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Marburg Eltern brüllen, rügen, machen Druck
Marburg Eltern brüllen, rügen, machen Druck
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00:17 26.03.2019
Spaßfußball statt Mannschaftstaktik: Das bringt Kinder technisch voran, Turniere gewinnt man so allerdings nicht. Das sagen die ­beiden Jugendkoordinatoren des JFV Stadtallendorf/Ostkreis.  Quelle: Mohssen Assanimoghaddam
Marburg

OP: Herr Selzer, Herr Kubonik, bei einem F-Jugend-Turnier bei Stuttgart schlugen mal 15 Erwachsene mit Fäusten und Flaschen aufeinander ein, bis die Polizei anrückte. Gab es hier schon ähnliche Szenen?
Markus Kubonik: Schlägereien am Spielfeldrand habe ich noch nicht erlebt, verbale Auseinandersetzungen immer mal wieder. Da wird die Entscheidung des Trainers kritisiert, da werden Spieler beschimpft oder der Trainer der anderen Mannschaft. 
Mario Selzer: Es passiert regelmäßig, dass dabei Ausdrücke fallen, die nicht aufs Spielfeld gehören. Als Trainer muss man sich schon so einiges anhören. Insbesondere bei Spielen, da sind alle angespannt. Es geht um den Sieg, vielleicht auch den Klassenerhalt. Da gönnt man dem anderen nichts.

Mario Selzer

OP: Ist das ein Problem, dass der Sieg schon bei Grundschülern so im Vordergrund steht?
Selzer: (Foto: privat): Ich würde sagen, es ist im Fußball normal, aber auf keinen Fall gut. Der Leistungsgedanke ist ein Ansporn, macht im Jugendfußball aber auch viel kaputt. Die Lust am Spiel geht teilweise verloren. Die Entwicklung bleibt vielleicht sogar auf der Strecke. Offensivfußball, Spaßfußball – das bringt Kinder voran. Aber damit gewinnt man keine Spiele. Dafür muss man Systeme spielen, dafür müssen die Kinder Mannschaftstaktik lernen.

OP: Was wäre denn besser?
Selzer: Bis zur D-Jugend nur Freundschaftsspiele. Dann spielen wir nur offensiv, das Ergebnis ist dann 18:17 – egal, es gibt keinen Spielbericht auf Facebook. Dann bekommt auch der 14. seine Spielzeit, obwohl er zurzeit nicht gut drauf ist. Dann zeigen die Kinder im Spiel die Tricks, die sie im Training gelernt haben, ohne Gefahr zu laufen, dabei den Ball und das Spiel zu verlieren. Aber so etwas müsste der Deutsche Fußballbund von oben vorgeben.

OP: Lastet auf Kindern im Fußball ein zu großer Erfolgsdruck?
Selzer: Meiner Meinung nach schon. Kinder müssen heute in der Schule funktionieren, zuhause, im Freundeskreis. Ich glaube, es wäre besser, wenn sie im Fußball nicht auch noch funktionieren müssten. Zumindest nicht in den ersten Jahren.

016 schmunzelte das Internet über ein Foto vom VfL Viktoria ­Jüchen-Garzweiler. Es zeigte den Rasenplatz der Nachwuchs-­Kicker und ein Schild. Da stand: „1. Das sind Kinder. 2. Das ist ein Spiel. 3. Der Trainer macht das als Hobby. 4. Der Schiri ist auch ein Mensch. 5. Das ist nicht die WM.“ Ein ähnliches Schild gibt es auch in Stadtallendorf. Foto: Nikol Gröning

OP: Woher kommt der Druck?
Selzer: Den machen sich die Kinder teilweise selber, bekommen ihn aber auch von den Eltern. Ich habe schon Eltern zu ihrem Jungen sagen hören: „Hau rein, du spielst hier um dein Leben!” An dem Tag war nämlich ein anderer, größerer Verein da. Was für ein Blödsinn. Kein Kind spielt um sein Leben.


