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Marburg Becker warnt vor Panikmache
Marburg Becker warnt vor Panikmache
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13:58 22.12.2020
Stephan Becker.
Stephan Becker. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Denn schließlich sei die Virus-Variante in England bereits im September entdeckt worden und mittlerweile auch in Nachbarländern Deutschlands wie Italien, Dänemark, Belgien und Holland nachgewiesen worden. Bei den Veränderungen an dem Virus handele es sich um eine Kombination von Mutationen, die besonders im Bereich der Oberflächenproteine gebildet würden, betonte Becker.

Woran liegt es, dass es derzeit noch keinen Nachweis für das Vorhandensein der Virus-Mutation in Deutschland gibt? Im Gespräch mit der OP erklärte Professor Becker, dass es in Deutschland in Sachen Sequenzierung einen gewissen Nachholbedarf gebe. Mit dieser Methode werden üblicherweise die Sequenzen der Basen des Virus-Genoms bestimmt, so dass dann anhand der Ergebnisse die Funktionsweise der Mutationen besser verstanden werden könnten. Diese Untersuchungen zur Sequenz des Virus liefern laut Becker genaueren Aufschluss über Verlauf und Ausbreitung eines Virus-Stammes, erläuterte Becker.

Der Leiter des Virologie-Institutes an der Uni Marburg betonte, dass die Datenlage derzeit noch nicht so solide sei, um Genaueres zur Gefährlichkeit der Virus-Mutation zu sagen. Es gebe allerdings momentan keine Hinweise darauf, dass die in Großbritannien beobachtete Mutation schwerere Erkrankungen als bisher verursachen könne. Bisher gehen britische Wissenschaftler davon aus, dass die derzeit entwickelten Impfstoffe auch die neue Virus-Variante bekämpfen könnten. Es müsse nun experimentell überprüft werden, ob Antikörper in der Lage seien, die Mutation zu bekämpfen, betonte Becker.

Dass es aber überhaupt Virus-Mutationen gebe, sei allerdings aus Forscher-Sicht erst einmal nichts Ungewöhnliches. Das Besondere in der jetzigen Situation sei allerdings, dass es normalerweise gehäufte Virus-Mutationen eher dann gebe, wenn ein Virus unter einem hohen Druck stehe – beispielsweise, wenn bereits sehr viele Menschen eine Immunantwort gegen ein Virus aufgebaut hätten. Das sei aber derzeit noch nicht der Fall. Professor Becker geht auch davon aus, dass im weiteren Verlauf der Pandemie auch noch weitere Mutationen auftreten könnten. Er hofft aber, dass sich auch diese dann als beherrschbar erweisen.

Während der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach für den Fall eines schnellen Vordringens der britischen Coronavirus-Variante in einem Gespräch mit der Bild-Zeitung vor einer Katastrophe gewarnt hatte, warnte der Marburger Virologe im Gegenzug vor einer Panikmache in diesem Fall. „Wir wissen gar nicht, wie weit die Virus-Variante in Deutschland vorgedrungen ist“, betonte Becker. Es könne zwar schon sein, dass die aktuelle zweite Corona-Welle auch ein Resultat dieser Virus-Mutation sei, es sei aber gar nicht sicher. „Schlimme Botschaften an die Wand zu malen, ist jetzt aber nicht sinnvoll“, mahnte der Virologe der Uni Marburg zu ein wenig Gelassenheit. Gleichzeitig erinnerte er aber an die derzeit vordringliche Aufgabe aller, mit ihrem eigenen umsichtigen Verhalten mit dazu beizutragen, den Anstieg an Infektionen zurückzufahren.

von Manfred Hitzeroth

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