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Marburg AfD ist "nicht zu vernachlässigen"
Marburg AfD ist "nicht zu vernachlässigen"
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00:18 20.05.2019
Ein AfD-Anhänger demonstriert in Erfurt mit Fotos des thüringischen Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke. Laut Professor Benno Hafeneger werden die Landtagswahlen in Ostdeutschland über die zukünftige Ausrichtung der Partei entscheiden. Quelle: Bodo Schackow
Marburg

Wenige Wochen vor der Europawahl hat die AfD ­eine Ortsgruppe in Marburg gegründet (die OP berichtete). Man wolle bei der Kommunalwahl 2021 neben dem Kreistag auch in einigen Stadt- und Gemeindeparlamenten mit Wahllisten antreten, gab der Kreisvorsitzende Julian Schmidt Anfang der Woche bekannt. Rechtsextremismus-Experte Professor Benno Hafeneger überrascht dieser Vorstoß nicht. Es sei nur eine Frage der Zeit ­gewesen, sagt er.

Die AfD habe sich in Deutschland ein stabiles Wählerpotenzial erarbeitet, sagt Hafeneger. Diese Wähler könnten sich die anderen Parteien auch nicht so schnell wieder zurückholen. Laut Hafeneger liegt die Zahl der Deutschen, die wiederholt die AfD wählen, bei 10 bis 15 Prozent.

Partei will eine "bürgerlich-konservative Opposition"

Auch in Marburg könne man die Gründung des Ortsverbandes nicht ignorieren, die AfD werde auch hier „kein zu vernachlässigender Faktor“ sein. Bei den Kommunalwahlen erwartet Hafeneger „Stand jetzt“ Ergebnisse zwischen 5 und 10 Prozent. Diese Einschätzung deckt sich mit den Ergebnissen der Landtagswahl im Herbst 2018.

Dort holte die AfD in Marburg 7,5 Prozent. In einzelnen Stadtteilen lag sie indes deutlich über diesem Mittelwert. Am Oberen Richtsberg beispielsweise fuhr die AfD bis zu 33 Prozent ein. Allein durch den zu erwartenden Einzug ins Stadtparlament werde die AfD relevant, da sie dadurch die Mehrheitsverhältnisse verändert, sagt ­Hafeneger.

Da sei es zunächst unerheblich, wer oder was die Partei in Marburg vertrete. Der neue AfD-Sprecher Johannes Hühn teilte in einer Pressemitteilung mit, die Partei ­wolle eine „bürgerlich-konservative Opposition“ in Marburg etablieren. Das wollte auch die Landtagsfraktion.

„Das hält sie bisher aber nicht durch“, sagt Hafeneger. Anhand der Anträge und von Zwischenrufen könne man den Einfluss des völkisch-rassistischen Flügels schon wenige Monate nach der Wahl deutlich erkennen.

Männerdominanz innerhalb der Partei

Für Hafeneger ist deshalb spannend zu sehen, in welchem Lager sich der Marburger Ortsverband innerhalb der Partei einordnen wird. Betreibt er wirklich konservative Politik oder ist das Vorhaben nur ein Deckmantel? Deutschlandweit radikalisiere sich die Partei zunehmend. Dies bestätigen alle Beobachter, sagt Hafeneger.

Entscheidend sind laut ihm die Landtagswahlen im Herbst in Ostdeutschland. Dort gilt der völkisch-nationalistische Flügel­ als besonders stark. „Wenn dort die Radikalen Wahlerfolge feiern, stärkt das dieses Lager“, sagt Hafeneger.

Vor allem dann, wenn die CDU beispielsweise in Sachsen tatsächlich mit der AfD koalieren würde. Anderenfalls müsse sich zeigen, ob es noch andere Kräfte innerhalb der AfD gebe, sagt Hafeneger.

Auch wenn noch vieles unklar ist, eines zeige sich bei der Gründung der Marburg-AfD aber deutlich: die Männerdominanz innerhalb der Partei. Mit Heike Balzer ist nur eine Frau im siebenköpfigen Vorstand des Ortsverbandes. 

von Tobias Kunz