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Marburg Alte Idee neu gedacht
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09:28 22.03.2022
Wenig Arbeit für die Polizei am ersten autolosen Sonntag 1973 in Marburg: Es waren nur wenige Fahrer unterwegs und alle hatten, wie hier in Cölbe, eine gültige Bescheinigung.
Wenig Arbeit für die Polizei am ersten autolosen Sonntag 1973 in Marburg: Es waren nur wenige Fahrer unterwegs und alle hatten, wie hier in Cölbe, eine gültige Bescheinigung. Quelle: Eifert (Archivfoto)
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Marburg

Andreas Wagner erinnert sich gut an den verordneten Besinnungstag zum Energiesparen: Am 25. November 1973 ruhte deutschlandweit der Autoverkehr am autofreien Sonntag. Es war die Reaktion auf den Schock der Ölkrise und den Nahostkonflikt.

„Es war ein besonderes Erlebnis auf der Straße zu laufen oder mit dem Rad zu fahren“, sagt Wagner. Die Idee zum Energiesparen griff SPD-Energie-Politikerin Nina Scheer fast 50 Jahre später wieder auf. Die Idee, das Auto stehen zu lassen, wurde 1973 unter Kanzler Brandt realisiert. Mit Blick auf die steigenden Energiepreise als Folge des Einmarschs der Russen in die Ukraine steht für die Grünen fest: Die Bürger können durch ihr Verhalten viel tun, um „Putins Kriegskasse“ auszutrocknen.

Autofreie Sonntage hätten in der Vergangenheit nicht geschadet und könnten laut Scheer auch in der heutigen Zeit einen Beitrag leisten, wenn eine entsprechende Verknappung dies erfordere.

Die Regierung Brandt hatte damals vier autofreie Sonntage beschlossen; der erste Tag zum Einsparen von Benzin war der 25. November 1973.

Für die Marburger Bevölkerung war der autofreie Sonntag ein besonderes Erlebnis: Kein Autolärm störte die Langschläfer, Fußgänger und Radfahrer hatten freie Bahn – allerdings nur bis zur nächsten Ampel. In Großstädten wurden die Ampeln gegen Mittag abgeschaltet, in Marburg sollte dies dann zum nächsten autofreien Sonntag auch umgesetzt werden.

Polizei zog eine positive Bilanz

Überraschend groß war die Disziplin der Bevölkerung – so lautete das Fazit der Polizei. Die Furcht vor hohen Strafen hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Auch erlebte die Polizei ihr wohl unfallärmstes Wochenende. Der damalige Innenminister Hanns-Dieter Bielefeld hatte im Gespräch mit der OP vor dem autofreien Sonntag bereits damit gerechnet, dass sich die Bevölkerung diszipliniert verhält. Das war auch der Grund, warum auf eine stärkere Besetzung der Polizeistellen verzichtet worden war. Es gab auch keine Sonderkontrolle.

Der erste Tag ohne einen mobilen Untersatz sollte dazu genutzt werden, Erfahrungen zu sammeln – Polizei wie Bevölkerung. Den Tag ohne Auto haben viele Marburger zur Erholung genutzt. Ausflugslokale meldeten einen regen Besucherstrom. Viele wanderten oder strampelten mit dem Rad – zum Beispiel zur Dammühle – oder machten einen Ausflug mit der Pferdekutsche. Der einzige Wermutstropfen: Die Jahreszeit dieser Krise führte auch dazu, dass der Erfindergeist zum Tragen kam. Eine Gruppe unternahm erste Versuche, um ein auf Gas umgestelltes Fahrzeug zu präsentieren. Der Umbau – so rechneten sie vor – koste zwischen 1 200 und 1 500 DM. Benötigt wurden dazu ein Zusatztank im Kofferraum, eine Kühlschlange vom Tank als Zuleitung zum Motor, ein neues Einspritzelement am Vergaser und ein Umstellhebel auf Gas- und Benzinbetrieb. Die Betriebskosten: Ein Liter Flüssigkeit mit 104 Oktan kostete 54 Pfennige. Der Preis für Superbenzin lag fast doppelt so hoch: 98 Pfennige.

Hätte ein autofreier Sonntag heute Strahlkraft?

Der autofreie Sonntag barg auch seine Schattenseiten. Betroffen waren vor allem die Branchen, die vom Kraftfahrzeugverkehr abhängig waren. Für diejenigen aber, denen es aus Gründen gestattet war, mit dem Auto unterwegs zu sein, bot sich ein völlig neues Fahrgefühl, das man 24 Stunden genießen konnte.

Heute, so ist sich Andreas Wagner ziemlich sicher, würde der Vorstoß von Nina Scheer wenig bringen. „Ein autofreier Sonntag hat allenfalls Symbolcharakter“, sagt er. Es sei an der Zeit, dass die Politik handeln muss. Energie, die wenig kostet, sei nichts wert. Die seit Jahren stabilen Gaspreise seien zum Beispiel der Grund dafür, dass nicht genug getan wird, um Energie zu sparen. „Wir haben uns eingerichtet“, sagt Wagner und meint damit, dass die Energie irgendwoher kommt. Auch habe es nach 1973 mit dem Bau des Drei-Liter-Autos Lupo nur einen Versuch gegeben, ein sparsames Auto zu bauen. Daran hatten die Käufer aber wenig Interesse. Heute fahren mehr SUVs auf den Straßen und weniger Kleinwagen. „Bei den derzeitigen Spritpreisen, wäre es doch sicher gut, einen Lupo zu haben“, sagt Wagner. Für ihn ist klar: Es ist Zeit, aktiv zu werden. „Wir müssen viel mehr tun. Jeder kann das anpacken.“

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Von Silke Pfeifer-Sternke