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Marburg Neue Karriere-Chancen für Berufstätige
Marburg Neue Karriere-Chancen für Berufstätige
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11:00 17.07.2022
Angehende Metallbauer üben Schweißen. Angesichts des Fachkräftemangels sind auch erwachsene Auszubildende bei Betrieben begehrt.
Angehende Metallbauer üben Schweißen. Angesichts des Fachkräftemangels sind auch erwachsene Auszubildende bei Betrieben begehrt. Quelle: Waltraud Grubitzsch
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Marburg

Der Mann war richtig aufgebracht, als er bei der Marburger Agentur für Arbeit anrief: „Ich schmeiß jetzt alles hin, ich kündige!“, sagte er. Doch im Gespräch fand Berater Stephan Theißen rasch heraus, dass er dem Mann helfen konnte. Das Problem des Anrufers: Als Helfer im Gartenbau pendelte er seit zwei Jahrzehnten täglich zu einer 90 Kilometer entfernten Arbeitsstelle. „Durch die hohen Benzinpreise haben die Spritkosten fast seinen Lohn überschritten“, erzählt Theißen. „Ich habe ihm gesagt: Sie können doch eine qualifizierende Ausbildung machen!“ Tatsächlich hatte der Anrufer vor über 20 Jahren eine Lehre als Fahrzeuglackierer begonnen, die er aber nicht abschließen konnte, weil der Ausbildungsbetrieb pleite ging.

Die Arbeit mit Autos machte ihm immer noch Spaß, er hatte selbst zwei Oldtimer restauriert. Theißen schaute also mit dem Arbeitgeberservice der Agentur nach einem geeigneten Ausbildungsbetrieb. So kann der bisherige Helfer bald eine Fahrzeuglackierer-Ausbildung absolvieren und so ein besseres Einkommen erzielen.

Für Fälle wie diesen gibt es seit eineinhalb Jahren bei der Arbeitsagentur die „Berufsberatung im Erwerbsleben“. Theißen und seine Kollegin Claudia Forster beraten in Marburg sowie den Agentur-Geschäftsstellen Biedenkopf und Stadtallendorf Menschen zwischen 25 und 65 Jahren, die sich qualifizieren oder beruflich neu orientieren, wieder ins Berufsleben einsteigen oder mit einer Weiterbildung fit für die Zukunft werden wollen. Oft arbeiten die Betroffenen als ungelernte Hilfskräfte. Dafür gibt es vielfältige Gründe. Frauen, die schon früh Mutter geworden sind, haben keine Ausbildung absolviert oder im erlernten Beruf den Anschluss verloren. Auch Väter verzichten oftmals auf eine Ausbildung und arbeiten stattdessen als Helfer im Schichtdienst, um genug Geld zu verdienen.

Chance für Ausbildungsbetriebe

Zuwanderer arbeiten wegen der Sprachbarriere erst einmal im Helfer-Bereich. Manche Erwachsene ohne Ausbildung sagen auch: „Ich hatte damals einfach Flausen im Kopf.“ Einige haben eine Ausbildung abgeschlossen, aber dann festgestellt, dass der Beruf nicht zu ihnen passt.

Doch die Betroffenen haben beste Chancen, beruflich neu durchzustarten. „Wir haben einen absoluten Fachkräftemangel“, betont Daniela Blüder, Bereichsleiterin bei der Agentur für Arbeit. Deshalb rennt Beraterin Forster nach eigener Aussage bei der Suche nach Ausbildungsbetrieben für Erwachsene offene Türen ein: „Das ist auch für Arbeitgeber eine Chance, wenn sie Ausbildungsstellen nicht mit Jugendlichen besetzen können“, sagt sie. Manchmal können Beschäftigte sogar im bisherigen Unternehmen eine Ausbildung machen. Das lohnt sich auch für Arbeitgeber, weil beispielsweise im Elektriker-Handwerk bestimmte Arbeiten nur von Gesellen ausgeübt werden dürfen. Die Berufsberatung läuft ähnlich wie bei Jugendlichen. „Im Gespräch wird erst einmal geschaut, wo liegen die Stärken“, erklärt Saskia Müller, die als stellvertretende Teamleiterin für die Berufsberatung im Erwerbsleben in mehreren nordhessischen Regionen zuständig ist.

Es gibt finanzielle Fördermittel

Für Menschen, die sich qualifizieren wollen, bietet die Agentur für Arbeit auch Orientierungsveranstaltungen an – zum Beispiel „Karriere im Handwerk“ oder „Vom Helfer zur Fachkraft“.

Ganz wichtig für Erwachsene, die eine Ausbildung absolvieren wollen: Sie können dafür auch finanzielle Förderung bekommen, müssen also nicht von einem schmalen Lehrlings-Einkommen leben. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. So soll der angehende Fahrzeuglackierer während seiner Ausbildung einen Helferlohn bekommen. Der Betrieb kann unter Umständen bis zu 100 Prozent Fördermittel beantragen.

Weiterbildung für alle

Die Arbeitswelt steht durch die Digitalisierung, die alternde Gesellschaft, den Fachkräftemangel und den Strukturwandel vor tiefgreifenden Veränderungen. Deshalb ist die Idee einer lebensbegleitenden Berufsberatung entstanden. Bundesweit bieten die Arbeitsagenturen Berufsberatung im Erwerbsleben an.

Die Politik versucht zudem, mit neuen Gesetzen die Weiterbildung und Qualifizierung zu fördern. Durch das Qualifizierungschancengesetz (2019) profitieren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unabhängig von ihren Qualifikationen, ihrem Alter und der Betriebsgröße von einer Weiterbildungsförderung. Voraussetzung ist, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vom Strukturwandel betroffen sind oder in einem Beruf mit Fachkräftemangel arbeiten. Mit dem Arbeit-von-morgen-Gesetz (2020) wurden die Zuschüsse in besonders vom Strukturwandel betroffenen Bereichen erhöht.

Die „Berufsberatung im Erwerbsleben“ ist telefonisch erreichbar unter 0 64 21 / 60 57 05 oder per E-Mail an marburg.berufsberatung-im-erwerbsleben@arbeitsagentur.de. Persönliche Gespräche sind in Marburg, Stadtallendorf und Biedenkopf, am Telefon oder per Videocall möglich.

Veranstaltungen zum Thema sind unter der Adresse https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/marburg/veranstaltung zu finden.

Ansprechpartner für Unternehmen ist der Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur.

Von Stefan Dietrich

16.07.2022
16.07.2022