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Marburg Patientenverfügung ist keine Sterbehilfe
Marburg Patientenverfügung ist keine Sterbehilfe
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13:56 19.11.2020
Die Patientenverfügung und auch die Vorsorgevollmacht sind im Bürgerlichen Gesetzbuch geregelt. Quelle: Katja Peters
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Marburg

„Eine Patientenverfügung ist kein Formular, wo ich irgendetwas ankreuze und dann die Verantwortung los bin“, sagt Dr. Anna Stach, Leiterin der Beratungs- und Geschäftsstelle vom Marburger Verein für Selbstbestimmung und Betreuung.

„Denn eine Patientenverfügung ist kein einmaliges Papier, sondern muss immer wieder neu bewertet werden“, ergänzt sie noch. Gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie sollten diese Dokumente neu überdacht werden, sollten Gespräche in den Familien und mit den behandelnden Ärzten stattfinden.

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Eine Patientenverfügung ist rechtlich bindend und legt die Begrenzung der medizinischen Maßnahmen am Lebensende fest. Anna Stach betont noch einmal: „Sie ist keine Sterbehilfe.“

„Vor dem Tod wird gelebt“

„Aber vor dem Tod wird gelebt“, sagt Ulrike Lux vom Pflegestützpunkt der Stadt Marburg und verweist auf die Vorsorgevollmacht, die das viel wichtigere Dokument ist. Denn die regelt, wer die rechtliche Vertretung übernimmt, wenn man selbst nicht mehr geschäftsfähig ist.

„Das heißt also, wer meine Angelegenheiten klärt, wenn ich es nicht mehr kann. Und zwar in meinem und nicht im eigenen Sinne“, betont Anna Stach. Und Elisabeth Bender von der Alzheimer-Gesellschaft Marburg-Biedenkopf ergänzt:

Elisabeth Bender von der Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf. Quelle: Katja Peters

„Die Vorsorgevollmacht kann nur aufgesetzt werden, wenn man all das noch versteht, was dort abgefragt wird. Schwierige Passagen sind beispielsweise für Menschen mit Demenz im mittleren Stadium kaum noch erklärbar“, weiß sie aus unzähligen Beratungsgesprächen mit Angehörigen, „die sich oft erst Hilfe suchen, wenn es zu spät ist, wenn eine Entscheidungsfähigkeit gar nicht mehr da ist, vielleicht nur noch eine Einwilligungsfähigkeit“.

Das bedeutet, dass mit „Ja“ und „Nein“ geantwortet werden muss. „Aber Demenzerkrankte entscheiden aus der jetzigen Situation heraus. In ein paar Stunden kann die Einstellung zu manchen Dingen ganz anders sein“, erklärt die Beraterin. Angehörige entscheiden oft so, wie der an Demenz Erkrankte vielleicht früher entschieden hätte.

„Wichtig ist bei all dem, dass die oder der Betroffene trotz aller Einschränkungen mit einbezogen und nicht einfach über seinen Kopf entschieden wird.“ Allerdings ist es umgekehrt auch schwierig: „Eltern, die der Meinung sind, dass ihre Kinder schon richtig entscheiden werden, bürden diesen eine große Verantwortung auf. Dessen sollten sie sich bewusst sein“, so die Demenz-Expertin.

„Es gibt viel Resignation, aber auch viel Hilfe“

„Denn“, so betont Anna Stach, „jeder Mensch muss die Hoheit über sein eigenes Leben behalten.“ So steht es auch in den UN-Menschenrechtskonventionen. Eine Patientenverfügung ist nach Paragraph 1901a Bürgerliches Gesetzbuch rechtsbindend. Genau deshalb muss konkret besprochen sein, welche medizinischen Maßnahmen in bestimmten Fällen im Sinne des Erkrankten sind und welche nicht.

Ulrike Lux vom Pflegestützpunkt der Stadt Marburg. Quelle: privat

„Einfach ‚keine lebensverlängernden Maßnahmen‘ dort reinzuschreiben, reicht nicht“, erklärt Anna Stach und verweist auf Gespräche mit dem Hausarzt oder weitere behandelnde Ärzte. Selbstbestimmt dem Lebensende entgegenzugehen, lautet das Stichwort. „Die Frage nach dem: Wie will ich sterben? muss mit der Frage verknüpft sein: Wie will ich leben?“, sagt Ulrike Lux.

„Es gibt viel Resignation, aber es gibt auch viele Menschen, die sich im Pflegefall kümmern“, weiß Anna Stach und gibt Beispiele: „Bürgerhilfe, Johanniter, die Freiwilligenagentur.“ Die Leiterin des Pflegebüros ergänzt: „Viele wissen gar nicht, was es für Unterstützungsangebote in ihrer Stadt oder in ihrer Kommune gibt. Und ja, es ist möglich, ein gutes Leben mit einer großen Einschränkung zu leben.“

„Die letzten Fragen des Lebens sind stark“

Dr. Anna Stach vom Marburger Verein für Selbstbestimmung und Betreuung Quelle: privat

Das alles zu besprechen, bedarf viel Vertrauen, wenig Emotionen und vor allem Ehrlichkeit. „Familienromantik hilft da wenig“, wird Anna Stach pragmatisch. „Eine Enttabuisierung von Tod und Sterblichkeit wäre hilfreich. Denn die letzten Fragen des Lebens sind stark.“

Kontakt zum Beratungszentrum mit integriertem Pflegestützpunkt, Am Grün 16, 35037 Marburg: Telefonnummer: 06421/2011844, montags bis freitags ab 8.30 Uhr.

Von Katja Peters