betreuung oder nicht? Vor dieser Frage stehen gerade viele Eltern während des verlängerten zweiten Lockdowns. Dieses Mal liegt die Entscheidung bei ihnen, anders als im Frühjahr 2020. Damals waren die Kindertagesstätten nur für Kinder geöffnet, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten. Während des aktuellen Lockdowns appelliert zwar das Land an die Eltern, wann immer irgendwie möglich ihre Kinder daheim zu betreuen. Doch grundsätzlich stehen die Kitas weiterhin offen.

Städte und Gemeinden müssen jetzt im Landkreis auch darüber beraten und entscheiden, ob für die Eltern, die ihre Kinder zu Hause halten, weiterhin Beiträge fällig werden oder nicht. Der ein oder anderen Kommune wird es dabei sicherlich helfen, dass die Landesregierung am Dienstag verkündet hat, dass sie die Hälfte der ausfallenden Beiträge je Kommune übernehmen wird. Landesweit stehen dafür zunächst zwölf Millionen Euro bereit.

„Für uns ist das gut, das hilft uns“, sagt Stadtallendorfs Bürgermeister Christian Somogyi. In der zweitgrößten Stadt des Landkreises hat der Magistrat bereits eine Gebührenbefreiung beschlossen. Die Höhe der Befreiung soll sich nach der Zahl der Tage richten, die Eltern ihre Kinder in die Kitas und Krippen der Stadt bringen. Das muss aber noch vom Stadtparlament entschieden werden, da es sich um die Änderung einer Satzung handelt. Und so weit reicht die Macht eines Magistrates dann doch nicht. Mit den anderen Trägern, etwa den Kirchengemeinden, gibt es Gespräche.

Von den 300 städtischen Kita-Plätzen in Stadtallendorf sind nach Angaben der Stadtverwaltung aktuell etwa 50 Prozent genutzt. Ähnlich verhalte es sich in den Kindertagesstätten der anderen Träger, sagt Bürgermeister Somogyi. Die Lage in der Nachbarstadt Kirchhain ist ähnlich. „Besonders in den Einrichtungen, die eine ganztägige Betreuung anbieten, ist die Zahl der Kinder hoch“, erläutert Bürgermeister Olaf Hausmann. Die Krabbelstube besuchen 39 von 60 Kindern, in die Kita „Im Brand“ kommen 45 von 82 Kindern derzeit. Es seien vor allem berufstätige Eltern, die das Angebot der Kinderbetreuung nutzten und auch darauf angewiesen seien, so Hausmann. In Kirchhain wird zunächst der Magistrat über eine Gebührenerstattung beraten.

Keine Planungssicherheit für Kindertagesstätten

Kreisweit gibt es bei den Betreuungszahlen in den einzelnen Einrichtungen durchaus Unterschiede. Etwa in jenen des Vereins „Kinder sind unsere Zukunft“ als freier Träger in Lahntal und Münchhausen: „In den Einrichtungen des Vereins werden seit dem 11. Januar circa 60 Prozent der Kinder betreut – in der Krippe Goßfelden 90 Prozent“, berichtet Leiterin Simone Karcher. Seit dieser Woche steigen die Anmeldungen dabei spürbar an. Sie könne verstehen, dass nicht alle Eltern zwischen Beruf, Homeoffice und Kinderbetreuung wählen können, gerade bei kleinen Kindern. „Es ist für Eltern schon schwierig, das zu vereinbaren.“

Auch in den Kitas der Kirchenkreise gehen die Zahlen auseinander: Die Nachfrage stehe „zwischen 25 bis knapp 65 Prozent, das ist von Haus zu Haus unterschiedlich“, berichtet Pfarrer Alexander Bartsch, Vorsitzender des Zweckverbandes evangelischer Kindertagesstätten – sowohl im Kirchenkreis Kirchhain wie im Kirchenkreis Marburg. Der Zweckverband ist Träger für 18 Einrichtungen im ganzen Kreisgebiet. Auch hier lägen die Zahlen im Krippenbereich etwas höher. Im Vergleich zum Mai letzten Jahres ist die Auslastung, Stand jetzt, in etwa gleich. Im Juni wiederum seien die Zahlen höher gewesen.

