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Marburg Bei Fieber den Arzt anrufen
Marburg Bei Fieber den Arzt anrufen
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11:18 02.04.2020
An der Suche nach einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus sind auch Marburger Virologen beteiligt Quelle: Arne Dedert/dpa
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Marburg
Sie haben Fragen zum Coronavirus? Dann schreiben Sie uns. Ob es medizinische Fragen sind, Fragen des Arbeitsrechts oder anderes: Schreiben Sie uns eine E-Mail an beratung@op­marburg.de. Wir sortieren die Fragen und legen sie Experten vor. Die Antworten drucken wir für Sie in der Oberhessischen Presse ab und teilen sie in sozialen Medien. Wenn Sie nicht wünschen, dass Ihr Name genannt wird, vermerken Sie das bitte. Diesmal erklärt Professor Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer am Universitätsklinikum Marburg, unter anderem, ob Raucher besonders gefährdet sind.

Ist Rauchen ein Risiko?

Rauchen ist in jedem Falle gesundheitsschädlich. Bei Rauchern kommt mit hinzu, dass sie häufig eine chronische Lungenerkrankung entwickeln, nämlich die sogenannte COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease), und diese chronische Lungenerkrankung ist wiederum ein Risiko für schwere Verläufe bei Sars-CoV-2-Infektionen. Insofern gibt es viele Gründe, warum Rauchen ungünstig ist bei einer Sars-CoV-2-Infektion.

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Wie läuft es gegenwärtig in Hochschulambulanzen am Uni-Klinikum?

Auch dies ist eine wichtige Frage, denn wir müssen natürlich auch noch andere Patientinnen und Patienten behandeln jenseits von Sars-CoV-2. Täglich kommen Patienten mit Herzinfarkt und Schlaganfall, Tumorpatienten brauchen Operationen, Bestrahlungen sowie Chemotherapien, Verletzte werden ins Uni-Klinikum eingeliefert. Die normale Arbeit geht selbstverständlich weiter, und die Ärzte und Pflegeteams stehen bereit, um auch diesen Patienten zu helfen. In Bezug auf die Hochschulambulanzen möge man bitte direkt dort anrufen beziehungsweise sich mit seinem Arzt im Uni-Klinikum in Verbindung setzen, denn jede Fachabteilung handhabt die Behandlung ihrer ambulanten Patienten gegenwärtig individuell.

Professor Renz. Quelle: Thorsten Richter

Wie lange müssen wir die Einschränkungen aufrechterhalten?

Diese Frage beschäftigt viele Leserinnen und Leser. Leider gibt es darauf keine klare Antwort. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zahl der Neu-Infizierten und die Zahl der Todesfälle in den nächsten wenigen Wochen weiterentwickelt. Man wird diese Kontakteinschränkungen nicht auf ganz lange Sicht aufrechterhalten können. Es bleibt allerdings zu überlegen, wie geht es nach den Kontakteinschränkungen weiter? Selbst wenn es heute gelingt, die Zahl der Neu-Infizierten und die Zahl der Todesfälle niedrig zu halten, besteht das Risiko, dass nach Aufhebung der Kontaktsperren sich das Virus wieder neu ausbreitet und es zu einer neuen Welle an Erkrankungen kommt. Auch wissen wir nicht, ob das Virus sich so verhält, wie wir das von der Wintergrippe her kennen, denn dann verschwindet das Virus bei frühlingshaften und sommerlichen Temperaturen und tritt erst wieder in der kalten Jahreszeit erneut auf. All dies sind große Unbekannte, und man wird sich langsam herantasten an eine Aufhebung der Kontaktsperren. Geduld und Innovationen sind angesagt.

Wie kann ich mich als chronisch Kranker besonders schützen?

Der beste Schutz ist derzeit die Kontakteinschränkung. Das ist bitter, aber nötig. Das machen wir mit den Alten- und Pflegeheimen, wo gegenwärtig strikte Besuchsverbote gelten. Also, so wenig wie möglich unter Leute kommen, Einkaufen reduzieren auf einmal pro Woche oder Ähnliches. Man kann natürlich auch sein Immunsystem weiter stärken. Vitamine und Spurenelemente sind nützlich, spazieren gehen an der frischen Luft oder gar Individualsport und Jogging sind ebenfalls zu befürworten, wenn man es irgendwie kann.

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Was machen bei Erkältungssymptomen?

Bei Erkältungssymptomen, insbesondere verbunden mit Fieber oder Kopfschmerzen, sollte man auf jeden Fall seinen Hausarzt anrufen, nicht die Praxis aufsuchen, sondern telefonieren. Leider ist dies in letzter Zeit besonders mühsam, da auch die 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes nicht immer funktioniert und man bei seinen Hausärzten auch nicht durchkommt per Telefon. Als nächster Schritt ist dann die Testung angesagt. Wir müssen viel mehr testen als bisher, um zu wissen, wie sich das Virus in unserer Bevölkerung ausbreitet, und diejenigen zu identifizieren, die wirklich infektiös und erkrankt sind am Virus.

Was ist mit neuen Impfstoffen?

