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Marburg Bedrohungen und tätliche Angriffe gehören zum Arbeitsalltag
Marburg Bedrohungen und tätliche Angriffe gehören zum Arbeitsalltag
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21:27 21.04.2022
Teilnehmer einer Demonstration von Gegnern der Corona-Maßnahmen in Dresden.
Teilnehmer einer Demonstration von Gegnern der Corona-Maßnahmen in Dresden. Quelle: Robert Michael
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Marburg

Gewalt gegen Medienschaffende ist seit einigen Jahren ein immer stärker zu Tage tretendes Phänomen. Das zeigen auch die Ergebnisse der mittlerweile sechsten „Feindbildstudie“ des in Leipzig ansässigen European Center For Press And Media Freedom (ECPMF). Als „sehr besorgniserregend“ bezeichnete Sigrun Albert, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), die wachsende Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten. Der BDZV hatte sich erstmals an der Erstellung einer solchen Studie beteiligt.

Massive Drohungen im Digitalen

„Leider bestätigt die neue Feindbildstudie unsere Vermutung, dass zunehmend auch lokale Journalistinnen und Journalisten von gewalttätigen Angriffen aufgrund ihrer Arbeit betroffen sind“, erklärte Albert weiter. Mindestens ebenso verstörend seien hasserfüllte Übergriffe und massive Drohungen im Digitalen, führte Albert weiter aus.

Das ECPMF habe in seiner aktuellen Studie die weiter eskalierende Bedrohungslage deutlich gemacht. Vor diesem Hintergrund plane der Dachverband, ein Langzeitmonitoring zu installieren, um den „Hass vor der Haustür“ zu dokumentieren und auf dieser Faktenbasis auch Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

Beschimpfung im Netz

Eine Auswahl der beleidigenden Posts, die sich gegen OP-Mitarbeiterin Nadine Weigel nach einer Berichterstattung über eine Corona-Demonstration richten.  Quelle: Screenshot

Der Corona-Frust ist bei vielen groß und entlädt sich durch hetzen, andere beleidigen oder bedrohen. Häufig im Fokus der Anfeindungen stehen Politiker, Polizisten, Ärzte und Journalisten. Es mehren sich Meldungen über Ausschreitungen, Protestierende verstoßen teils gegen Abstandsregeln oder die Maskenpflicht. Letzteres war auch bei der Demo im Dezember 2021 in Marburg zu beobachten, an der rund 250 Demonstrierende teilnahmen. Dort blieb es bei kleineren Pöbeleien.
Entladen hat sich der Frust einer Vielzahl von Coronagegnern im Internet. Das OP-Live-Video auf Facebook verbreitete sich in rasender Geschwindigkeit. Mehr als 259 000 Personen haben es angeklickt, es gab dazu 1 568 Kommentare – der Großteil davon waren Beschimpfungen gegen OP-Reporterin Nadine Weigel und Beleidigungen gegen sie.

Eines der zentralen Ergebnisse der sechsten Feindbild-Studie: Mit 83 tätlichen Angriffen gegen Medienschaffende überstieg das Jahr 2021 nochmals den Höchststand von 2020 (69 Angriffe). 75 Prozent aller Fälle ereigneten sich den Autoren der Studie zufolge bei Protesten gegen die Corona-Maßnahmen. Eine andere deutlich ablesbare Entwicklung: Zwar blieb Sachsen auch im Jahr 2021 mit 23 Angriffen auf Journalisten Negativ-Spitzenreiter, die Fälle in Westdeutschland nahmen jedoch zu. Während im zurückliegenden Jahr 39 Prozent der bekannten Fälle aus dem politisch rechten Spektrum erfolgten, entfiel ein Prozent auf das linke Spektrum, 60 Prozent waren nicht eindeutig zuzuordnen.

„Die Feindbild-Studie hat gezeigt, dass die Pressefeindlichkeit in Deutschland weiter eskaliert – und dass insbesondere Lokaljournalistinnen und -journalisten unter Druck sind“, führt Dr. Lutz Kinkel, Geschäftsführer des ECPMF, aus. „Sie können nicht ausweichen, sie können nicht abtauchen, sie müssen mit den Menschen leben, von denen sie bepöbelt und bedroht werden. Was wir brauchen, ist: mehr Schutz für Medienschaffende, eine konsequentere Ahndung von Straftaten und mehr Medienkompetenzkunde.“ Die Kooperation mit dem BDZV ermögliche es, „die Probleme im lokalen Raum künftig intensiver ausloten und analysieren zu können. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit.“

Vor dem Gebäude der Oberhessischen Presse des Verlags der HITZEROTH Druck + Medien GmbH & Co. KG demonstrierten am Donnerstagmorgen (21. April) fünf Menschen der Querdenker-Szene. Quelle: Nadine Weigel

Roberta Knoll, Co-Autorin der Feindbild-Studie, ergänzt, dass sich „drei Viertel der Angriffe auf pandemiebezogenen Protesten ereigneten“. Diese Versammlungen seien weiterhin der gefährlichste Arbeitskontext für Journalistinnen und Journalisten, folgert Knoll und präzisiert: „Die Demos von Querdenken & Co haben die pressefeindlichen Angriffe deutlich zunehmend nach Westdeutschland getragen, längst ist nicht mehr nur Negativ-Spitzenreiter Sachsen betroffen.“ Und Martin Hoffmann, ebenfalls Co-Autor der Feindbild-Studie, weist darauf hin, dass „wir seit Beginn unserer Erfassung im Jahr 2015 nie so viele gewaltsame Angriffe gegen Medienschaffende verifiziert haben wie im Jahr 2021. Schwere Bedrohungen und tätliche Angriffe gehören für immer mehr Journalistinnen und Journalisten zum Arbeitsalltag.“

Rote Linien sind überschritten

Wer sich dazu entschließt, als Journalistin oder Journalist zu arbeiten, weiß, dass das kein Beruf für Menschen ist, die gern überall beliebt sind. Medienschaffende, die allem und jedem nach dem Mund reden, verfehlen ihren Auftrag, der da lautet: unabhängige und überparteiliche Berichterstattung im Dienst einer demokratischen Informationsgesellschaft. Da ist es eingepreist, mit Kritik und Anfeindungen zu leben – kein Problem. Doch die roten Linien sind längst überschritten und werden immer krasser missachtet. Kollektive „Lügenpresse“-Vorwürfe sportlich zu nehmen, das ist die eine Sache. Diese Vorhaltungen werden immer dann lauter, wenn selbst ernannten Medienkritikern die Argumente ausgehen. Die andere Sache sind Situationen, in denen es mangels Argumenten zu tätlichen Übergriffen auf Journalistinnen und Journalisten kommt, zu Hetze, Bedrohungen, Beleidigungen und Sachbeschädigungen. Lassen wir nicht zu, dass jene, die sich in Deutschland in einer Diktatur wähnen, selbst die Demokratie und Pressefreiheit mit Füßen treten!

von Carsten Beckmann

Die Gastautorin Anja Pasquay ist Pressesprecherin des BDZV.

Von Anja Pasquay

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