Kubonik: Ich erinnere mich an ein D-Jugend-Turnier, Kreismeisterschaft, Endrunde. Die Jungs gewannen in der Gruppe drei Spiele. Nach dem dritten Spiel spricht der Vater mit seinem Jungen und das Kind fängt an zu heulen. Da stelle ich mir die Frage: Was reden die da? Und wie soll ich als Trainer das Kind jetzt motivieren? Das ist ein Problem.

OP: Das Problem ist weniger der auf Erfolg ausgerichtete Sport als der Überehrgeiz mancher Eltern?
Kubonik: Ehrgeiz gehört zum Fußball dazu. Wer auf dem Platz keinen Ehrgeiz zeigt, hat sich den falschen Sport ausgesucht. Aber manchmal haben die Eltern eben mehr Ehrgeiz als die Kinder. Einige wollen mit aller Gewalt über die Kinder etwas erreichen, was sie selbst nicht geschafft haben.

OP: Wie bringt ein guter Trainer solche Eltern zur Räson?
Kubonik: Ich gehe meistens direkt zu den Eltern hin und spreche sie auf ihr Verhalten an. Bisher war es immer möglich, solche Dinge unter vier Augen vernünftig zu lösen.

OP: Gibt es auch Eltern, die beim Training stressen?
Kubonik: Bei uns gibt es die Vorgabe, dass die Trainer die Eltern während des Trainings nicht aufs Spielfeld lassen. Zuschauen ist in Ordnung, einmischen nicht. Es ist wichtig, dass der Trainer in Ruhe mit den Kindern arbeiten kann. Beschwerden über die Arbeit des Trainers gibt es trotzdem.

Selzer: Es ist immer dasselbe: Warum spielt mein Sohn nicht, warum war er beim Hallenturnier nicht dabei, warum hat er nicht auf jener Position gespielt? Beim Fußball glaubt jeder, mitreden zu können.


Kubonik: Wobei man sagen muss: Schwierige Eltern sind die Ausnahme. Die meisten sind eine echte Unterstützung, die wir auch brauchen, schon allein für die Fahrten zu den Turnieren. Der Großteil der Eltern ist eine elementare Unterstützung im Vereinsleben.

OP: Was sind Indizien dafür, dass ein Kind ein Fußballtalent ist?
Selzer: Die Grundvoraussetzung ist Schnelligkeit. Wenn Du nicht schnell bist, wirst Du auf dem Platz Schwierigkeiten haben. Wichtig ist aber auch ein gewisser Ehrgeiz, immer mitzumachen und auch dann weiterzumachen, wenn es mal nicht rund läuft.

OP: Von den Kindern, die Sie jetzt trainieren – hat da eines das Zeug zum Profi?
Kubonik: Das kann man jetzt noch nicht sagen. In meinen Augen zeigt sich das erst nach der Pubertät. Aber ob das dann auch klappt, hängt von vielen Faktoren ab. Talent und Ehrgeiz reichen nicht. Verletzungen spielen eine Rolle. Die Tagesform bei dem Spiel, bei dem der Junge beobachtet wird. Die Frage, ob der Trainer auf diesen Spielertyp steht. Und vieles mehr.

OP: Hat es in den letzten Jahren jemand von hier geschafft?
Selzer: Nein. Das liegt daran, dass es im Profi-Fußball nur sehr wenige Plätze gibt. 
Kubonik: Viele Eltern schätzen das falsch ein. Wenn ein Kind hier überragend spielt, heißt das erst mal gar nichts. Eltern denken nicht an das Potenzial aus Frankfurt oder dem Ruhrgebiet, wo vielleicht fünfzehn Mal so viele Kinder Fußball spielen wie hier in den Dörfern. Und das ist nicht die einzige Konkurrenz um einen Platz im Profi-Fußball. Alle Bundesligamannschaften scouten ab der U15 im Ausland.

