Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Unternehmensgeschichte in Ausstellung und Buch
Marburg Unternehmensgeschichte in Ausstellung und Buch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 11.11.2021
Diese Buch-Illustration aus dem Jahr 1906 zeigt die Arbeit im Laboratorium des Marburger Forschers und Medizin-Professors Emil von Behring, zwei Jahre nach dem Start der Behringwerke.
Diese Buch-Illustration aus dem Jahr 1906 zeigt die Arbeit im Laboratorium des Marburger Forschers und Medizin-Professors Emil von Behring, zwei Jahre nach dem Start der Behringwerke. Quelle: Foto: Uni-Archiv
Anzeige
Marburg

Das von Emil von Behring im Jahr 1895 ein Jahr nach seiner Berufung zum Marburger Hochschullehrer mit Geld der Farbwerke Höchst eingerichtete Laboratorium auf dem Marburger Schlossberg war gewissermaßen die Gründungsstätte für die Behringwerke. Doch offiziell wurden die Behringwerke von ihm erst im Jahr 1904 gegründet – drei Jahre, nachdem Behring für die Entdeckung des Diphtherie-Heilserums in Stockholm mit dem ersten Medizin-Nobelpreis überhaupt ausgezeichnet wurde.

Wie im Schlossberglabor das Diphtherie-Serum aus Pferdeblut gewonnen wurde, das veranschaulicht eine farbige Illustration aus dem Jahr 1906. Dort sind Labor-Mitarbeiter in weißen Kitteln in verschiedenen Laborräumen mit Kugelmühlen, Brutkästen und Laborschränken zu sehen. Die Laborräume sind für die damaligen Verhältnisse hochmodern eingerichtet und elektrifiziert.

Ausstellung läuft noch bis 111. März 2022

Die Illustration wird in einer von drei Schauvitrinen einer studentischen Ausstellung gezeigt, die am Dienstag im Marburger Staatsarchiv eröffnet wurde. Unter Anleitung des Marburger Wirtschafts- und Sozialhistorikers Professor Christian Kleinschmidt entstand sie in Begleitung einer Vortragsreihe zur Geschichte der Behringwerke im vergangenen Sommersemester. Sie ist im unteren Foyer des Archivs noch bis zum 11. März 2022 zu sehen.

Dabei suchten die Studierenden Moritz Kläger, Lea Lachnitt und Markus Richter auch unter Verwendung von Originalmaterial aus dem vom Uni-Archiv betreuten ehemaligen Archiv der Behringwerke möglichst anschauliche Zeitdokumente aus, die die Geschichte der Behringwerke nachzeichnen. Das reicht von einer Gebrauchsanweisung für Behrings Diphtherieheilmittel aus dem Jahr 1894, die aus dem Nachlass des Wissenschaftlers stammt, bis hin zu einer Werbebroschüre aus dem Jahr 1926 für das bei den Behringwerken hergestellte Präparat Yatren. Die Beteiligung der Behringwerke an der Fleckfieberforschung mit Menschenversuchen im KZ Buchenwald in der Zeit des Nationalsozialismus wird ebenso thematisiert wie die Nachkriegsgeschichte der Behringwerke, die verbunden war mit einer Ausweitung des Impfprogramms.

Eine Schlagzeile aus der „Bild“-Zeitung vom 25. August 1967 verweist auf ein anderes Kapitel der Unternehmensgeschichte, den Ausbruch des „Marburg-Virus“. „Ärzte können nicht helfen. Jetzt schon vier Tote durch Seuchen-Affen“ ist in dem dokumentierten Zeitungsausschnitt zu lesen. Insgesamt starben beim erstmaligen Ausbruch der Viruskrankheit in Marburg fünf Menschen. Alle Verstorbenen waren damals bei den Behringwerken beschäftigt und hatten Kontakt zu inneren Organen oder zum Blut von afrikanischen Meerkatzen, die dem Pharmaunternehmen zur Herstellung eines Impfstoffs diente. Die Studierenden haben zusammen mit Professor Kleinschmidt kurze und prägnante Texte verfasst, die in einer 16-seitigen reich bebilderten Broschüre enthalten sind und der zeitliche Bogen von den Anfängen Behrings und der Behringwerke bis hin zur Eröffnung der Produktionsstätte für den Corona-Impfstoff des Unternehmens Biontech in einem ehemaligen Werksteil der Behringwerke im Herbst 2020.

Geschichte über die Nachfolgefirmen

Und auch eine Langfassung des Behringwerke-Projektes ist jetzt erschienen: In der Publikation der Historischen Kommission für Hessen unter dem Titel „Seuchenbekämpfung, Wissenschaft und Unternehmensstrategien. Die Behringwerke und die Philipps-Universität im 20. Jahrhundert“ sind alle Vorträge der Vortragsreihe aus dem Sommersemester und einige Zusatztexte abgedruckt.

Neben Aufsätzen zur bereits besonders gut erforschten Perioden der Gründerzeit bis zum Tod des Unternehmensgründers Emil von Behring und der Werksgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus wird in der Publikation auch ein Schwerpunkt auf von der Forschung bislang eher weniger beachteter Schwerpunkte gelegt. So nimmt Malte Thießen unter der Überschrift „Immunität vermarkten“ die Werbestrategien der Behringwerke zwischen 1930 und 1970 sowie den Wandel deutscher Impfprogramme ins Visier.

Und Marc Sandmüller berichtet über die Auflösung der Behringwerke ab Mitte der 90er-Jahre sowie die Geschichte der Nachfolgefirmen. Spannend ist auch ein Insider-Bericht des Biologen Professor Rolf Thauer, der über seine Erfahrungen als Hochschullehrer im Aufsichtsrat der Behringwerke berichtet.

  • Christian Kleinschmidt (Herausgeber): Seuchenbekämpfung, Wissenschaft und Unternehmensstrategien. Die Behringwerke und die Philipps-Universität Marburg im 20. Jahrhundert. Quellen und Forschungen zur Hessischen Geschichte 187. Verlag der Historischen Kommission für Hessen, 284 Seiten. 28 Euro.

Von Manfred Hitzeroth