Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Baumeister für Marburgs Werkraum der Innovationen
Marburg Baumeister für Marburgs Werkraum der Innovationen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:00 17.07.2021
Arbeit und Austausch: Auch auf der Dachterrasse des Schlossbergcenters in Marburg soll – das Fitnesscenter „Physicum“ nicht einschränkend – „Level 2“ entstehen. Das Start-up-Zentrum ist die Idee von Stefan Oberhansl, bald könnte es Realität werden.
Arbeit und Austausch: Auch auf der Dachterrasse des Schlossbergcenters in Marburg soll – das Fitnesscenter „Physicum“ nicht einschränkend – „Level 2“ entstehen. Das Start-up-Zentrum ist die Idee von Stefan Oberhansl, bald könnte es Realität werden. Quelle: Björn Wisker
Anzeige
Marburg

Ein Hauch von „Silicon Valley“ am Fuß der Oberstadt? Was für viele Marburger im Sommer 2021 abseitig klingen mag, ist ziemlich genau das, was Stefan Oberhansl vorschwebt. Der Unternehmer hat fast drei Jahre an dem Konzept gefeilt, Verhandlungen mit den Schlossbergcenter-Besitzern und Finanziers geführt, das nun in das Gründer-Zentrum „Level 2“ münden wird. Ein Ort also, wo sich Geschäftstüchtige tummeln, junge Firmen finden und Produkte entwickeln. „Wie die Welt insgesamt, wird sich auch die Wirtschaft und mit ihr Marburg verändern, ob man das mag oder nicht“, sagt Oberhansl.

Die Ober- und Innenstadt, wie man sie seit Jahrzehnten als Fußgängerzone mit kleinen Geschäften kenne, werde nicht ihr Äußeres, ihr mittelalterliches Gesicht, wohl aber ihren Inhalt – sprich die Ladenzeilen – verändern. In welche Richtung? Das Schlossbergcenter macht einen Anfang, will zur „Werkbank für Wertschöpfung“, wie Oberhansl sagt, werden. Dort sollen jene Betriebe entstehen, die eines Tages vielleicht auch in die Oberstadt-Häuser ziehen werden.

Sozial-Unternehmertum und Bio-Pharma-Bereich

„Aus jungen Marburgern sprudeln die Ideen, man muss sie nur ermutigen, fördern und ihren Unternehmergeist belohnen“, sagt Oberhansl. Zu viele würden im Anfangsstadium einer Gründung steckenbleiben oder gleich ganz in andere Regionen abwandern – genau das will Oberhansl mit seiner Grundsatz-Idee verhindern. „Das A und O für den Erfolg ist nicht die gute Idee, sondern das passende Netzwerk.“ Genau das solle im „Level 2“ passieren: Das Zusammenbringen frisch gegründeter Firmen mit erfolgreichen Unternehmern, heimischen Wirtschafts- und Rechtsexperten, Geld- und letztlich Tippgebern. „Wie man es auch dreht, die Privatwirtschaft war, ist und bleibt der Motor für Wohlstand.

Schon seit Jahren muss niemand mehr ins „Silicon Valley“ an der Westküste der USA schauen, um zu sehen, was mit neuer Arbeitswelt gemeint ist, wo Kreativ-Kultur gelebt, Aufbruchstimmung kreiert, neue Ideen entwickelt und Mut, Experimente belohnt werden. Es passiert in Gießen, in Frankfurt – speziell im „Level 2“-Vorbild, dem Frankfurter „Tech Quartier“ – und in Ansätzen mit „Mafex“ auch in Marburg. Die Stanford University gilt als Keimzelle des „Silicon Valley“ – die Philipps-Universität und die Technische Hochschule Mittelhessen, unter anderen sie könnten das für Marburg werden.

So, wie es in Frankfurt das TQ für die Finanz-Branche und entsprechende Produkte ist, sei auch für Marburg und den Erfolg der Start-up-Landschaft ein Schwerpunkt wichtig. Welcher das sein könnte, das ist für Oberhansl schon klar: das sogenannte Social Entrepreneurship.

Ein Bereich, in der Unternehmer einen Spagat zwischen unternehmerischem Denken und sozialem Mehrwert schaffen, die mit ihrer Geschäftsidee zwar Gewinn, aber keine absolute Gewinnmaximierung, sondern die Lösung eines gesellschaftlichen Problems anstreben. Beispiele dafür sind etwa Unverpacktläden. „Die Welt ein bisschen besser zu machen, das ist doch der Marburger Geist.“ Mit Blick auf die Stadt-Geschichte als Medizin-Metropole und den damit wesentlich verbundenen Wirtschaftsstandort Behringwerke, ist dieses Standbein für Oberhansl in „Level 2“ ebenso wichtig: der Bereich Bio-Pharma. Die ansässigen Pharmafirmen seien für die Region seit jeher „ein Geschenk“ und nicht zuletzt durch die nun von Biontech eingesetzte mRNA-Technologie könne es „eine Magnetwirkung“ haben.

Ob „Level 2“, „Mafex“ oder der Lokschuppen: Für Oberhansl, selbst erfolgreicher Unternehmer, sind Start-up-Standorte „überfällige Infrastrukturmaßnahmen“. Denn seit Jahren sei Marburg bei der Wirtschaftsentwicklung, bei Gründungen eher hinten dran – nicht zuletzt wegen des Flächenmangels. Der Platz in Gewerbegebieten, die Verfügbar- und Bezahlbarkeit halbwegs zentral gelegener Büroflächen sind rar. Eben deshalb sollen sie im Schlossbergcenter nicht nur Raum bekommen, sondern auch nur Mini-Mieten zahlen – weshalb Stadt, Landkreis, Sparkasse, Volksbank und Oberhansl selbst die Business-Brutstätte mit mehreren tausend Euro subventionieren werden. Lagerflächen, Produktionsstätten? Da werde „Level2“ zum „Türöffner in Landkreis“.

Von der neuen Arbeitsrealität – mobiles Arbeiten von dort, wo man wohnt – könne speziell eine Stadt wie Marburg, aus der täglich Tausende pendeln, profitieren. „Der entscheidende Punkt für Fachkräfte, für gutes Personal, ist Lebensqualität.“ Marburg und Umgebung böten genau das, was zusehends gefragt ist: Leben im oder nah am Grünen, kurze Wege zu Arbeit, Einkaufs- und Freizeitstätten. „Der Boden ist bereitet, der Rest wird an den Firmen liegen“, sagt Oberhansl.

Von Björn Wisker