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Marburg Autonomes Fahren: neue Chance für Teststrecke zur Zeiteninsel
Marburg Autonomes Fahren: neue Chance für Teststrecke zur Zeiteninsel
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15:58 15.04.2021
Am Standort Behringwerke fand 2017 ein Fahrversuch mit einem autonomen Bus statt. Kommendes Jahr könnte ein Versuch zwischen Niederweimar und der Zeiteninsel starten.
Am Standort Behringwerke fand 2017 ein Fahrversuch mit einem autonomen Bus statt. Kommendes Jahr könnte ein Versuch zwischen Niederweimar und der Zeiteninsel starten. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
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Marburg

Im autonomen Fahren sieht unter anderem Peter Lather, Vorsitzender des Regionalausschusses Marburg der IHK Kassel-Marburg, eines der Zukunftsprojekte für die Region. Bereits 2017 hatte es einen länger angelegten Test mit einem autonom fahrenden Kleinbus auf dem Gelände des Industrieparks Behringwerke gegeben (die OP berichtete). Vergangenes Jahr sorgte die IHK dann für Aufsehen, denn: Die Idee war, einen autonom fahrenden Kleinbus von Niederweimar zur Zeiteninsel nach Argenstein pendeln zu lassen – auf dem viel befahrenen Radweg „in friedlicher Koexistenz“ mit den Radlern, hieß es damals. Das stieß auf wenig Gegenliebe, rief selbst den Kreistag auf den Plan – das Projekt schien „beerdigt“.

Doch nun steht fest: Das Gegenteil ist der Fall. Die Pläne, mit dem selbst fahrenden Bus auf eben diesem Radweg zur Zeiteninsel zu pendeln, sind nun konkreter denn je. Denn: Durch die Erweiterung des Kieswerks wird ein neuer Radweg gebaut. Und der Bus könnte dann den bisherigen Radweg als Teststrecke verwenden. Für Peter Lather steht fest: „Auch das autonome und vernetzte Fahren ist ein Baustein für ein innovatives Mobilitätskonzept.“ Marburg als Modellregion könne die Region „bundesweit als Innovationsregion bekanntmachen“, ist sich der Regionalausschuss-Vorsitzende sicher.

Lather konkretisiert das Projekt: „Für einen bestimmten Zeitraum von ungefähr zwei Jahren stehen also zwei Wege von Niederweimar bis zur Zeiteninsel zur Verfügung.“ Danach würde der bisherige Radweg durch die Erweiterung des Kieswerks wegfallen. Dadurch eröffne sich die Chance, das autonome Fahren auf dem alten Radweg zu nutzen. „Und wer dem selbst fahrenden Bus nicht begegnen möchte, kann einfach die neue Strecke wählen“, sagt Lather. Und wenn doch Radler die bisherige Strecke nutzen wollen? Kein Problem: „Wir wollen ja sogar Begegnungsverkehr haben. Denn auch mit einer solchen Situation muss das Fahrzeug ja klarkommen.“ Dass die Funktion gegeben sei, habe bereits der Versuch am Standort Behringwerke gezeigt.

Wer indes „keine Scheu vor dem Fahrzeug hat und sagt, er will erleben, ob die Kiste um ihn ’rumfährt, der kann problemlos den alten Weg nutzen“. Auch die Firma Holcim, Inhaber des Kieswerks, stehe dem Projekt sehr positiv gegenüber. „Vergangenes Jahr gab es bereits eine Begehung – damals hätten wir jeden Abend das Fahrzeug per Anhänger wegbringen müssen, um es bei der Feuerwehr in Niederweimar unterzustellen“, berichtet Lather. Doch habe Holcim nun eine Unterstellmöglichkeit auf dem Betriebsgelände angeboten. „Dann können wir von der ausgewiesenen und genehmigten Strecke direkt das Fahrzeug dort unterstellen, ohne über eine öffentliche Straße zu müssen“, sagt er.

Dass sich immer wieder neue Optionen auftäten, weil sich weitere Menschen für das Thema begeisterten, „das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind mit einem Projekt, für das wir einen langen Atem benötigen. Das war uns aber von Beginn an bewusst“, sagt Lather.

Wann kann es losgehen? „Das hängt davon ab, wann wir vom RMV die Fahrzeuge bekommen können“, sagt Lather. Bereitschaft habe es schon im vergangenen Jahr gegeben, doch habe sich durch Corona viel verschoben. Lather würde sich wünschen, vielleicht in diesem Sommer bereits einen zweiwöchigen Test als Vorbereitung zu starten, „idealerweise in den Ferien, damit viele sagen können, sie fahren mal nach Niederweimar und schauen sich das Gefährt an – oder fahren mal mit“. Und dann solle ein großer Test im kommenden Jahr folgen, wenn die Zeiteninsel in Argenstein öffnet. „Da gehe ich davon aus, dass das mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit läuft.“ Zuvor stünden noch Genehmigungen aus, „außerdem müssen vor Beginn des Versuchs noch Kennzeichnungen entlang des Wegs angebracht werden, damit die Sensorik des Fahrzeugs entsprechend klare Signale empfangen kann“.

Auch für den Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow (CDU) ist die Variante mit den beiden Radwegen „die eierlegende Wollmilchsau“, auch, wenn einige technische Gegebenheiten noch nicht final geklärt seien – wie etwa die Funktechnik oder die Ein- und Ausmündung, „wie weit das Fahrzeug gegebenenfalls doch noch durch den normalen Verkehr muss“, sagt er. Insgesamt stehe man „mit den verschiedenen Akteuren im Gespräch“.

Was verspricht sich der Kreisbeigeordnete insgesamt von dem Thema? „Für mich ist autonomes Fahren keine Lösung für den Individualverkehr“, sagt er. Vielmehr sehe er in der Technik „das Schließen der Lücke zwischen Schiene oder Park-and-Ride-Parkplatz und dem Zuhause. Das voll autonome Fahren wird ein Thema der sogenannten letzten Meile sein“, ist er sich sicher. Dafür seien solche Shuttles ideal, „daher ist auch die Fahrt zur Zeiteninsel so charmant – auch wenn der Kleinbus derzeit noch sehr langsam unterwegs ist“.

Weimars Bürgermeister Peter Eidam findet das Projekt „perspektivisch und für die Zukunft extrem interessant“. Mit der weiteren Auskiesung verbunden sei auch die Renaturierung der Fläche entlang der B 3 und die Umverlegung der Allna, die Genehmigungsverfahren liefen derzeit. Denn es müssten ja selbstverständlich die Naturschutzbehörden ebenso wie die Bergbaubehörde mitgenommen werden. „Entlang dieses Gebiets wird dann auch der neue Radweg verlaufen, das wird landschaftlich richtig toll“, schwärmt Eidam. Doch einem ersten Testlauf des autonomen Fahrens bereits in diesem Sommer erteilt er eine Absage, denn: „Die Pläne werden wohl erst kommendes Jahr zur Ausführung kommen“ – noch stünden die Genehmigungen aus.

Von Andreas Schmidt