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Marburg Spurensucher mit Bleistift und Papier
Marburg Spurensucher mit Bleistift und Papier
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17:58 20.11.2019
Aus dem Komplex „Bleierne Zeit“ stammt „Die Welle – Moby Dick“ von Brigitte Waldach, die Bezug nimmt auf die RAF und ihre Identifikation mit Melvilles verschworener Schiffsmannschaft.  Quelle: Sabine Jackl
Marburg

Stühlerücken ist erfreulich, wenn es bei Vernissagen stattfindet. Dann sind mehr Besucher gekommen als erwartet und so werden auch im Kunstverein Ersatzstühle herbeigeschafft, um es allen Gästen bequem zu machen. Sehr zur Freude des Vorsitzenden Dr. Gerhard Pätzold, der zu einer Präsentation begrüßt, „die überrascht und Spaß macht“.

In der Konzeption von Geschäftsführerin Dr. Carola Schneider und Barbara Isabella Bauer-Heusler beeindrucken die Werke von fünf Frauen und zwei Männern, allesamt preisgekrönt und als Hochschullehrer tätig.

Für sie persönlich sei die Zeichnung „die Königsdisziplin in der Bildenden Kunst“, sagt Laudatorin Schneider. Wer die Kunst des Zeichnens beherrsche, könne „Dinge schaffen, die größer sind als alle Türme der Welt“, zitiert sie Michelangelo.

Ausstellungen zum Thema Zeichnung „haben Hochkonjuktur“. So sehr faszinierten ihre Möglichkeiten: Der Linie eine Bedeutung geben, Räume imaginieren und „Widersprüchen auf die Spur kommen“. Alles Aspekte, mit denen auch die „beZEICHNENd“-Werke charakterisierbar seien. Da ist der genaue Beobachter Matthias Beckmann aus Berlin, der sich „kaum im Atelier“, dafür umso lieber in Museen aufhält und eine puristische Kostprobe seiner „nahezu anthroposophischen Studien“ gibt.

Seine Serie „Gemäldegalerie“ zeigt Menschen im musealen Ambiente. Mit nichts als der reinen Linie schafft er herrlich ironische Szenen. „Die Bilder müssen in seine Tasche passen“, schmunzelt Schneider. Beckmann produziere auch Trickfilme, von denen „Double World“ die Schau bereichere und laut Laudatorin „acht Minuten pures Vergnügen“ bereite.

Täuschend echte Fusseln bei Barbara Hindahl

Monumental mutet Katja Davars Werkkomplex auf der Empore an. Eine über sechs Meter lange Papierbahn hängt von der Decke und breitet sich wie eine Hochzeitsschleppe in den Raum. In Form eines Baumdiagramms illustriert die Engländerin die Schuldenströme vieler Staaten. „In den Verästelungen mag man Berglandschaften, Flüsse oder Wasserfälle erkennen“, verrät Carola Schneider eine mögliche Rezeption.

Ins Minimalistische geht es mit den „dirt fictions“ von Barbara Hindahl: Die Mannheimerin „erklärt Staub für bildwürdig“ und zeichnet die feinen Fusseln auf großen Formaten. Dies gelinge ihr „so täuschend echt“, dass man darüber wischen möchte. Verdutzt steht das Publikum auch vor Hindahls Millimeterpapieren, in mühsamer Kleinarbeit gezeichnet, jedoch: „Das Scheitern wird hier zum künstlerischen Prinzip.“

In eine surreal anmutende Welt entführt Renate Neuser aus Essen, deren Visionen sowohl als dynamische Riesenkäfer­silhouetten wie auch als Kleinplastiken aus Kinderspielzeug faszinieren. „Ein Bildinventar wie bei Hieronymus Bosch“, vergleicht Carola Schneider. Dem Absurden und Subtilen verschrieben hat sich Eva von Platen aus Nürnberg, die „Meine linke Gehirnhälfte“ vorstellt, eine Wandinstallation aus 42 Collagen und Comics in Form einer „Wolke mit Löchern“, wie die Zeichnerin selber sagt.

Wörtermeer mit
 Zitaten aus „Moby Dick“

Als Carola Schneider vor 20 Jahren den humorigen Wortspieler Peter Torp kennenlernte, habe die Philosophie bereits eine große Rolle für ihn gespielt. Zitate großer Denker formt er durch bebilderten Buchstabentausch in amüsante Zusammenhänge. In komplett andere Gefühlsebenen versetzt Brigitte Waldach.

Die Stirnseiten im oberen Raum dominiert die Berlinerin mit ihrem wandfüllenden Diptychon „Balance“. Die spirituell wirkende Skizze des Kathedralraums von „Notre Dame“ ist im Hinblick auf den diesjährigen Brand von trauriger Aktualität.

Genau gegenüber löst „Die Welle – Moby Dick“ Staunen aus. Die Besucher stecken die Köpfe zusammen, um aus dem Wörtermeer Zitate des Romans herauszufischen, der RAF-Gefangenen um Baader und Ensslin als Decknamen-Vorlage diente. So sind schon während des Wanderns durch die Schau viele Ansätze geboten, die anschließend in angeregten Gesprächen ausgetauscht werden.

  • Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 9. Januar 2020 dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr, mittwochs von 11 bis 20 Uhr.

von Sabine Jackl