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Marburg Bauverband warnt vor Pleitewelle
Marburg Bauverband warnt vor Pleitewelle
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21:54 27.03.2022
Bauarbeiten bei Sarnau für die Umgehungsstraße der B 252.
Bauarbeiten bei Sarnau für die Umgehungsstraße der B 252. Quelle: Ina Tannert
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Wollmar

Die Baubranche steht bereits seit einiger Zeit enorm unter Druck. Rohstoffe sind bereits seit rund zwei Jahren knapp, Lieferketten sind gestört – und die Preise steigen stetig weiter an. Hans-Martin Seipp, Inhaber des Bauunternehmens Seipp in Wollmar, sagt im Gespräch mit der OP: „Bei einigen Materialien sind die Preise um bis zu 70 Prozent gestiegen.“ Andere kämen erst gar nicht herbei – oder es drohe ein Engpass. So zum Beispiel bei kleinen Aluminiumklammern, die für die Montage der Blitzableiter im Fundament verwendet werden: „Dort hatte unser Lieferant im Januar bereits angekündigt, dass die knapp werden könnten.“ Also orderte Seipp die dreifache Menge, um vorbereitet zu sein. „Was ein Glück“, sagt er rückblickend. „Denn sonst würden jetzt Baustellen stillstehen, weil ein Kleinst-Teil nicht lieferbar ist – absolut unfassbar“, sagt er.

„Wir haben zum Glück viele Kunden, die für die Situation Verständnis haben.“ Denn im Schnitt seien Bauvorhaben rund 20 Prozent teurer geworden. Seipp verwendet schon entsprechende Klauseln in seinen Verträgen, dass er die Mehrkosten auch weiterbelasten kann. Doch glücklich ist er damit nicht.

Einmal volltanken: 1 800 Euro

Und jetzt wird die transportintensive Bau-Branche auch noch von den extremen Preissteigerungen bei Kraftstoffen belastet. Waren die Energiepreise bereits im Vorfeld stark gestiegen, hat der Krieg in der Ukraine die Situation noch weiter verschärft. Baustoffe sind zum Teil noch knapper geworden, die Baustoff-, Energie- und Kraftstoffpreise bewegen sich auf Rekordniveau. Seipps Fuhrpark ist nicht sehr groß, „aber wenn ich beispielsweise für eine Baustelle unseren 18-Tonnen-Lkw, einen großen Bagger und noch einen Radlader auftanke, bin ich bei 1 800 Euro“, rechnet er vor, „so viel verdienen manche Menschen nicht einmal im Monat“.

Dass die Regierung nun ein Paket beschlossen hat, um für Entlastung bei den Energiepreisen zu sorgen, findet Seipp prinzipiell richtig. Doch das Wie bereitet ihm Sorgen. „Jeder Angestellte soll 300 Euro pauschal mit seinem Lohn erhalten. Macht für meine acht Mitarbeiter 2 400 Euro, die ich vorschießen muss und erst mit der Umsatzsteuervoranmeldung wieder ausgleichen kann“ – das dauere mehrere Wochen. Sinnvoller fände er es, die Auszahlung von staatlichen Stellen vornehmen zu lassen, um die teils gebeutelte Wirtschaft nicht noch damit zu belasten.

OP-Umfrage

75 Prozent der OP-Leser finden in einer nicht-repräsentativen Online-Abstimmung, dass das von der Ampelkoalition vorgestellte Entlastungspaket nicht weit genug geht. 224 Leser haben teilgenommen.

Auch die Reduzierung des Dieselpreises um rund 14 Cent je Liter durch temporäre Absenkung der Energiesteuer reiche „vorne und hinten nicht“, 60 Cent wären realistischer. Seipps Befürchtung: „Aufgrund des Kostendrucks können Bauherren Vorhaben auf Eis legen oder nicht mehr umsetzen.“ Absagen habe er bisher noch keine bekommen, „aber es kommt schon vor, dass es auf Beratungsgespräche keine Rückmeldungen gibt“.

Der Bauindustrieverband Hessen-Thüringen erläutert, dass die Preissteigerungen bisher von einigen Bauunternehmen nicht oder selten an die Auftraggeber hätten weitergegeben werden können. Die Konsequenzen seien dramatisch: laufende Verträge würden zu Minusgeschäften. Die Bauunternehmen müssten sich für den gesamten Zeitraum eines Bauprojekts preislich binden, bekämen von ihren Baustofflieferanten derzeit aber nur Tagespreise genannt.

Dr. Burkhard Siebert, Hauptgeschäftsführer des Verbands, rechnet vor, was die Mehrkosten bedeuten. „Ein mittelständisches Bauunternehmen, das in der Woche rund 6 000 Liter Diesel verbraucht, hat schon aufgrund dieser Preissteigerungen mit Mehrkosten von 7 500 Euro pro Woche zu kämpfen“, sagt er.

Auf einer überschaubaren Musterbaustelle in Hessen stelle sich die Situation bei der fiktiven Deckenerneuerung einer Kreisstraße im Auftragswert von 500 000 Euro und einer Bauzeit von acht Wochen mit vier Beschäftigten im Mittel wie folgt dar: Die Mehrpreis für Asphalt betrage laut Siebert 65 000 Euro, Diesel schlägt mit 11 000 Euro zusätzlich zu Buche – und die Mehrkosten für Schüttgüter betragen etwa 6 000 Euro. „Das sind in Summe 82 000 Euro. Und das sind 16,4 Prozent vom Auftrag. Dieser Anstieg lässt sich auf das Unternehmen hochrechnen“, so Siebert.

Kapital schnell aufgebraucht

„Sicher ist: Das Kapital der meisten Baufirmen wird schnell aufgebraucht“, erläutert er. „In der Folge ergibt sich nach Überschuldung der Insolvenzantragsgrund. Innerhalb nur eines Jahres wird aus einem gesunden ein insolventes Bauunternehmen. Es besteht also dringender Handlungsbedarf“, so der Hauptgeschäftsführer. Daher stehe der Verband im Gespräch mit der Landesregierung und mit den Landesbehörden, suche jetzt schnell Kontakt zum hessischen Städte- und Gemeindebund. „Wir wissen, dass es keine einfachen und isolierten Lösungen in der komplexen Problemlage gibt. Einerseits muss die Investitionskraft der öffentlichen Auftraggeber, die die sozialen Mehrkosten der Krise zu tragen haben, erhalten bleiben. Andererseits muss die Insolvenz der Bauunternehmen verhindert werden“, steht für ihn fest. Denn: „Ausfallende Gewerbesteuern in den Kommunen wären nur eine der unabsehbaren Folgen einer Pleitewelle auf dem Bau. Eine einvernehmliche Vertragsanpassung mit Preisgleitung scheint uns die beste Lösung zu sein.“

Von Andreas Schmidt

27.03.2022
27.03.2022