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Marburg Auto-Angriff in Marburg: War es versuchter Mord?
Marburg Auto-Angriff in Marburg: War es versuchter Mord?
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21:58 21.04.2020
Ein 46-Jähriger muss sich vor Landgericht verantworten, weil er laut Anklage seine Frau mit einem Auto-Crash verletzten wollte. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Ein spektakulärer mutmaßlicher Mordversuch in Cappel beschäftigt seit Dienstag, 21. April, das Marburger Landgericht. Laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hat der 46-jährige Angeklagte im Sommer 2019 seine Ehefrau umbringen wollen, indem er ihr Auto mit einem Geländewagen rammte.

So soll die Tat laut Anklage abgelaufen sein: Ende Juni lieh sich der Mann, ein in Algerien geborener Vater von zwei Kindern, von einem Bekannten einen 262 PS starken Geländewagen und lauerte an der Umgehungsstraße seinem Opfer auf.

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Der Angeklagte habe gewusst, dass die Frau die Route auf ihrem Arbeitsweg wählt und sich gegenüber einer Einmündung auf die Hauptstraße so positioniert, dass er den entgegenkommenden Wagen frontal rammen könnte. Im letzten Moment konnte das Opfer ihr Fahrzeug minimal zur Seite lenken, so dass der Aufprall nicht frontal, sondern schräg auf der Fahrerseite geschah.

Drama begann nach der Trennung

Trotzdem: „Die Kollision sollte sie töten oder schwer verletzen, es war eine billigende Inkaufnahme des Todes“, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Das Opfer habe den Angriff nicht kommen sehen, auch wenn sie letztlich mit einer Schulterprellung und Schleudertrauma nur leicht verletzt wurde, sei „die Tatausführung generell dazu geeignet gewesen, jemanden zu töten“.

Nach der Attacke fuhr die Mutter der beiden gemeinsamen Kinder mit ihrem schwer beschädigten Auto direkt zur Polizei, der mutmaßliche Täter wendete den Geländewagen und folgte ihr kurz, stellte das demolierte Fahrzeug aber dann ab. Dem Auto-Angriff vorausgegangen waren monatelange Beleidigungen und Drohungen, nachdem der 46-Jährige Ende 2017 von seiner Frau verlassen wurde.

Stalking, Drohungen und Beleidigungen

Mit Telefonanrufen, schriftlichen Facebook-Nachrichten und Whatsapp-Sprachnachrichten drangsalierte er die Familie, beschimpfte und bepöbelte die Frau und die Söhne. Mal auf Arabisch, die von einem Dolmetscher übersetzt wurden, mal auf Deutsch.

Auszüge aus der Beweisaufnahme am Dienstag: „Du hast mir die Kinder weggenommen, ich habe nur Gott und Gott wird dich Hurentochter bestrafen, auslöschen.“ Sie werde ihre „Strafe bekommen, für das was du mir angetan hast –und wenn ich zehn Jahre ins Gefängnis gehe“. Angst habe er nur vor Gott, nicht vor der Polizei und dem Staat. Es sei ihm egal, was passiere, er werde sich „rächen“, was er vorhabe, werde „nur eine Sekunde dauern“. Gelinge ihm das nicht, sei er „kein Mann“.

Er griff aber nicht nur die Mutter der gemeinsamen Kinder verbal an, sondern auch die beiden Söhne. „Das war’s mit dir, du bist nicht mein Blut, nicht mein Sohn.“ In einer anderen der zwei Dutzend in den Strafprozess eingeführten Sprachnachrichten bezeichnet er ein Kind brüllend als „Schwuchtel“, „Arschloch“ und „Hurensohn“.

Angeklagter: Sie geht „Weg der Schlampen“

Nach der Trennung des Paars hatte sich das Verhältnis offenbar immer weiter verschlechtert – Stalking inklusive. Es kam so auch zu einer Amtsgerichts-Anweisung, dass sich der Mann der Frau nicht auf weniger als 20 Meter nähern darf. Grund für die fortschreitende Aggression? Ersten Aufschluss darüber geben Audio-Aufnahmen, wonach er die Lebensweise seiner Frau nicht akzeptieren wollte.

Immerhin habe er ihr Freiheiten gewährt, sie müsse sich nicht vermummen, dürfe lernen, arbeiten und einkaufen gehen – aber sie bestrafe ihn für die Freiheitsgewährung, etwa damit, dass sie auf Facebook Fotos habe und so den „Weg der Schlampen geht“, sich während Ramadan mit Deutschen zum Essen treffe, Gott ignoriere. Die nicht mal arabisch sprechenden Kinder würden wegen der falschen Erziehung keine richtigen Muslime.

Ausdrücke nicht so schlimm gemeint

Der Angeklagte, der zu den Mordversuchs-Vorwürfen schweigt, sagt nur, dass er beim Versenden aller Sprachnachrichten zwischen März und Juni 2019 betrunken und zeitweise auf Kokain gewesen sei. Der 46-Jährige sagte allerdings zu den Beleidigungen, dass es ihm „leid tut, was ich der Familie angetan habe. Ich habe Schmerz gefühlt und etwas Falsches gemacht, weil ich nicht klar im Kopf war“.

Aber einige der gewählten Schimpfworte seien im Arabischen nicht so schlimm gemeint, wie es im Deutschen klinge – eine Aussage, die beim Vorsitzenden Richter Dr. Frank Oehm mit Verweis auf das gerade im arabischen Raum so wichtige Ehrgefühl und Stellenwert von Familie ebenso für Unverständnis sorgte wie der Vorwurf an Nicht-Muslime, Alkohol zu trinken und als Moslem selbst oft betrunken zu sein.

Von Björn Wisker

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