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Marburg Soll ein Trampelpfad zum Radweg ausgebaut werden?
Marburg Soll ein Trampelpfad zum Radweg ausgebaut werden?
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14:00 14.01.2022
Der Wanderweg Strumpfweg im Marburger Stadtwald am Zugang in der Graf-von-Stauffenberg-Straße.
Der Wanderweg Strumpfweg im Marburger Stadtwald am Zugang in der Graf-von-Stauffenberg-Straße. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der BUND wendet sich gegen die bauliche Erschließung des sogenannten „Strumpfwegs“ im Stadtwald, eines beliebten Weges, der an der Kindertagesstätte „Graf-von-Stauffenbergstraße“ beginnt und quer durch den Wald bis zur Straße „Am Runden Baum“ verläuft. Von diesem Punkt aus verläuft er weiter – erneut durch ein Waldstück – in die Stadtwaldsiedlung (ehemaliges Kasernengelände).

Der Ausbau des „Strumpfwegs“ ist eine geplante Aktion im Rahmen des Projekts „soziale Stadt/sozialer Zusammenhalt“. In Überlegung ist laut BUND eine Radverkehrsstraße mit festem Belag und Straßenbeleuchtung inmitten des Landschaftsschutzgebietes Stadtwald.

„In diesem Kontext würde die Rodung von Teilen des alten Buchenbestands entlang des besagten Waldweges unvermeidbar“, befürchtet der BUND. Als Begründung für diese Straßenerschließung werde die geplante Schließung der Kindertagesstätte „Graf-von-Stauffenbergstraße“ genannt, gepaart mit der Vermutung, die Kinder würden stattdessen dann das neu errichtete Familienzentrum im Stadtwald in Anspruch nehmen.

Zeitersparnis ist nicht zu erkennen

„Hieraus resultiert offensichtlich die Vorstellung, man müsse zwingend eine zu Fuß oder mit dem Rad nutzbare ,Abkürzung’ quer durch den Wald für Kinder und Eltern schaffen, weil diesen nicht zuzumuten sei, die parallel verlaufende Graf-von-Stauffenberg-Straße zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bus zu nutzen“, mutmaßt der BUND. Eine Zeiteinsparung durch die Strumpfweg-Erschließung sei jedoch nicht zu erkennen, da beispielsweise der Bus (Linien 8 und 17, verkehren morgens viermal pro Stunde) weniger als fünf Minuten bis zum Familienzentrum Stadtwald benötigt, man mit dem Rad durch den Wald jedoch mindestens ebenfalls fünf Minuten braucht.

Der in seiner jetzigen Form existierende Strumpfweg sei bereits zu Fuß und mit dem Rad nutzbar, daher wäre aus Sicht des BUND allenfalls eine Ertüchtigung in Form einer natur(schutz)verträglichen Befestigung für Waldwege denkbar. Genau darüber wird im Stadtteil seit 2019 diskutiert. Straßenbeläge aus Asphalt oder Beton, Beleuchtungsanlage und Rodung des alten Buchenbestands in dem wertvollen Landschaftsschutzgebiet könnten nicht mit der geltenden Schutzverordnung für das Landschaftsschutzgebiet Stadtwald in Einklang gebracht werden. Zahlreichen bedrohten Arten diene es als Nahrungshabitat und Brutgebiet (z.B. Schwarzspecht und Habicht). Die durch eine Beleuchtungsanlage entstehende Lichtverschmutzung mit ihren bekannten negativen Auswirkungen auf die Tierwelt sei gleichfalls nicht mit den Schutzzielen vereinbar.

Stadt hat keine konkreten Planungen

Gemäß der Schutzverordnung seien alle Veränderungen, die geeignet sind, die Natur zu schädigen, verboten. Laut Paragraf 3 Abs. c) bedürfen die Entnahme oder das Anbringen von Bodenbestandteilen oder sonstige Veränderungen der Bodengestaltung der vorherigen Zustimmung der unteren Naturschutzbehörde. Weiter heißt es dort, dass eine Zustimmung unter Bedingungen oder Auflagen erteilt werden kann. Sie darf nur versagt werden, wenn das Vorhaben die Natur schädigt, was unserer Auffassung nach bei diesen Plänen unausweichlich der Fall wäre.

Außerdem ist festgelegt, dass „die Zustimmung zu erteilen [ist], wenn das Vorhaben im überwiegenden öffentlichen Interesse durchgeführt werden muss“. Da die bauliche Erschließung des Strumpfwegs nicht im überwiegenden öffentlichen Interesse durchgeführt werden muss, weil wie oben dargelegt, eine vorhandene, besser geeignete Alternative bereits existiert, „schauen wir mit Interesse auf die Entscheidung der unteren Naturschutzbehörde“, sagt Vanessa Kersten vom BUND. „Aus Sicht des BUND sind die für ein Landschaftsschutzgebiet völlig unverträglichen Radverkehrsstraßenpläne für den Strumpfweg aus den genannten Gründen abzulehnen“, sagt Kersten. Bei der Stadt Marburg gibt man sich bedeckt: „Es gibt keine konkreten Planungen der Universitätsstadt Marburg für den Ausbau des Strumpfweges zum Radweg“, sagt Patricia Grähling von der Pressestelle der Stadt.

Der Ortsbeirat Ockershausen hat aber angeregt, eine Fußwegeplanung für den Strumpfweg anzugehen. Es wird daher Überlegungen geben, ob und wie der vorhandene Trampelpfad anders gestaltet werden könnte – konkrete Planungen oder gar einen Zeitplan gebe es derzeit dazu nicht.

„Würde die Stadt Marburg den Trampelpfad zu einem Radweg ausbauen wollen, würde der normale planungsrechtliche Weg eingeschlagen – dementsprechend würde dann selbstverständlich die Öffentlichkeit beteiligt werden und könnte Ideen, Anmerkungen und Bedenken einbringen“, beteuert Grähling.

Von Till Conrad

14.01.2022
14.01.2022