Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Das Bartol-Bibbern? So wichtig wird der Marburg-Faktor
Marburg Das Bartol-Bibbern? So wichtig wird der Marburg-Faktor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 26.05.2021
Sören Bartol (SPD, von links), Stephanie Theiss (Grüne) oder Dr. Stefan Heck (CDU): Wer holt sich das Direktmandat?
Sören Bartol (SPD, von links), Stephanie Theiss (Grüne) oder Dr. Stefan Heck (CDU): Wer holt sich das Direktmandat?
Anzeige
Marburg

Wenn am 26. September der Bundestag gewählt wird, hoffen die Direkt- und Listenkandidaten im Landkreis Marburg-Biedenkopf auf einen Einzug ins Parlament, die heimischen Parteien auf das bestmögliche Zweitstimmen-Ergebnis. Doch für wen stehen, vier Monate vor dem Wahltermin die Chancen wie gut? Die OP blickt auf aktuelle Umfragen, den Trend der vergangenen Jahre, die Lehren aus dem ewigen Direkt-Duell zwischen SPD-Star Sören Bartol und CDU-Chef Stefan Heck – und skizziert, welche Rolle die erstarkten Grünen spielen.

Marburg-Biedenkopf ist offenbar zum „battleground state“, zum Wackel-Wahlkreis geworden – das legen jedenfalls jüngste Umfragen des Meinungsforschungsinstituts INSA nah. Bis zum Beginn der Corona-Pandemie lag die SPD im Wahlkreis 171 bei der Wählergunst meist vorne. Das änderte sich prompt, fast genau ein Jahr lang dominierte Schwarz – bis plötzlich, kurz vor der Kommunalwahl im März Rot die Oberhand zurückgewann. Seitdem gibt es in Marburg-Biedenkopf laut INSA keine Konstanz bei der Erststimmen-Präferenz. Mal liegt Bartol, mal Heck mit weniger als drei Prozent, also mit nicht mehr als der statistischen Fehlertoleranz, vorne.

3 500 Stimmen Unterschied

Während das Gebiet zwischen Neustadt und Bad Endbach seit einem Vierteljahrhundert fest in SPD-Hand ist, könnte die Hochburg also im Herbst erstmals seit 1990 – damals gewann CDU-Politiker Friedrich Bohl – fallen. In der Wahlkreisgeschichte waren jene Bohl-Siege zwischen 1983 und 1990 aber die Ausnahme, denn davor war fast 20 Jahre lang SPD-Mann Gerhard Jahn der direkt gewählte Abgeordnete, der die Region im Bundestag vertrat. Zur SPD-Bastion wurde Marburg-Biedenkopf dann ab 1994, als Bohl von Brigitte Lange – die Bartols Vorgängerin war – bezwungen wurde.

Droht dem Marburger Bartol, der im Jahr 2002 als 28-Jähriger erstmals direkt nach Berlin gewählt wurde, nun der Verlust des Unbesiegbarkeits-Nimbus? Zum vierten Mal nach 2017, 2013 und 2009 ist der Mardorfer Dr. Stefan Heck sein Haupt-Konkurrent – und nie war dieser näher an der Wachablösung. Wie der Blick auf die zurückliegenden Bundestagswahl-Ergebnisse zeigt, ist das Abschneiden in Marburg, dem größten Stimmbezirk, entscheidend: So lag Heck vor vier Jahren am Ende 3 500 Stimmen hinter Bartol, und dieser holte alleine in der Universitätsstadt 5 000 Kreuze mehr als der Konservativen-Kandidat. Das war identisch zu 2013 und etwas mehr als 2009.

Ein Vorzeichen ändert sich in vier Monaten im Vergleich zu den vergangenen Urnengängen allerdings: Die Grünen waren nie stärker, und das vor allem in der für Bartol und die SPD so wichtigen Universitätsstadt. Ob Europa-, Landtags- oder vor wenigen Wochen die Kommunalwahl: Seit Jahren eilen die Grünen in der Stadt von Erfolg zu Erfolg, schrammten selbst in der Oberbürgermeister-, also einer Persönlichkeitswahl, um gerade mal 95 Stimmen am Sieg vorbei.

Sollte es der Grünen-Bundestagskandidatin Stephanie Theiss (32), die im Kreistag aktiv ist, also gelingen, Bartol eine vierstellige Zahl an Stimmen abzujagen, könnte der Wahlbezirk Marburg-Biedenkopf durchaus fallen – wegen deren vergleichsweiser Schwäche im Umland nicht an die Grünen selbst, aber durchaus an die CDU.

