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Marburg Bauern brummen nach Bonn
Marburg Bauern brummen nach Bonn
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23:06 22.10.2019
Sie starteten um 0.30 Uhr und kamen gegen 11 Uhr in Bonn an: 120 Schlepper fuhren Montagnacht durch den Landkreis, um gegen die Agrarpläne der Bundesregierung zu demonstrieren.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Sie alle sind hellwach. Dabei ist es drei Uhr in der Früh. Viele von ihnen haben „vorgeschlafen“, um die gut zehnstündige Anfahrt zu überstehen. „Wir müssen das machen, es geht so nicht mehr weiter“, sagt Christian Damm mit dem Handy am Ohr. Der 38-jährige Landwirt aus Rauschenberg steht in Erdhausen am Straßenrand und telefoniert. 120 Schlepper stehen eng an eng aufgereiht an der Landstraße zwischen Weidenhausen und Erdhausen. Es gibt Nachzügler bei der Schlepper-Kolonne: Landwirte aus Fulda sind noch unterwegs durch die Nacht, um sich anzuschließen. Der Rest wartet.

Denn die Landwirte wollen Geschlossenheit demonstrieren auf ihrem Weg nach Bonn. Sie alle eint der Unmut. Unmut über die Agrarpläne der Bundesregierung. Viele fürchten ihre Existenz bedroht durch die strengeren Regeln für mehr Umwelt- und Insektenschutz. „Wir bekommen vonseiten der Politik immer mehr Auflagen übergestülpt, aber niemand redet aktiv mit uns“, kritisiert Damm, der in Rauschenberg einen Milchviehbetrieb mit rund 80 Tieren unterhält.

Momentan fühlt er sich als Landwirt in Deutschland regelrecht gemobbt. „Wir werden für alles verantwortlich gemacht – und das aber zu Unrecht“, findet er und nennt als Beispiel den Klimaschutz. „Die Landwirtschaft ist für acht Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich, aber was ist mit den restlichen 92 Prozent? Überhaupt ist die Landwirtschaft die einzige Branche, die CO2 bindet“, betont Damm und steigt wieder auf seinen Schlepper, der mit einem großen Banner versehen ist. Darauf steht: „Lieber Verbraucher, ich bin das Lebensmittel aus der Region“.

"Ohne Bauern keine Zukunft"

Auch die anderen Traktoren sind mit Plakaten geschmückt: Darauf zu lesen: „Ohne Bauern keine Zukunft.“ „Gute Lebensmittel werden in Deutschland produziert.“ Und: „500 Pflanzenschutzmittel, die bei uns verboten sind, werden in den Mercosur-Staaten angewandt – und die Lebensmittel essen wir.“ Eine Aussage, die Tobias Hewecker wohl so unterschreiben würde. „Es soll alles regional sein und regional gekauft werden, aber durch solche Abkommen ist genau das Gegenteil der Fall“, kritisiert der 38-Jährige, der in Wolferode einen Milchviehbetrieb und eine Biogasanlage führt.

Das Mercosur-Abkommen ist einer der großen Kritikpunkte der Landwirte. Es sorge dafür, dass immer mehr Agrarprodukte importiert würden und die Preise kaputtmachten. „Es kommt immer mehr billiges Fleisch von außen rein, und hier das Gute, das direkt vor der Tür ist und ja auch eine gute CO2-Bilanz hätte, das wird dann nicht gekauft“, ärgert sich der Landwirt. Dem Verbraucher gibt Hewecker nur bedingt Schuld an dieser Misere. Vielmehr trage die Politik dafür Verantwortung, dass der Verbraucher gelernt habe, eben das billige Fleisch aus dem Ausland zu kaufen.

Landwirte sind kompromissbereit

Das Agrarpaket beinhaltet neben mehr Schutz für Insekten und einem neuen Tierwohl-Kennzeichen auch den Glyphosat-Ausstieg. Das Verbot hält Gerd Loh für den „größten Schwachsinn“ überhaupt. Der Landwirt aus dem Vogelsberg hat sich mit seinem Schlepper den Marburgern angeschlossen und wartet nun bei Gladenbach auf die Weiterfahrt nach Bonn. „Ohne Glyphosat haben wir keinen Erosionsschutz mehr. Dann muss jeder mit seinem Pflug die Erde umdrehen, die dann bei Starkregen abgeschwemmt wird“, kritisiert er und schlägt vor, „mehr Zwischenfrüchte auf den Flächen anzubauen, damit es den Böden besser geht“.

So wie Damm, Hewecker und Loh sehen es viele Landwirte. Sie seien ja kompromissbereit – dafür müsse die Politik aber mit ihnen reden und nicht über sie. Das gelte auch beim Thema Düngeverordnung.

„Ich hoffe sehr, dass wir heute auf uns aufmerksam machen können“, sagt Christian Damm und trommelt die Trecker-Fahrer zusammen. „Alle aufsteigen, es geht weiter“, ruft er, und schon setzt sich die Kolonne aus mehr als 120 Schleppern in Bewegung. Insgesamt werden es an diesem gestrigen Dienstag mehr als 1 000 Traktoren sein, die in Bonn für ein absolutes Verkehrschaos sorgen. Die Polizei berichtet davon, dass eine Traktor-Kolonne bis zu 18 Kilometer lang ist. Auch die Marburger Kolonne muss außerhalb von Bonn parken und sich dann zu Fuß auf den Weg zur Demo machen, an der nach offiziellen Angaben 6.000 Menschen teilnehmen.

Bundesweite Proteste

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner und ihre Union bemühten sich laut einer Meldung gleich mehrfach, sich solidarisch mit den rund 268.000 Landwirtschaftsbetrieben in Deutschland zu zeigen, die nicht nur in Bonn, sondern bundesweit protestierten. Klöckner sagte, sie könne nachempfinden, wie es den Bauern gehe, und es sei gut, wenn sie von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machten. Es gebe in der Gesellschaft zu wenig Wissen darüber, wie Lebensmittel produziert werden. Aber Verbraucher entschieden durch ihr Kaufverhalten mit darüber, was und wie produziert werde. Die Unionsfraktion im Bundestag kündigte an, ein Positionspapier zu beschließen, in dessen Entwurf einiges vorkommt, was den protestierenden Bauern auf der Seele brennt – unter anderem der Appell, auf Anreize und Freiwilligkeit zu setzen statt auf strenge Auflagen und Sanktionen.

Nach der Aktion in Bonn verstreuten sich die rund 6.000 protestierenden Landwirte wieder in alle Himmelsrichtungen. Auch die Marburger machten sich „müde, aber zufrieden“, wie es einige ausdrückten, auf den Heimweg – schließlich erledigt sich die Arbeit auf Bauernhöfen nicht von allein.

von Nadine Weigel