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Marburg Berufung im Vergewaltigungsprozess
Marburg Berufung im Vergewaltigungsprozess
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20:03 25.08.2021
Vor dem Marburger Landgericht begann gestern die Berufungsverhandlung in einem Vergewaltigungsprozess gegen einen heute 28-jährigen Mann aus der Schwalm.
Vor dem Marburger Landgericht begann gestern die Berufungsverhandlung in einem Vergewaltigungsprozess gegen einen heute 28-jährigen Mann aus der Schwalm. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Im Februar verurteilte das Marburger Amtsgericht einen damals 27 Jahre alten Mann aus der Schwalm wegen der Vergewaltigung einer 20-jährigen Frau aus dem Ostkreis zu drei Jahren und vier Monaten Haft. Das Gericht unter Vorsitz der Richterin Melanie Becker sah es als erwiesen an, dass der inzwischen 28-Jährige im August 2020 die junge Frau vergewaltigte, verletzte, nötigte und als „N…“ beleidigte. Darüber hinaus hat er einen Polizisten als „Hurensohn“ bezeichnet. Der Mann sitzt seit seiner Festnahme im August 2020 in Untersuchungshaft. Aus Sicht des Gerichts besteht Verdunklungsgefahr.

Seit gestern wird das komplette Verfahren vor der 2. Strafkammer des Marburger Landgerichts unter Vorsitz von Richter Dr. Sebastian Pfotenhauer noch einmal aufgerollt. Der Grund: Sowohl die Staatsanwaltschaft Marburg als auch die Verteidigung haben Berufung gegen das Urteil eingelegt. Staatsanwältin Janina Pristl ist die Strafe zu niedrig, den Verteidigern Sebastian Knebel und Frank Richtberg, der den Strafverteidiger Thomas Strecker aus dem ersten Prozess ersetzt hat, zu hoch. Drei Verhandlungstage sind anberaumt. Die 19 Zeugen und ein Gutachter sollen alle wieder gehört werden.

Kompliziertes Verfahren

Es ist ein kompliziertes Verfahren über eine toxische Beziehung, denn der Mann und die junge Frau hatten bereits vor der Tat eine kurze sexuelle Beziehung. Letztlich steht Aussage gegen Aussage.

Richter Pfotenhauer machte zu Beginn des Verfahrens deutlich, dass die „Beweissituation“ aus dem ersten Verfahren „gar nicht so schlecht“ sei. Zumal der Gießener Rechtsmediziner Professor Reinhard Dettmeyer bereits im ersten Verfahren Fotos beurteilt hatte, die die junge Frau im Klinikum hatte dokumentieren lassen. Die vielen blauen Flecken am Körper seien nicht durch einen Sturz verursacht worden, sondern durch Schläge, Stöße und eventuell auch Bisse.

Richter Pfotenhauer erklärte, es sei aus Sicht des Angeklagten zu erwägen, dass eine „geständige Einlassung“ günstige Auswirkungen auf dessen weitere Haftsituation haben könne. Der Angeklagte und die Verteidigung lehnten dies ab. Der Verteidiger Frank Richtberg betonte, dass das Urteil „rein rechtstechnisch“ aufgrund unterschiedlicher Aussagen der Nebenklägerin „im Kernbereich der Anklage“ nicht haltbar sei.

Handy sichergestellt

Auch im weiteren Verfahren änderte sich nichts an der Situation „Aussage gegen Aussage“. Glaubt man dem Angeklagten, dann hat ihn die 20-Jährige regelrecht verfolgt, ihn immer wieder aufgefordert, zu ihr zu kommen. Sie habe ihm gegenüber zudem deutlich gemacht, dass sie „keinen Blümchensex“ wolle. Von Vergewaltigung könne aus seiner Sicht keine Rede sein, es sei einvernehmlicher Sex gewesen. Sie habe ihn am Tattag nur mit BH und Tanga bekleidet empfangen, sogar die Türe abgeschlossen, den Schlüssel behalten und ihn nicht gehen lassen wollen. Nach dem Sex habe sie ihn überredet, bei ihr zu übernachten. „Schläge gab es nicht, nur Backpfeifen“, sagte er. Die Anzeige wegen Vergewaltigung habe ihn überrascht.

Zu belastenden Chats, die von der Polizei auf seinem Handy sichergestellt wurden, sagte er, dass sie nicht von ihm seien. Sein Handy werde von vielen Freunden genutzt, die hätten manche Chat-Nachrichten geschrieben.

Aus Sicht der jungen Frau, die fast zwei Stunden lang unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehört wurde, stellt sich der Fall deutlich anders dar. Richter Pfotenhauer trug die Vernehmungsprotokolle der Polizei vor. Demnach hat sie sich bei dem Mann mehrfach über dessen aggressive Sexualpraktiken beschwert. Sie habe öfters blaue Flecken gehabt. Er habe sie gebissen, bestimmte Sexpraktiken habe sie abgelehnt, er jedoch habe sie eingefordert. Besonders schlimm sei es in der Tatnacht gewesen. Sie habe ihm mehrfach mitgeteilt, er solle aufhören, sie habe Schmerzen. Er habe sie geschlagen und gebissen. Am nächsten Morgen habe sie auch einen Schlagring auf dem Tisch gesehen.

Am ersten Verhandlungstag wurden alle am Mittwoch (25. August) geplanten Zeugenaussagen auf den 7. September vertagt. Das Berufungsverfahren wird am Donnerstag (26. August) fortgesetzt.

Von Uwe Badouin

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