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Marburg Sorge um Berufsschulstandort
Marburg Sorge um Berufsschulstandort
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10:00 10.03.2022
Armin Grutschus (links), Obermeister der Bau-Innung Marburg, überreicht die Ehrenurkunde zum 25-jährigen Meisterjubiläum an Norbert Groß aus Kirchvers.
Armin Grutschus (links), Obermeister der Bau-Innung Marburg, überreicht die Ehrenurkunde zum 25-jährigen Meisterjubiläum an Norbert Groß aus Kirchvers. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Marburg

Eigentlich könnte das heimische Bauhandwerk positiv gestimmt sein. Denn die Geschäfte, so die Ergebnisse der Winter-Konjunkturumfrage der Handwerkskammer Kassel, laufen immer noch gut. Demnach liegt die Betriebsauslastung bei gut 85 Prozent, es sind Aufträge für 13 Wochen vorhanden. Und der Geschäftsklimaindex im heimischen Bauhauptgewerbe liegt bei immer noch guten 116,8 Punkten – damit zwar zehn Zähler niedriger, als im Herbst, aber rund 17 Punkte über dem Vorjahreswert. Entsprechend erwarten auch 62,5 Prozent der befragten Betriebe eine zumindest gleichbleibende Geschäftslage, 12,5 Prozent erwarten gar eine Steigerung. Ein Viertel der Befragten denkt, dass die Geschäfte künftig schlechter laufen werden.

Und doch sorgte ein Thema während der Jahreshauptversammlung der Marburger Bau-Innung für tiefe Sorgenfalten: Die Zahl der Auszubildenden ist mittlerweile so niedrig, dass perspektivisch der Berufsschulstandort gefährdet sein könnte – und das, obwohl das Hessische Kultusministerium die Schülerzahlen im vergangenen Jahr bereits angepasst hatte, um Schulstandorte zu behalten (die OP berichtete). Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hatte vergangenen April erläutert, dass man auf sinkende Ausbildungszahlen reagieren müsse.

Carsten Keil, Abteilungsleiter an der Marburger Adolf-Reichwein-Schule (ARS), stellte das Konzept, das erstmals im Schuljahr 2025/26 umgesetzt werden soll, vor. Das Problem: Bei sinkenden Azubi-Zahlen kommen in einigen Ausbildungsberufen nicht mehr genug Schüler für die Klassen zusammen – mit der Folge, dass die Lehrlinge nicht mehr wohnortnah beschult werden können, sondern etwa in Landesfachschulen fahren müssen, wo dann Blockunterricht stattfindet.

Daher wurde das Limit der Klassen gesenkt: Liegt dieses bisher bei 15 Schülerinnen und Schülern, genügen künftig bereits zwölf im ersten, neun im zweiten, acht im dritten und fünf im vierten Ausbildungsjahr. Zudem sollen die nach den Rahmenlehrplänen zulässigen Möglichkeiten einer gemeinsamen Beschulung ausgeschöpft werden. „Erst und nur dann, wenn die Mindestklassengrößen vor Ort nicht mehr erreicht werden können, erfolgt an den regional und landesweit zuständigen Berufsschulen eine Konzentration“, sagte Lorz vergangenes Jahr. Dazu werde künftig für jeden Ausbildungsberuf ein Standort ausgewählt, der die Beschulung konzentriert übernimmt.

Schwierige Anreise

Carsten Keil erläuterte, dass die ARS bereits gemeinsam beschule, was gehe. Denn für die jungen Azubis sei es durchaus schwierig, andere Schulstandorte zu erreichen, „wenn man beispielsweise einem 15- oder 16-Jährigen im Elektro-Handwerk sagt, dass seine Berufsschule nun in Offenbach ist“. Eine Anreise von mehreren Stunden sei häufig nicht zu realisieren – mit der Folge, dass vielleicht noch weniger Azubis einen Handwerksberuf ergreifen.

„Wenn wir die Mindestgröße nicht halten, dann sind die Schüler weg“, verdeutlichte Keil, sie müssten dann zur Blockbeschulung in einer regional zuständigen Berufsschule – die Standorte würden bis 2024 erarbeitet. „Sollten auch dort die Mindestklassengrößen mehrfach unterschritten werden, kommt es zu einer landesweiten Berufsschule.“ In der Vergangenheit habe die ARS Problemfälle, etwa im Hochbau, immer wieder aufgefangen, weil man quasi „quersubventioniert“ habe. Doch sollten die Azubizahlen nicht steigen, „dann bleibt es wahnsinnig knapp“. So gebe es beim Maurerhandwerk lediglich drei neue Azubis, im zweiten Lehrjahr seien es fünf und im dritten Lehrjahr zumindest acht.

Während der Versammlung fand zudem eine Auszeichnung für ein 25-jähriges Meisterjubiläum statt. Obermeister Armin Grutschus überreichte Norbert Groß aus Kirchvers eine Urkunde der Handwerkskammer Kassel für sein Meisterjubiläum im Betonstein- und Terrazzoherstellerhandwerk. Die Jubiläumsurkunde für 25 Jahre Maurer- und Betonbauermeister hatte Groß bereits vor einigen Jahren erhalten. Er ist zudem seit vielen Jahren als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger im Einsatz.

Von Andreas Schmidt