Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Jeder soll mit am Tisch sitzen dürfen
Marburg Jeder soll mit am Tisch sitzen dürfen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:58 27.12.2020
Vertreter des Lions-Clubs Marburg "Elisabeth von Thüringen" überreichten eine Spende von 1500 Euro an das "Kochlöffel"-Team. Von links: Dr. Martina Rottmann (Vorsitzende des Lions-Club-Fördervereins), Peter Jödicke (Kochlöffel), Prof. Egon Amann (Präsident Lions-Club), Klaus Kaiser (Schatzmeister des Fördervereins), Inge Pieh (Kochlöffel) und Pfarrer Oliver Henke. 
Vertreter des Lions-Clubs Marburg "Elisabeth von Thüringen" überreichten eine Spende von 1500 Euro an das "Kochlöffel"-Team. Von links: Dr. Martina Rottmann (Vorsitzende des Lions-Club-Fördervereins), Peter Jödicke (Kochlöffel), Prof. Egon Amann (Präsident Lions-Club), Klaus Kaiser (Schatzmeister des Fördervereins), Inge Pieh (Kochlöffel) und Pfarrer Oliver Henke.  Quelle: Foto: Stefan Dietrich
Anzeige
Marburg

Donnerstagmittag, kurz vor zwölf Uhr: Vor dem Ökumenischen Gemeindezentrum Thomaskirche warten einige Menschen geduldig und mit Abstand, bis sie an der Reihe sind. Sie freuen sich auf Jägerschnitzel mit Spätzle, die man an diesem Donnerstag hier abholen kann. Ein Lebkuchendessert, Plätzchen und eine Kerze sind auch noch in der Papiertasche, die die ehrenamtlichen Helfer vor dem Gemeindezentrum ausgeben. Es ist die Adventsaktion des Gemeindemittagstischs „Der Kochlöffel“ – so, wie sie unter Corona-Bedingungen möglich ist.

Denn eigentlich soll der „Kochlöffel“ genau das nicht sein – ein Imbissstand, an dem jeder sein Essen abholt und wieder geht. „Was wir hier heute machen, wollten wir nie“, sagt der evangelische Pfarrer Oliver Henke. „Wir wollen, dass die Leute zusammensitzen. Der weitaus größte Teil kommt nicht nur zum Essen, sondern um zu bleiben.“

Für viele Richtsberger ist, von Corona-Zeiten abgesehen, am Donnerstag Kochlöffel-Tag – sie kommen ins Gemeindezentrum an der Chemnitzer Straße, um gemeinsam zu essen und zu plaudern. „Der Kochlöffel ist wichtig für den Richtsberg“, sagt Karin Eisenack, die gerade ihr Essen abgeholt hat. „Das ist eine ganz tolle Sache. Man braucht hier eine Kontaktbörse, weil der Stadtteil so groß und so vielfältig ist.“ Die 77-Jährige kommt sonst regelmäßig zum Mittagstisch, sie hat hier auch ehemalige Kolleginnen wieder getroffen. Doch seit im März die Corona-Krise begann, ist Zusammensitzen nicht mehr bedenkenlos möglich.

Teilnahme an Gemeinschafts soll für alle möglich sein

Der Mittagstisch konnte seither nicht mehr stattfinden – für viele Richtsberger ein herber Verlust. „Ich hoffe, dass er nächstes Jahr wieder stattfindet“, sagt Eisenack, die seit mehr als 30 Jahren am Richtsberg wohnt. Wie viele andere freut sie sich an diesem Tag, dass das Kochlöffel-Team seinen Kunden trotz Corona-Krise vor Weihnachten eine Freude bereitet.

„Eine gesegnete Adventszeit“, wünscht Pfarrer Henke jedem, der sein Essen abgeholt hat. Passend dazu erklingt gerade „Macht hoch die Tür“ vom Glockenspiel des Gemeindezentrums.