Die Impfstoffentwicklung ist im vollen Gang. Hierbei werden ganz unterschiedliche Strategien eingesetzt:

  • Die Lebendimpfstoffe: Diese beruhen meist auf dem Prinzip: Man nehme die Hülle eines für den Menschen ungefährlichen Virus und „baut“ in diese Virushülle jetzt Eiweiße des Sars-CoV-2-Virus ein. Meist macht man dies mit gentechnischen Mitteln. Dieses neue künstliche Virus wird dann von den Immunzellen erkannt, und das Immunsystem macht Antikörper gegen diese eingebauten Sars-CoV-2-Proteine. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), an dem auch Marburg beteiligt ist, verfolgt unter anderem diese Strategie. Hier sind auch Marburger Wissenschaftler um Prof. Stephan Becker eingebunden. Dann kann man auch aufgereinigte Virusproteine nehmen vom Sars-CoV-2-Virus, diese noch ein bisschen biochemisch aufbereiten, um dann damit eine potente Immunantwort wiederum gegen diese Virusproteine beim geimpften Menschen entwickeln zu lassen. Dieses Prinzip wird zum Beispiel eingesetzt bei eine Reihe von Grippeimpfstoffen, der Tetanusimpfung, aber auch der Impfung gegen das Hepatitis-B-Virus.
  • Genbasierte Impfstoffe: Bei diesem Ansatz indiziert man dem Probanden nicht das Virus selbst, sondern Nukleinsäure des Virus (mRNA oder DNA) und die Körperzellen wandeln dann diese Nukleinsäureninformationen um in Viruseiweiße (die ungefährlich sind), das heißt, der Geimpfte produziert seine eigenen Viruseiweiße, um sein Immunsystem dann entsprechend zu aktivieren, dagegen Antikörper zu bilden. Dieser genbasierte Impfstoffansatz wird unter anderem auch in Deutschland entwickelt. All diesen Ansätzen gemeinsam ist die Anregung der Antikörperproduktion gegen diese Viruseiweiße, wobei damit die Hoffnung verbunden ist, dass sich diese Viruseiweiße über die nächsten Wellen einer Sars-CoV-2-Infektion hinweg nicht weiter genetisch verändern, sodass eine Impfung, die heute durchgeführt wird, auch gegen eine Infektion morgen mit demselben Virus schützt. Ob das in der Tat so sein wird, oder ob es sich eher so verhält, wie zum Beispiel bei der jährlichen Influenzagrippewelle, wo jedes Jahr eine veränderte Variante des Influenzavirus im Mittelpunkt steht, wissen wir nicht. Auch wird es eine ganze Reihe von Versuchsserien brauchen, um festzustellen, welcher dieser Impfstoffe, so sie es in die klinische Prüfung schaffen, am Ende des Tages auch effektiv sein wird und entsprechend hohe Antikörperkonzentrationen beim Geimpften induziert, die dann schützen werden. Also auch bei diesem Ansatz sind noch etliche Hürden zu überwinden, bevor es eine effektive Impfung für eine große Bevölkerungsgruppe geben kann.

Wie sieht es mit einer passiven Immunisierung aus?

Die oben beschriebenen Ansätze werden unter dem Begriff einer „aktiven Immunisierung“ zusammengefasst. Darunter versteht man eine Impfung, bei der das Immunsystem des Geimpften sich aktiv selber durch Antikörperproduktion schützt. Bei der passiven Immunisierung werden diese Antikörper dem Patienten gegeben, also, er muss sie nicht selber produzieren. Häufig kommen diese Antikörper von Menschen, die eine entsprechende Infektion schon einmal selbst durchgemacht haben.

An diesem Ansatz ist zum Beispiel die hier in Marburg ansässige Firma CSL Behring beteiligt. Es werden Antikörper von vielen Sars-CoV-2-Patienten benötigt, um eine solche passive Immunisierung mit ausreichenden Dosen und für möglichst viele Menschen zu produzieren. Auch dies ist ein sehr spannender Ansatz, von dem man aber nicht weiß, ob die Antikörper, die zum Beispiel im Rahmen der China/Wuhan-Infektionswelle produziert worden sind, Patienten bei uns oder Patienten im nächsten oder übernächsten Jahr schützen werden. Man kann sicher davon ausgehen, dass der eine oder andere dieser Ansätze sich durchsetzen wird und erfolgreich sein kann.

Gibt es noch andere Möglichkeiten der Impfung?

Ja, gibt es. Ein prominentes Beispiel, was auch jüngst durch die Presse gegangen ist, ist ein Impfstoff im Sinne der „Tuberkulose-Impfung“. Man hat nämlich festgestellt, dass derartig Geimpfte (Kinder) nicht nur vor Tuberkulose geschützt sind, sondern dass dieser Schutz durchaus breiteren Charakter hat, also einen mehr generellen Schutz im Sinne eines gestärkten Immunsystems darstellt. Nun möchte man in klinischen Testreihen zeigen, dass diese auch als BCG-Impfung bezeichnete Vaccine im Rahmen dieser „By-Stander-Aktivität“ gegen Sars-CoV-2 induzierte Infektionen schützen kann. Ein deutscher Infektionsimmunologe aus Berlin ist an diesem konzeptionellen Ansatz beteiligt.

Von Harald Renz

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