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Marburg „Im Autohandel gab es einen doppelten Shutdown“
Marburg „Im Autohandel gab es einen doppelten Shutdown“
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17:56 22.07.2020
Ein Kfz-Mechaniker wartet ein Elektro-Fahrzeug. Quelle: Marijan Murat/dpa
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Kirchhain

Die heimischen Kfz-Betriebe haben bisher in der Corona-Krise starke Einbußen hinnehmen müssen. Langsam trete jedoch eine Verbesserung ein – „von Normalität sind wir aber noch weit entfernt“, sagt Ralf Funke, Obermeister der Marburger Kraftfahrzeug-Innung.

Noch im Dezember vergangenen Jahres standen die Zeichen für das hessische Kfz-Gewerbe auf Wachstum: „Pkw-Markt steuert auf Rekordergebnis zu“, hieß es vom Landesinnungsverband – die Zulassungszahlen hatten enorm zugelegt, Jürgen Karpinski, Präsident des Kfz-Landesverbandes Hessen, sah ein „neues Rekordjahr für den Pkw-Markt in Hessen“ – besser sei es nur während der Abwrackprämie gelaufen. Ein halbes Jahr später herrscht eher Katerstimmung: So sind beispielsweise im Mai Neuzulassungen um 56 Prozent auf 17 044 Verkäufe gesunken – ein Minus von 21 735 Erstzulassungen. Im Landkreis wurden von März bis Juni 2 219 Fahrzeuge neu zugelassen – im Vorjahreszeitraum waren es noch 3 549 gewesen. Erfasst wurden alle Fahrzeuge – also nicht nur Pkw, sondern auch Motorräder und Nutzfahrzeuge.

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„Es war ein herber Schlag, dass unsere Betriebe den Verkauf für vier Wochen komplett einstellen mussten“, verdeutlicht Ralf Funke. Zwar hätten die Firmen ihre Werkstätten öffnen dürfen – denn diese gelten als systemrelevant –, doch habe das nur bedingt zu einer Entspannung der wirtschaftlichen Situation beigetragen. „Die meisten Werkstätten waren nicht ausgelastet“, weiß Funke – auch aus eigener Erfahrung.

Autohandel benötigt viel Liquidität

Insgesamt habe Corona die Branche arg gebeutelt, und der Obermeister geht davon aus, dass nicht alle Firmen die Krise überstehen werden. „Der Autohandel ist immens kapitalintensiv, die Liquidität spielt eine große Rolle“, sagt er. Denn die Hersteller erwarteten beispielsweise von ihren Händlern, „dass Lagerwagen nach 180 Tagen zugelassen werden“ – so entstehen die bei Kunden so begehrten Tageszulassungen. Doch mit jeder Tageszulassung wird auch ein gewisser Prozentsatz des Brutto-Einkaufspreises fällig, der abgebucht wird.

Zwar hätten die Hersteller während des Shutdowns solche Regelungen ausgesetzt. „Jetzt ist die Wirtschaft gerade Mal wieder ein wenig angesprungen – und schon sagen die Hersteller, dass jetzt die herkömmlichen Regeln wieder gelten.“ Das führe trotz wochenlangen Stillstands zu einem immensen Liquiditätsabfluss – und könne bei Firmen, „die vielleicht auch vor der Krise schon nicht so gut dastanden, zu Problemen führen“, meint der Obermeister. Reine Service-Betriebe, wie freie Werkstätten, seien bisher besser durch die Krise gekommen, „denn sie haben den Vorteil, dass sie die ganzen Herstellervorgaben nicht erfüllen müssen“. Dennoch seien auch diese Werkstätten nicht immer ausgelastet gewesen.

Der Autohandel sei ja quasi noch von einem zweiten Shutdown gelähmt worden. Denn: „Nachdem wir wieder öffnen durften, gab es ja die Gerüchte, es komme zu einer zweiten Abwrackprämie.“ Diese Forderungen hätte man sich als Politiker sparen sollen, „eine klare Aussage wäre für uns viel wichtiger gewesen, denn dann wäre der Handel sofort wieder angesprungen.“ So habe es weitere vier Wochen gedauert, „in denen die Kunden zunächst abgewartet haben – in der Hoffnung, dass es eine Prämie gibt“.

Ausgebliebende Abwrackprämie – enttäuschte Kunden

Und als diese in der gehofften Form ausgeblieben sei „waren sie erstmal sauer“. Die gesteigerte Förderung bei E-Fahrzeugen werde nur zu einem geringen Aufschwung in der Branche führen, „denn viele Hersteller können in diesem Jahr die benötigten Modelle gar nicht liefern“. Die um drei Prozent niedrigere Mehrwertsteuer, die ja gerade für den Automobilhandel als immense Verbesserung dargestellt werde, sei auch nicht der beste Wachstumstreiber.

„Ja, die Kombination aus Mehrwertsteuersenkung und die Erhöhung der Elektro-Förderung kann einen Anreiz bieten“, meint Funke. Doch sei die Krise damit „noch lange nicht vorbei“. Zahlreiche Unternehmen in der Region, „in denen unsere Kunden arbeiten“, hätten Kurzarbeit angemeldet – schlechte Vorzeichen, um eine Konjunktur anzukurbeln.

Funke fasst zusammen: „Der stationäre Handel hat gelitten, die Werkstätten haben das aber meist kompensieren können.“ Jetzt müsse der Markt wieder anspringen – wünschenswert sei, dass auch die Hersteller sehen würden, dass die Krise längst nicht vorbei sei und sie „nicht so viel Druck auf ihre Händler ausüben“. Und: „Es darf bei einer zweiten Corona-Welle keinen weiteren Shutdown geben – das würden viele Betriebe nicht überstehen.“

von Andreas Schmidt