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Marburg Naturschützer hoffen auf den „Mitmach-Sog“
Marburg Naturschützer hoffen auf den „Mitmach-Sog“
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11:10 24.02.2022
Die geplante Wohnbebauung am Hasenkopf sorgt weiter für Streit. Der BUND spricht sich erneut dagegen aus..
Die geplante Wohnbebauung am Hasenkopf sorgt weiter für Streit. Der BUND spricht sich erneut dagegen aus.. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Das Fazit ist versöhnlich. Auch beim Grundziel, bis 2030 die Klimaneutralität erreichen zu wollen, ist man sich einig. Die Marburger Ortsgruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat sich kritisch mit der Koalitionsvereinbarung von SPD, Grünen, Klimaliste sowie der inzwischen aus dem Bündnis ausgeschiedenen Linken-Fraktion beschäftigt.

„Bei aller Kritik im Detail stellt der Koalitionsvertrag in weiten Teilen eine brauchbare Grundlage für den Weg zur Klimaneutralität der Stadt Marburg bis 2030 dar“, heißt es in der BUND-Stellungnahme. Dennoch üben die Naturschützer unverblümt Kritik an elementaren Vorhaben der Magistratsmehrheit für die kommenden Jahre. Und fragen sich, ob die Klimaziele schnell genug umgesetzt werden.

Kritik an Plänen für Hasenkopf und Cappeler Feld

Beispiel neue Baugebiete: Aus Naturschutzgründen sieht der BUND die Absichtserklärung der Koalition, die „wertvollen Biotope auf dem Marburger Rücken mit denen des Allnatals zu vernetzen“, positiv. Dies vertrage sich aber in keiner Weise mit der Weiterverfolgung der Baupläne auf dem Hasenkopf und am Oberen Rotenberg. Diese Baugebiete würden zu erheblichen Beeinträchtigungen des Biotopverbunds führen. „Wenn man den Marburger Rücken im Sinne des Naturschutzes entwickeln will, ist es der erste Schritt, ihn von weiterer Bebauung frei zu halten“, betont der BUND.

Auch aus anderen Gründen stellt sich die Marburger BUND-Gruppe weiterhin entschieden gegen die Baupläne auf dem Hasenkopf und am Oberen Rotenberg. In den bisher vorliegenden Gutachten zum Hasenkopf zeichnet sich eine signifikante Bedeutung für die Vogelwelt – mit Brutvorkommen gefährdeter Arten der Feldflur wie der Wachtel, der Feldlerche und des Bluthänflings – ab.

Weiterhin diene die Fläche als Kaltluftreservoir für das angrenzende Stadtwaldviertel, „ein Umstand, der im Zuge des fortschreitenden Klimawandels stark an Bedeutung gewinnen wird“. Die Ackerflächen dort würden überwiegend ökologisch bewirtschaftet. Ihr Wegfall durch Bebauung stünde in krassem Widerspruch zum Ziel des Koalitionsvertrags, eine möglichst weitgehende Versorgung der Marburger Bevölkerung mit regional und ökologisch erzeugten Lebensmitteln zu ermöglichen.

Hinzu komme die Bedeutung für die Naherholung. „Insgesamt ist für uns klar“, heißt es in der Stellungnahme, „dass der unbebaute Hasenkopf für die Gesellschaft deutlich wertvoller ist, als es der bebaute sein würde.“

Kritik am Festhalten

von Einfamilienhausbau

Ebenso reserviert steht der Naturschutzverband in Marburg anderen möglichen Siedlungsplanungen gegenüber. So unterstützt man zwar die Idee, für den Rotmilan in dem zu seinem Schutz ausgewiesen Schwerpunktraum Habitataufwertungen durchzuführen.

Aber: Ein besserer Milan-Lebensraum als die extensiv genutzte und dennoch jetzt zur Bebauung vorgesehene Grünlandfläche in Marbach sei gar nicht denkbar. Mehr noch: In diesem Zusammenhang sei es genauso wichtig, die Nahrungshabitate für diese Greifvögel rund um Bauerbach zu erhalten und nicht im neuen Regionalplan großflächig als Vorranggebiet für Siedlungsentwicklung auszuweisen.