2017 holten die Grünen bei den Erststimmen in Marburg jedenfalls mit 4 800 ein durchschnittliches, für sie normales Ergebnis. Sie lagen damit aber um mehr als 1 000 Stimmen hinter der damaligen Linken-Kandidatin. Und genau das, die in diesem Jahr anstehende Kandidatur des Linken Maximilian Peter, dürfte sich auch vor allem in Marburg bemerkbar machen: 6 000 Kreuze, und damit mehr als 50 Prozent ihres Gesamtergebnisses, holten sie in der Stadt.

Sollte Bartol, den andere Mai-Umfragen deutlicher in Führung sehen, das Direktmandat zum sechsten Mal in Folge ziehen, wäre er einer von – Stand jetzt – weniger als 50 SPD-Politikern, die in einem der insgesamt 299 Wahlkreise siegen. Ein Pfund, mit dem der in der neuen Fraktion, ob weiter in der Regierung oder in der Opposition, eigentlich wuchern, in die erste Reihe drängen müsste.

Wie aussagekräftig ist Kreis-Trend?

Klar ist: Speziell bei SPD-Vertretern schlägt die Persönlichkeit die Partei. So holte Bartol bei der letzten Bundestagswahl 15 600, die SPD selbst nur 10 000 Stimmen. Heck lag nur 1 500 Stimmen über CDU-Ergebnis. Auffällig: Die taktischsten Wähler der Stadt gibt es bei der FDP. Etwa 55 Prozent gaben zuletzt zwar der Partei die Zweit-, verweigerten aber den jeweiligen Kandidaten die Erststimme. Bei Linken und Grünen taten das zuletzt nur rund 20 beziehungsweise 30 Prozent.

Die Christdemokraten werden ihrerseits etwas sorgenvoll auf die Ergebnisse der jüngsten Kreistags-Wahl schauen. Bei dieser lag die Partei – eventuell von der im Bund verpatzten Impfkampagne geschädigt – in fast allen Gemeinden und meist recht deutlich hinter einer SPD, die wiederum und trotz Einbußen wohl vom „Fründt-Faktor“, der beliebten Landrätin profitierte. Und die Grünen verdoppelten sich im Kreis fast, liegen in der Fläche aber noch deutlich hinter den Volksparteien.

Aber: Wie unterschiedlich Kommunal- und Bundestagswahlen ausgehen können, zeigte sich schon beim letzten Mal. Während die CDU bei der Kreistagswahl im März 2016 noch rund 7,5 Prozent hinter der SPD lag, hängte sie die Sozialdemokraten bei den Bundestags-Zweitstimmen im September 2017 mit 3,7 Prozent ab, siegte selbst in der traditionell eher linken Stadt Marburg mit 2,3 Prozent Vorsprung.

Dennoch: Damals lagen eineinhalb Jahre, nicht nur sechs Monate zwischen den Urnengängen. Aber es gab auch weder das Klima-Thema samt den Boom-Grünen, noch den Faktor einer auch wahltechnisch unkalkulierbaren Pandemie.

Listenplätze und Chancen

Mit Platz 7 auf der Hessen-Landesliste hätte Dr. Stefan Heck den Einzug sicher – doch nur scheinbar, denn wenn die CDU sehr viele Wahlkreise direkt gewinnt, reicht kein noch so hoher Listenplatz für einen Bundestagssitz.

Sören Bartol stand zuletzt auf Listenplatz 5. Es ist eine Position, von der er beim SPD-Listenparteitag Mitte Juni kaum abrutschen und somit unabhängig von der Direktwahl abgesichert sein dürfte.

Die FDP platzierte Niklas Hannott auf den chancenlosen 13. Rang.

Damit Stephanie Theiss, falls sie das Direktmandat nicht gewinnt, von Listenplatz 19 nach Berlin kommt, müssten die Grünen in Hessen bei den Zweitstimmen wohl die 30 Prozentmarke knacken.

AfD-Mann Julian Schmidt dürfte auf Position 9 einen Parlamentseinzug klar verfehlen.

Maximilian Peter (Linke) wird erst am kommenden Sonntag auf einen Listenplatz gewählt – alles unterhalb von Platz 4 dürfte

aber aussichtslos sein.

Von Björn Wisker