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Marburg Harmlose Begrüßung – oder mehr?
Marburg Harmlose Begrüßung – oder mehr?
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10:58 26.01.2020
Eine junge Frau zeigte einen Nachbarn wegen sexueller Belästigung an. Dieser bestreitet die Tat. Archivfoto
Eine junge Frau zeigte einen Nachbarn wegen sexueller Belästigung an. Dieser bestreitet die Tat. Quelle: Archiv
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Marburg

Die Aussagen könnten unterschiedlicher nicht sein: Eine junge Frau, mutmaßliches Opfer und gleichzeitig Nebenklägerin, schildert vor Gericht, der Angeklagte habe sie in ihrer Wohnung mehrfach gegen ihren Willen mit beiden Armen umklammert und sie zu küssen versucht. Dabei habe sie sein erigiertes Geschlechtsteil gespürt.

Der Angeklagte bestreitet das und sagt aus, er sei der jungen Frau lediglich ein paar mal vor dem Haus begegnet, in dem beide wohnten. Man habe sich immer nachbarschaftlich begrüßt und an besagtem Tag habe er sie aus einer Laune heraus umarmt und ihr, wie es in seinem Herkunftsland üblich sei, angedeutete Küsse links und rechts auf die Wange gegeben.

Angeklagter von Anzeige überrascht

Welche von beiden Versionen nun richtig ist oder ob alles ganz anders war, muss nun das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Dominik Best entscheiden. 
Der Angeklagte, der zuerst befragt wurde, vermutet hinter der Anzeige ein Komplott. Die Nebenklägerin und der Vermieter, dem das Mehrparteienhaus gehört, hätten sich gegen ihn verschworen, um ihn aus dem Haus zu ekeln. Denn der Vermieter wolle die gesamte Immobilie an einen einzigen Mieter los­schlagen. Er aber sei der einzige gewesen, der sich einer ­Kündigung noch widersetzt ­hätte.

Ansonsten könne er sich auch nicht erklären, wie es zu der Anzeige gegen ihn kommen konnte. Er habe sich in der Wohnung seines mutmaßlichen Opfers lediglich einmal umschauen wollen, weil er einen Wasserschaden in seiner Wohnung hatte und er vermutete, das Wasser käme aus der Wohnung der Frau. Deren Wohnung lag zwar in der Etage über seiner, allerdings seitlich versetzt, sodass ein Wasserschaden eher unwahrscheinlich erscheint.

Zeugin präsentiert zweite Version

Die Frau, die als Zeugin befragt wurde, schildert ihre Sichtweise des Geschehens dagegen so: „Er hat mich vor dem Haus abgepasst und wollte sich mal meine Wohnung ansehen. Weil ich nicht einfach so nein sagen wollte, hatte ich widerwillig zugestimmt und einschränkend gesagt, dass das aber nur ganz kurz möglich wäre, weil gleich der Vermieter käme. Dann ging er mit. In meiner Wohnung ging er dann sofort in mein Schlafzimmer und forderte mich auf, mich auf mein Bett zu legen, er wolle mich massieren. Das habe ich natürlich nicht gemacht. Dann hat er mich umarmt und dauernd versucht, mich zu küssen. Aber weil ich mich gewunden und den Kopf weggedreht habe, hat das nicht geklappt. Ich konnte aber spüren, dass er erregt war, weil er sich dauernd an mich gedrückt hat.“

Die Nachfrage des Richters, ob der Angeklagte dabei die ganze Zeit gestanden habe, bejahte die Frau. Worauf der Richter aus ihre Aussage aus dem Polizeiprotokoll zitierte, dass der Mann sich erst mal auf einen Stuhl gesetzt habe. Eine Diskrepanz, die der Anwalt des Angeklagten ausführlicher beleuchtete.

Frau macht „echt geschockten Eindruck“

Nachdem der Beschuldigte die Wohnung verlassen hatte, rief die Frau eine Freundin an, die ihr zur Anzeige riet und mit ihr zur Polizei fuhr. Dort machte sie dann eine Aussage, wodurch der Fall ins Rollen kam. 
Der Polizeibeamte, der die Anzeige aufgenommen hatte, wurde als Zeuge vernommen, hatte aber keine genaue Erinnerung mehr an den Fall, weil dieser schon zwei Jahre zurückliegt.

Immerhin aber war er sich sicher, dass die Frau bei der Aufnahme ihrer Aussage „einen echt geschockten Eindruck“ machte. Am Tag nach diesem Vorfall jedenfalls hatte die sich in der Berufsschule so schlecht gefühlt, dass sie an einer anstehenden Klausur nicht teilnehmen konnte, mit dem zuständigen Lehrer sprach und diesem von dem Übergriff am Vortag erzählte. 


Richter erwägt Gutachten

Dieser Lehrer soll in einem weiteren Termin, an dem die Verhandlung fortgesetzt werden soll, als Zeuge gehört werden. Genauso wie der ehemalige Vermieter der beiden gegnerischen Parteien und die damalige Mitbewohnerin des mutmaßlichen Opfers.

Darüber hinaus behielt sich der Richter vor, ein aussagepsychologisches Gutachten anzufordern, da es zwischen den Aussagen der Frau bei der Polizei und bei der Befragung vor Gericht einige Widersprüche gab, die sich nicht aufklären ließen. Da es bisher keine Beweise oder handfeste Indizien gibt, darf man auf die Fortsetzung gespannt sein.

von Volker Kubisch