Die aktuellen Regeln führen mitunter auch zu großen Unterschieden in den Gruppen der selben Einrichtung: Etwa gibt es in einer Kita drei Gruppen; während zwei davon zu 70 Prozent ausgelastet sind, kommen in der dritten nur 20 Prozent der Kinder. Das liegt an der Empfehlung des Landes, die Stammgruppen nach Möglichkeit nicht zu mischen. Danach richten sich die Träger, auch weil das pädagogisch angebracht sei, um Kinder, die sich bereits kennen, nicht auseinanderzureißen, erläutert Bartsch.

Doch eine wirkliche Planungssicherheit gibt es noch nicht: Seit dieser Woche steigen die Anmeldungen auch bei den kirchlichen Kitas an, Bartsch rechnet am Ende mit einer Belegung von rund 80 Prozent. Das Land hatte immer wieder appelliert, dass so wenige Kinder wie möglich in Kitas betreut werden sollten. Danach sieht es nicht wirklich aus, was wohl auch an den veränderten Regeln in diesem Lockdown liegt.

„Die Kitas sind offen, man soll nur nicht kommen“, fasst Bartsch zusammen. Auch die Träger schließen sich dem Appell des Landes an, haben gleichzeitig aber die Pflicht, alle, die kommen, auch zu betreuen. Die Eltern entscheiden; diese haben allerdings auch weniger Argumente ihrem Arbeitgeber gegenüber, weder die Nicht-Systemrelevanz noch die eigentlich geschlossene Kita, wie im ersten Lockdown. Eine „Gratwanderung“, aber er könne die Eltern auch verstehen, die nun unter einer anderen Art von Druck stünden.

Was die Kita-Beiträge angeht, richten sich die Zweckverbände nach der jeweiligen von insgesamt elf Kommunen. Diese müssen nun in den Gremien darüber entscheiden, wie sie die Beitragszahlungen regeln. Demnächst wird sich auch der Gemeindevorstand Lahntal damit befassen, danach das Parlament. Bürgermeister Manfred Apell spricht sich für eine Befreiung von den Elternbeiträgen aus: „Ich denke, es wird wie beim letzten Mal laufen, dass die Gebühren erlassen werden.“ Sollte der Lockdown verlängert werden, könne sich das dann auch auf die folgenden Monate auswirken.

In der Gemeinde Ebsdorfergrund werden ebenfalls die Krippengruppen stärker beansprucht, was die Anmeldungen angeht, und sind aktuell bis zu 80 Prozent gefüllt. Die Gruppen der Gemeinde-Kitas wiederum zwischen 30 und 50 Prozent, teilt Bürgermeister Andreas Schulz mit. Um die Zahl weiter zu reduzieren, wolle er den Eltern einen Verzicht auf eine Betreuung durch den Erlass der Januar-Beiträge schmackhaft machen: Die Beschlüsse von Gemeindevorstand und Haupt- und Finanzausschuss stehen zwar noch aus, Schulz hat die Eltern aber bereits vorab informiert, dass die Beiträge für den Januar für jene Eltern erstattet werden, die ab nächsten Montag und für den Rest des Januars auf eine Betreuung in Krippe oder Kindergarten verzichten.

Das Angebot solle sowohl für die drei Gemeinde-Kitas wie auch für die evangelischen Einrichtungen und den Waldkindergarten und im Lockdown-Fall auch für den Februar gelten.

Von Ina Tannertund Michael Rinde

14.01.2021
Marburg Geschichtsstunde mit Steinmeier - Marburger Historiker beim Präsidenten
14.01.2021