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Marburg Baumbesetzer stoppen Parkdeck-Bau in Marburg
Marburg Baumbesetzer stoppen Parkdeck-Bau in Marburg
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21:30 22.01.2021
Baumbesetzer protestieren am Freitag gegen den Bau eines Parkdecks am Lokschuppen in Marburg.
Baumbesetzer protestieren am Freitag gegen den Bau eines Parkdecks am Lokschuppen in Marburg. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Eben noch im Dannenröder Forst, nun am Ortenberg aktiv: Ein Dutzend Klima-Demonstranten hat sechs Bäume nahe des Lokschuppens besetzt und ein Banner „Keine Kompromisse beim Klimaschutz“ gespannt. Die Protestgruppe wollte damit gestern die Rodung der Bäume zugunsten eines geplanten Parkdeck-Baus am Waggonhallen-Areal verhindern.

Und sie hatte damit Erfolg: Nach zwei Stunden zogen sich die Bauarbeiter samt ihrer Maschinen zurück, die Baumfällarbeiten sind vorerst aufgeschoben. Nicht zuletzt, weil Lokschuppen-Investor Gunter Schneider die Behörden eindringlich darum bittet, eine Eskalation zu verhindern. „Bei mir schlagen zwei Herzen in der Brust: Ich will der Natur nicht schaden, im Gegenteil. Aber für das Projekt braucht es nun mal ein Parkdeck.

Und das lässt sich nur so bauen, wie geplant“, sagt er mit Verweis auf den laufenden Bau des Veranstaltungszentrums und perspektivisch eines Hotels. Die Stellflächensatzung der Stadt Marburg sehe die Ausweisung von Parkplätzen in einer bestimmten Größenordnung vor – und zu erfüllen sei die Auflage nur mit einem Parkdeck. Das sieht Abstellflächen nicht nur für Autos, sondern auch für Fahrräder vor.

Schneider signalisiert im OP-Gespräch am Freitag eine umfängliche Ersatz-Pflanzung an anderer Stelle. „Ich bin für Gespräche, für Kompromisse immer bereit“, sagt er. Und das, obwohl seine Lokschuppen-Pläne ohnehin im Außenbereich des im Bau befindlichen Veranstaltungsgeländes viele Baumpflanzungen, den Aufbau einer Gartenanlage vorsehen.

Blockade-Aufruf im Internet verbreitet

Auf OP-Anfrage äußert sich die Gewobau, Eigentümer der Fläche, auf der die nun besetzten Bäume stehen. „Wir werden die Baumbesetzung nicht räumen lassen“, heißt es. Man werde in der kommenden Woche „das Gespräch mit den Besetzern suchen“. Die Polizei um den Marburger Stationsleiter Heinz Frank suchte gestern bereits das Gespräch mit den Baumbesetzern, zog sich dann im Sinne von Gewobau und Schneider zurück – vorerst. Die Forstarbeiter würden nach eigenen Angaben jedenfalls nur zwei bis drei Stunden für das Freiräumen des schmalen Grünstreifens brauchen.

Schneider steht seit Beginn der Lokschuppen-Verkaufsgespräche, dem Bieterwettbewerb im Jahr 2017, im Fokus der linken Szene. So kam auch der Blockade-Aufruf im Internet – „Alerta! Wer kann, hin da zum Supporten. Ist nur 30 km vom Danni entfernt“ – nur Minuten nach Schneiders Auftritt im Marburger Bauausschuss am Donnerstagabend. Dort stellte der Unternehmer den Stand des Projekts, die weiteren Pläne, auch Details zum Parkdeck vor. Für eine langfristige Re-Finanzierung des am Ortenberg laufenden Millionenprojekts kann laut seinen Aussagen nur der Hotelbetrieb – und damit verbunden das Parkdeck – sorgen. Dieses wird dabei teil-öffentlich bleiben, 70 Stellplätze stehen weiterhin etwa für Kletterhallen- oder Schüler-Park-Besucher bereit.

Kurios: Als vor einem Jahr an der Südspange dutzende Bäume gefällt wurden, hielt sich die Kritik an Hessen Mobil in Grenzen. Gutachter entdeckten an vielen dieser Bäume starke Schäden – etwas, das zumindest die Forstarbeiter, die sich am Freitag am Ortenberg die besetzten Bäume ansahen, auch für die zur Rodung markierten Gehölze vermuten.

Jährlich werden in Marburg hunderte Bäume gefällt

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder Kritik an Baumfällungen laut – vor allem im Vitos-Park an der Cappeler Straße, wo mehrere alte Eichen abgeholzt wurden. Auch bei Arbeiten am Trojedamm nahe des „Grüner Wehr“ gab es Widerstand, beim perspektivisch entstehenden Tegut-Markt am Oberen Rotenberg blieb Kritik indes weitgehend aus.

Auf OP-Anfrage gibt die Stadtverwaltung die Zahl der beantragten und genehmigten Fällungen in Marburg zwischen den Jahren 2016 und 2020 heraus:

  • Im Jahr 2016 gab es 226 ­Anträge für 499 Einzelbäume
  • Im Jahr 2017 gab es 219 ­Anträge für 520 Einzelbäume
  • Im Jahr 2018 gab es 223 ­Anträge für 632 Einzelbäume
  • Im Jahr 2019 gab es 220 ­Anträge für mehrere hundert Bäume
  • Im Jahr 2020 gab es 215 ­Anträge für mehrere hundert Bäume

Die Zahl der tatsächlich gefällten Bäume ist der Stadt allerdings nicht bekannt. Die Fällgenehmigungen haben eine Gültigkeitsdauer von zwei Jahren, die tatsächliche Ausführung müsse den Behörden nicht gemeldet werden.

Von Björn Wisker

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