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Marburg Vergewaltiger bekommt Bewährung
Marburg Vergewaltiger bekommt Bewährung
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19:00 25.05.2019
Am Marburger Landgericht wurde eine Vergewaltigung neu aufgerollt. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
Marburg

Sowohl die Verteidigung als auch die Marburger Staatsanwaltschaft hatten Berufung gegen das Amtsgerichtsurteil eingelegt – mit gegensätzlichen Zielen. Wegen Vergewaltigung und fahrlässiger Körperverletzung hatte das Gericht den Mann zu zwei Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Der Staatsanwaltschaft war das zunächst zu wenig.

Die Verteidigung hingegen wollte das Strafmaß verringern. Der Verurteilte und seine Rechtsvertreter wollten nochmals darüber befinden lassen, ob es sich bei dem Vorfall tatsächlich um eine Vergewaltigung handelte, oder ob es vielleicht lediglich sexuelle Nötigung war.

Mit einer dementsprechenden Änderung des Urteils wäre der sogenannte Strafrahmen, den das Gericht für das Urteil zugrunde legen müsste, niedriger ausgefallen, und eine Bewährung im Bereich des Möglichen. Bei dem Urteil des Amtsgerichts war das aufgrund der Höhe der Freiheitsstrafe ausgeschlossen. Maximal zwei Jahre Gefängnis können ausgesetzt werden. Wer mehr aufgebrummt bekommt, muss einsitzen.

Es war eindeutig eine Vergewaltigung

In dem Berufungsprozess nahm Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier der Verteidigung gleich den Wind aus den Segeln: Die Ereignisse auf der Parkbank seien eindeutig eine Vergewaltigung gewesen. Hierzu verwies sie auf die im Rechtswesen gebräuchliche Sekundärliteratur.

An jenem Tag hatte der Mann die junge Frau zum Oralverkehr gezwungen, sie zudem geohrfeigt und festgehalten. Anschließend hatte er das Opfer mit einer Freundin am Tatort alleingelassen und war mit seinem Pkw davongefahren.

Die Frau und ihr Peiniger kannten sich, hatten sich vorher schon das ein oder andere Mal getroffen. Auch hatten die beiden zuvor schon einvernehmlichen Oralverkehr. Ein Paar waren sie allerdings zu keinem Zeitpunkt, wie die Frau im Zeugenstand aussagte.

Der Verurteilte hatte das damals offenbar ganz anders eingeschätzt. Als dann der Kontakt zwischen den beiden für einige Wochen abgebrochen war, hatte der Mann während der Verabredung am Tag der Tat versucht, der Frau wieder näherzukommen. Als sie seine Avancen aber ablehnte, wurde er ihr gegenüber gewalttätig.

Verurteilter: "Ich gestehe alles."

Nachdem die Staatsanwaltschaft in dem Berufungsverfahren deutlich gemacht hatte, dass eine Neuverhandlung des Deliktes keinen Erfolg verspricht, entschied sich die Verteidigung nach kurzer Rücksprache dazu, darauf zu verzichten und in dem Berufungsprozess lediglich über das Strafmaß neu verhandeln zu wollen.

Der Vorsitzende Richter Gernot Christ wollte von dem Verurteilten hören, wie er mittlerweile über die Vergewaltigung denkt. Daraufhin verlor sich der Mann in Erklärungen über den Tattag, äußerte zwar auch Bedauern, machte aber um den Kernvorwurf der Vergewaltigung in seinen Ausführungen einen Bogen.

Richter Christ war drauf und dran, die Geduld mit dem Mann zu verlieren, als dessen Anwälte die Verhandlung unterbrechen ließen – wohl um ihrem Mandanten vor Augen zu führen, dass es an der Zeit war, sich reuig zu zeigen. Zurück im Gerichtssaal äußerte sich der Mann dann mit tränengeröteten Augen reuig und sagte auch: „Ich gestehe alles.“

Vermutlich war er sich in diesem Augenblick gar nicht bewusst, welche Bedeutung seine Worte für den weiteren Verlauf der Verhandlung haben würden. In seiner Urteilsbegründung sagte Gernot Christ später, dass es den meisten Vergewaltigern nicht leichtfalle, sich zu ihrer Tat zu bekennen. Dass der Verurteilte dies – wenn auch auf Druck von Gericht und eigenen Rechtsvertretern hin – dann doch tat und auch glaubhaft Reue zeigte, sollte bei der Bemessung des Strafmaßes eine Rolle spielen.

Opfer und Täter mochten sich

Auch das Opfer der Vergewaltigung sagte vor Gericht aus. Die Frau gab zu Protokoll, dass ihr Peiniger sich ihr gegenüber zuvor niemals gewalttätig aufgeführt hatte. Sie habe ihn gemocht bis zu jenem Tag. Deshalb wünsche sie auch nicht, dass er ins Gefängnis muss.

In ihren Schlusseinlassungen wollte sich die Verteidigung nicht auf ein Strafmaß festlegen. Lediglich auf Bewährung sollte es sein. Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier kam dieser Forderung entgegen und plädierte auf eine zweijährige Freiheitsstrafe. „Der Angeklagte hat Gewalt angewendet, da gibt es nichts zu beschönigen“, sagte sie. Auch sei der Mann vorbestraft, wenn auch nicht einschlägig, also nicht wegen weiterer Sexualdelikte. Die Folgen der Tat seien gravierend für die Frau. Sie wurde in der Schule schlechter, konnte sich nicht mehr auf neue Bekanntschaften einlassen und hat seitdem Angst, allein draußen zu sein.

Dennoch sei der Fall außergewöhnlich, so Brinkmeier, weil der Mann sein Opfer nur ganz kurz penetriert hatte und zudem ein werthaltiges Geständnis ablegte.

Die von der Staatsanwältin geforderte Strafe sollte schließlich das Maß sein, auf das sich die Kammer nach längerer Beratung festlegte. Die zweijährige Freiheitsstrafe wird für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem muss der Mann Schadenersatz in Höhe von 2.000 Euro an sein Opfer zahlen, eine Therapie belegen sowie innerhalb zweier Jahre 300 Stunden für gemeinnützige Zwecke arbeiten.

Schlusspunkt und Anfang zugleich

Dass der Mann mit einer Bewährung davonkommt, hängt zum einen daran, dass die Vergewaltigung am unteren Ende des Spektrums einer solchen Tat liegt. Die Penetration erfolgte für den Bruchteil eines Augenblicks und unterscheidet sich nach Auffassung des Gerichts auch deshalb in der Intensität von den meisten Fällen dieser Art. Das Gericht stufte den Fall daher als minderschwer ein und legte deshalb einen weniger harten Strafrahmen zugrunde.

Zum anderen spielten für das Strafmaß auch eine günstige Sozialprognose und die Tatsache, dass der Mann vor und nach der Tat keine weiteren Anzeichen von Gewalttätigkeit oder Aggression zeigte, eine Rolle.
Richter Gernot Christ mahnte zum Schluss. „Sie können froh sein, dass Ihr Opfer nicht völlig aus der Bahn geworfen wurde.“ So habe es für die Bewährung gerade noch so gereicht, sagte Christ. Das rechtskräftige Urteil sei für das Opfer hoffentlich ein Schlusspunkt. Für den Verurteilten müsse es aber der Anfang der Aufarbeitung seiner Tat sein.

von Dominic Heitz