OP: Euer Rat an die Eltern?
Kubonik: Bleibt realistisch. Jedes Kind wird seinen Weg machen. Wenn einer richtig gut ist, wird er gesichtet werden, in die Regionalauswahl kommen und dann in die Hessenauswahl. Und dann mit 15, 16 wird man ihm empfehlen, zu einem leistungsorientierteren Verein zu wechseln. Aber diesen Weg kann man nicht erzwingen. Es ist noch keiner in die Bundesliga gekommen, nur weil die Eltern das unbedingt wollten. Elfjährige müssen nicht drei Mal die Woche zum Training nach Mainz gebracht werden. Das, was sie dort lernen, bekommen sie auch hier, ohne aus ihrem Freundeskreis gerissen zu werden. 
Selzer: Eltern sollten darauf schauen, dass die Kinder Spaß an der Sache haben und dass sie eine Bindung zu ihrem Verein finden. Diese Heimat zu haben ist das A und O. Es gibt 15-Jährige, die sechs Mal den Verein gewechselt haben. Wenn der mal mit dem Fußballspielen aufhört, in welchem Verein sollte er sich engagieren? Spaß am Spiel, Vereinstreue – diese Werte sollten im Vordergrund stehen.

OP: Oliver Bierhoff forderte jüngst mehr Bolzplatzmentalität im Jugendfußball, also weniger Drill, mehr freies Spiel. Würden Sie das unterschreiben?
Kubonik: Ich selber habe erst mit elf Jahren im Verein gespielt, davor nur auf der Straße. Für meine Entwicklung als Spieler war das super. Ich weiß nicht, ob ich im Verein in den Jahren so viel Spaß gehabt hätte. Jungs müssen Fußball spielen wollen, vor allem außerhalb des Trainings. Das bringt sie technisch voran, da können sie individuelle Stärken entfalten. Eltern liegen falsch wenn sie glauben, dass sie Kinder mit zwei Trainingseinheiten pro Woche auf Bundesliga-Niveau bringen können. Ausschlaggebend ist, wie oft die Kinder zuhause Fußball spielen, vor ­allem im jungen Alter.


Selzer: Den Ball 100-mal vor die Wand schießen und stoppen, diesen Straßenfußball gibt es aber kaum noch. Wir haben uns früher auf dem Bolzplatz getroffen, Lose gezogen und um Schokoladentafeln gespielt. Wer geht denn heute noch einfach so auf den Bolzplatz. Wir haben supergeile Plätze, aber da ist nie einer. Vielleicht mal zwei, die sich verlaufen haben. Die sind dann aber nach einer halben Stunde wieder weg. Da hat sich die Kindheit geändert. Das liegt am Schulstress, da sind die Kinder heute ganz schön gefordert. Das liegt aber auch an den Spielekonsolen.

Markus Kubonik

OP: Wer möchte, dass sein Kind gut im Fußball wird, darf keine Konsole ins Haus holen?
Kubonik (Foto: privat): Mit der Konsole vergeht die Zeit wie im Flug. Vier Stunden zocken ist gar nichts. Kinder, die stattdessen regelmäßig vier Stunden auf dem Bolzplatz Fußball spielen, sind dann mit 15 Jahren klar im Vorteil.
OP: Die Chance auf eine Bundesliga-Karriere ist gering. Warum sollten Kinder überhaupt Fußball spielen?
Selzer: Erstens machen sie Sport, das ist gut. Vielleicht kommen sie vom Fußball zum Laufen oder Schwimmen. Wenn jedes unserer 380 Kinder später mal irgendeine Sportart betreibt, wäre das schon genial. Zweitens lernen sie einen Mannschaftssport mit allem was dazu gehört: Sich im Team durchsetzen, sich unterordnen, eine bestimmte Rolle übernehmen, auf andere Rücksicht nehmen, gemeinsam verlieren.


Kubonik: Das gelernt zu haben, ist fürs Berufsleben wichtig. Den Kindern wird es mal leicht fallen, im Team zu arbeiten.

von Friederike Heitz