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Marburg Auto-Poser in Marburg: echtes Ärgernis oder Einbildung?
Marburg Auto-Poser in Marburg: echtes Ärgernis oder Einbildung?
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13:58 30.06.2021
„Es vergeht hier kaum ein Abend, an dem nicht die Auspuffe knallen“, sagt eine Marburgerin der OP.
„Es vergeht hier kaum ein Abend, an dem nicht die Auspuffe knallen“, sagt eine Marburgerin der OP. Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa
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Marburg

Ob Bahnhofstraße oder Krummbogen, zwischen Afföller und Messeplatz, entlang der Leopold-Lucas-Straße bis zum Gaßmann-Parkplatz: Nach den Klagen von Campusviertel-Bewohnern über das nächtliche Treiben von Auto-Tunern, der Sitzung des Ortsbeirats zu dem Problem rund um die Biegenstraße, melden sich immer mehr OP-Leser mit ähnlichen Beobachtungen quer durch die Universitätsstadt.

„Es vergeht hier kaum ein Abend, an dem nicht die Auspuffe knallen“, sagt eine Wohnungs- Eigentümerin in der Leopold-Lucas-Straße im OP-Gespräch. Gerade, wenn man wegen Sommerhitze bei offenem Fenster schlafen wolle, schrecke man bei den plötzlichen Geräuschen, dem lauten Knall oder quietschenden Reifen auf.

Polizei und Magistrat: „nur punktuelle Verstöße“

„Manche sind so dreist, dass sie die gerade Straße mehrmals rauf- und runterrasen.“ Sie habe in der Vergangenheit schon mehrfach die Polizei angerufen und auch versucht, Nummernschilder der vorbeirauschenden Fahrzeuge – meist aufgemotzte Autos mit jungen Männern hinter dem Steuer – zu notieren. Gerade dann, wenn sie auf dem Parkplatz in der Nacht ihre Runden drehten und Musik hörten.

Ein Mann aus Stadtallendorf, der nachts im Bereich des Zollamts beim Hauptbahnhof arbeitet, schildert ähnliche Szenen: „Es wird bis zur Hochbrücke aufs Gas getreten, maximal beschleunigt, vor den Kurven zur Bahnhofstraße oder Krummbogen abgebremst und runtergeschaltet – alles für das brüllende Motorengeräusch und den lauten Knall aus dicken Auspuffrohren. Das lässt einen jedes Mal erschrecken“, sagt er.

Weitere Beobachtungen

Nach seinen nun monatelangen Beobachtungen seien es immer wieder „junge, gut frisierte Männer“, die hinter den Lenkrädern meist sportlicher Wagen säßen. Eine Umschreibung für das von einigen im Campusviertel als Problemquelle identifizierte Publikum der in der Nachbarschaft stark vertretenen und gut besuchten Shisha-Bars und Barber-Shops.

Das Ziel vieler Auto-Aufmotzer ist immer wieder der Messeplatz, wo sich einige Gruppen regelmäßig treffen, dort Musik hören, feiern, essen, Handyfotos und -videos für soziale Netzwerke wie Instagram machen. Zuletzt gab es dort an Ostern, am „Car-Freitag“ ein Treffen von etwa 150 Aufmotz-Autos, von denen Dutzende kurz vor einer anstehenden Polizei-Kontrolle flohen (OP berichtete).

Marco Nezi sieht Handlungsbedarf

In Wetzlar tobt derzeit ein ähnlicher, ein bereits verschärfter Konflikt. Kontrollen und Hinweisschilder gegen Poser auf dem Festplatz Bachweide sind dort bislang wirkungslos geblieben, die Treffen von Menschen aus ganz Mittelhessen samt lauter Musik gehen trotz Anwohnerbeschwerden weiter. Die Marburger Polizei sprach jüngst auf OP-Anfrage davon, dass man die Marburger Poser-Problematik durchaus „im Blick“ habe. Es handele sich aber entgegen der Befürchtungen nicht um ein Massenphänomen, sondern eher um „punktuelle Verstöße“ aus der PS-Protzer-Szene.

Der Stadtverordnete Marco Nezi (Grüne) sieht trotzdem Handlungsbedarf, will Aktivitäten der Behörden zur Bekämpfung des „verstärkten Problems innerstädtischer Auto-Rennen mit getunten Autos“. Das „stundenlange Cruisen auf den Hauptverkehrsachsen mit aufheulenden Motoren“ würde „eine erhebliche Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer“ und einen „Verlust von Aufenthaltsqualität“ darstellen, sagt Nezi auf OP-Anfrage.

Keine Hinweise auf illegales Tuning

Der Magistrat teilt die Einschätzung der Polizei: Weder habe es bei Tempo-Messungen speziell in der Biegenstraße in der Vergangenheit Raser gegeben, noch gebe es Hinweise auf illegales Tuning oder verstärkte, damit zusammenhängende Lärm-Belästigungen. Die meisten der durchaus lauten Sportauspuff-Anlagen, die immer wieder gesehen würden, seien nämlich rechtlich zulässig.

„Es kann durchaus beim Vorbeifahren ungewohnt laut sein, oder sich so anhören und anfühlen – aber es passiert selten und unser Handlungsspielraum ist gering“, sagt Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU). Es gebe zwar tatsächlich immer wieder Treffen einer jungen Auto-Szene am Messeplatz, doch auch dort sei „selten etwas zu beanstanden“. In Gießen gibt es seit Sommer 2019 bei der Polizei die „Arbeitsgruppe Poser / Tuner“, um vor allem Verkehrsgefährdungen durch rücksichtslose Fahrweise oder illegal umgestaltete Autos zu bekämpfen.

Von Björn Wisker