Das Bekenntnis der Koalition zur Reduktion der Flächenversiegelung und zur Nutzung der verbliebenen Potenziale der Innenentwicklung sei begrüßenswert. Wenn überhaupt noch im Außenbereich gebaut werden solle, müsse die verbrauchte und versiegelte Fläche so gering wie möglich gehalten werden. Das aber müsste eine Bebauung mit freistehenden Einfamilienhäusern aus Sicht des BUND eigentlich ausschließen. Diese Bauform sei jedoch im Koalitionsvertrag explizit mit aufgeführt.

Der BUND moniert auch, dass sich der Umgang mit der kostbaren Ressource Wasser noch zu sehr an einer Ausweitung des Angebots durch Erschließung neuer Quellen – zum Beispiel mit der Probebohrung im Arzbachtal – beschäftigt und zu wenig mit einem sparsameren Einsatz von Trinkwasser. Einen Missstand sieht man beim BUND auch darin, dass der etwa 15 Hektar große Friedhof Ockershausen „nach Belieben mit Trinkwasser bewässert wird statt mit Lahn-Brauchwasser“. Dies müsse sich ändern.

Daneben gebe es zwar die Absicht in der Koalition, die noch vorhandenen Hochwasserstauräume zu sichern und wo möglich neue Überflutungsflächen zu schaffen. Im konkreten Handeln des Magistrats sei dies nicht abzulesen. Als Beispiel nennt der BUND die Diskussion um die vom Magistrat befürwortete Ausweisung von 30 Hektar vollversiegeltem Gewerbegebiet im Cappeler Feld.

Die Naturschützer vermissen zudem Ideen und Projekte, wie die benötigte Heizenergie klimaneutral bereitgestellt werden kann, also ohne fossile Brennstoffe oder den energetisch als fragwürdig betrachteten Wasserstoff.

Keine Angst vor Restriktionen

wie Parkraumverknappung

Daneben verlangt der BUND, dass keine Zeit mehr verloren wird, besonders, was den Umbau der Stadt in verkehrstechnischer als auch in energieeffizienter Hinsicht angeht. Dabei dürfe sich die Koalition von zu erwartendem Widerstand nicht aufhalten lassen. Veränderungen müssten für die Bevölkerung aber auch „sichtbar und erfahrbar sein, um in der Zivilgesellschaft den für das Gelingen des Vorhabens notwendigen ‚Mitmach-Sog‘ zu erzeugen“.

Sie dürften aber auch nicht, etwa bei der Verkehrswende, allein als „unverbindliche Angebotspolitik“ daherkommen. Da für viele Menschen das eigene Auto auch dann das bequemste Verkehrsmittel bleiben werde, wenn es Verbesserungen im Öffentlichen Nahverkehr oder für Radfahrer gebe, müsse in der Politik folglich auch die Bereitschaft für restriktive Maßnahmen, wie etwa eine lenkende Parkraumbewirtschaftung und eine gezielte Parkraumverknappung, bestehen. „Ziel muss es darüber hinaus sein, nicht nur den Verkehr an sich zu verlagern, sondern auch den Bestand der in Privatbesitz befindlichen Fahrzeuge in Marburg signifikant zu verringern.“

Der BUND begrüßt ausdrücklich die Verpflichtung der Koalition zum Ziel der Klimaneutralität bis 2030. Das sei jedoch ein äußerst kurzer Zeitraum, in dem jetzt jedes Jahr deutliche Fortschritte erzielt werden müssten. Die Marburger Ortsgruppe des BUND will sich an diesen Zukunftsthemen der Stadt „als kritische Beobachter und durch gezielte Einflussnahme“ weiter aktiv beteiligen, wie Vorstandssprecher Ingmar Kirck gegenüber der OP bestätigt. Vor allem werde man sehr darauf achten müssen, dass auch bei allen guten Vorsätzen in der Stadtpolitik schnell und konsequent genug gehandelt werde.

Von Michael Agricola