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Marburg Hat es mit dem Drogenmilieu zutun?
Marburg Hat es mit dem Drogenmilieu zutun?
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08:00 10.06.2021
Sanitäter bringen den bei einer Axt-Attacke im März schwer verletzten, 61-jährigen Mann in die Notaufnahme.
Sanitäter bringen den bei einer Axt-Attacke im März schwer verletzten, 61-jährigen Mann in die Notaufnahme. Quelle: Erhan Güven
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Marburg

Der Fall schlug hohe Wellen, doch er scheint sich nicht als das zu entpuppen, was viele fürchteten: Nach den Axt-Angriffen im Damaschkeweg Mitte März dieses Jahres war in Marburg prompt von Ausländerfeindlichkeit, von einer rechtsradikalen Attacke die Rede. Linke Initiativen wie Seebrücke, Fridays for Future, DIDF-Jugend, SDS und Attac meldeten sich zu Wort, Politiker und Ausländerbeirat schalteten sich ein und mancher stellte nach dem Überfall am unteren Richtsberg Bezüge zu NSU und den Anschlägen von Hanau sowie Halle her.

Doch für das vermutete rassistische Tatmotiv gibt es keine Beweise, nicht mal Indizien. Nach Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft soll es viel mehr so sein, dass der Überfall einen Drogen-Hintergrund hat und die brutalen Attacken beziehungsweise die Opfer völliger Zufall waren. Die Ermittlungsbehörden wollen das auf OP-Anfrage zwar nicht bestätigen. Sie teilen aber mit, dass sich auch drei Monate nach der Tat „keinerlei Hinweise für Fremdenfeindlichkeit als Tatmotiv“ gefunden hätten, wie Staatsanwaltschaft Timo Ide sagt.

Anklage: doppelter Mord-Versuch?

Die Behörden teilten schon kurz nach dem Vorfall mit, dass – auch wenn der mutmaßliche Täter eine Glatze hatte – Ausländerfeindlichkeit keine Rolle gespielt habe. Dafür ernteten Polizei und Staatsanwaltschaft scharfe Kritik der Aktivisten. Nach OP-Informationen handelt es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen Mann aus dem Waldtal, der sich mit der Axt zwar tatsächlich in gewaltbereiter Absicht auf den Weg machte, aber offenbar die Falschen angriff. Denn: Der 42-jährige Angreifer hatte offenbar nur eine Beschreibung des von ihm gesuchten, im Drogenmilieu aktiven Mannes – aber nicht dessen Namen, genaue Adresse und Aussehen.

Zur falschen Zeit am falschen Ort? Sowohl der dem mutmaßlichen Täter im Flur begegnende 61-Jährige, den er mit der Axt angriff und lebensgefährlich am Kopf verletzte, als auch die in ihrer Wohnung mit Axthieben attackierten Mohammed S. (29) und Siham (25) seien laut Ide weder miteinander bekannt noch „das eigentliche Ziel“ der geplanten Aggressionsaktion gewesen.

Wen der 42-Jährige aus welchen Gründen genau suchte beziehungsweise schädigen wollte, dazu äußert sich Ide nicht. Nur so viel: Die Ermittlungen zum Fall seien zwar weit fortgeschritten aber noch nicht abgeschlossen.

Wann der Fall vor Gericht verhandelt und ob – angesichts der offenkundigen Planung des Überfalls – dann ein Doppelmord-Versuch angeklagt wird, ist noch unklar.

Der Angriff im Frühjahr war nicht der erste mit einer Axt in Marburg. Im Sommer 2013 drang ein damals 47-jähriger Mann aus Lohra in das Amtsgerichtsgebäude ein, wurde dort geistesgegenwärtig im Vorraum von einem Pförtner festgesetzt und Stunden später vom SEK überwältigt.

Von Björn Wisker

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