„Die Grundidee war: Wir wollten älteren Menschen am Richtsberg die Möglichkeit geben, in Gemeinschaft Mittag zu essen“, erzählt Inge Pieh. Sie gehört zum 25-köpfigen ehrenamtlichen Kochlöffel-Team und war von Anfang an dabei. Die Idee entstand in der evangelischen Kirchengemeinde, in der Pieh früher im Kirchenvorstand war. Als Kooperationspartner kamen die Katholische Kirchengemeinde Liebfrauen, die altorientalischen Christen „Sankt Michael“ und das Bewohnernetzwerk für soziale Fragen (BSF) hinzu. Auch der Ortsbeirat und Geschäfte auf dem Richtsberg unterstützen das Projekt. Das Essen kommt vom Caterer Integral, um alles andere kümmern sich die Freiwilligen am Richtsberg: „Wir fangen an mit der Tischdekoration, stellen alles zurecht für die Essensausgabe, wir kochen Kaffee“, erzählt Pieh. Nach dem Essen – einem Hauptgericht mit Salat und entweder Vorspeise oder Nachtisch – gibt es immer noch Kekse und Kaffee. „Das war auch Sinn der Sache, dass die Leute danach noch ein bisschen zusammensitzen und sich unterhalten“, erklärt Pieh.

Interessant sei immer, wer da zusammenkommt, erzählt Pfarrer Henke. Da säßen zum Beispiel gut situierte Senioren neben anderen, die sich sonst kein warmes Essen leisten könnten. Das Menü kostet nur 1,50 Euro, ein symbolischer Preis, viele geben aber auch mehr. Zwei Drittel der Kosten könne der Kochlöffel dadurch decken, sagt Henke, den Rest nehme er durch Spenden ein. „Es soll keiner das Gefühl haben, er kann sich das Essen hier nicht leisten. Es soll jeder die Möglichkeit haben, an der Gemeinschaft teilzunehmen“, erklärt der Pfarrer. Der Kochlöffel soll alle zusammenbringen – Alte und Junge, Wohlhabende und Bedürftige, Alleinstehende und Familien, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. „Der Reiz ist, dass die Leute nicht deshalb kommen, weil es Kirche ist – sondern weil es gut und heilsam für sie ist“, findet Henke. „Das Angebot ist absolut niederschwellig, es gibt kein Programm, es gibt nichts, was religiös angehaucht ist.“

Kochlöffel-Team willlangfristig selbst kochen

Rund 50 Menschen kamen laut Henke bis zum Beginn der Pandemie jeden Donnerstag zum Mittagstisch. Etwa zwei Drittel der Kochlöffel-Kunden seien Senioren, es kommen aber auch Schüler oder Eltern mit Kita-Kindern. Auch die Geschäftsinhaber am Richtsberg nutzen den Mittagstisch gerne: „Ich finde es gut, dass wir Unternehmer hier wirklich mal Zeit haben, uns auszutauschen“, sagt Nadine Sisamci, Inhaberin des Friseursalons Haaribo. „Wir haben uns sonst immer am Donnerstag hier getroffen.“

Das Kochlöffel-Team hofft, dass der Mittagstisch bald wieder in der gewohnten Form möglich ist. Langfristig will der „Kochlöffel“ auch selbst am Richtsberg kochen – das geht aber in der Küche des Gemeindezentrums nicht. Gespräche mit der Stadt über die Nutzung einer anderen Küche seien durch die Corona-Krise erst einmal ins Stocken geraten, erzählt Henke.

Inzwischen ist es 12.30 Uhr, 45 Kunden haben schon ihr Essen abgeholt, die Schnitzel sind alle. „Es gibt nur noch Spätzle“, sagt die ehrenamtliche Helferin Annelie Vollgraf, als eine ältere Frau zum Gemeindezentrum kommt. „Ich esse sowieso kein Fleisch“, sagt die Seniorin – und geht mit einer Portion Spätzle und einer Kerze zufrieden nach Hause.

Spende vom Lions-Club

Mit einer Spende von 1 500 Euro unterstützt der Förderverein des Lions-Clubs Marburg „Elisabeth von Thüringen“ den Richtsberger Gemeindemittagstisch „Der Kochlöffel“. Mit dem Geld soll eine Industrie-Spülmaschine für das Ökumenische Gemeindezentrum gekauft werden, in dem der Mittagstisch normalerweise jeden Donnerstag stattfindet – seit März wegen der Corona-Pandemie allerdings nicht. „Wir haben bisher keine wirklich effiziente Spülmaschine“, erklärte Pfarrer Oliver Henke, warum der Kochlöffel die Spende gut gebrauchen kann. Die Spende überreichten die Vorsitzende des Fördervereins des Lions-Clubs, Dr. Martina Rottmann, der Präsident des Clubs, Prof. Egon Amann, und Fördervereins-Schatzmeister Klaus Kaiser am Rande der Adventsaktion des Kochlöffels. 

Von Stefan Dietrich