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Marburg Aussagen des Ex-Freundes verwirren
Marburg Aussagen des Ex-Freundes verwirren
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00:25 11.05.2019
Die Angeklagte Elena W. und ihr Verteidiger. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Marburg. Das Gericht vernahm am 20. Verhandlungstag im Prozess um die vergifteten Frühgeborenen zunächst den Ex-Freund der Angeklagten. Der 36-Jährige, der eigens für den Prozess aus Schottland anreiste,­ war während ihrer Ausbildungszeit in Bielefeld mit Elena W. ­liiert.

Bereits im Vorfeld war die Aussage des Unfallchirurgen diskutiert worden. Er hatte sich in einer vorangegangenen richterlichen Vernehmung vermeintlich einer Falschaussage schuldig gemacht.

Seine Behauptung, das Medikament Dormicum sei in Bielefeld unter Verschluss gelagert gewesen, hatte sich als falsch erwiesen.

Auch gestern gab seine Aussage im Zusammenhang mit bisherigen Erkenntnissen einige Rätsel auf: In der drei- bis vierjährigen Beziehung sei ihm „nichts“ an der Kinderkrankenschwester aufgefallen. Von angeblichen Problemen mit ihren Eltern will der 36-Jährige nichts gewusst haben.

Dass diese möglicherweise ein Grund für die psychotherapeutische Behandlung der mittlerweile 29-Jährigen waren, dementierte der ehemalige Lebensgefährte. Anlass für die Therapie sei die Prüfungsangst der damaligen Auszubildenden gewesen.

Aussagen des Kardiologen bestätigt

Auch an eventuelle Ohnmachtsanfälle­ oder Zusammenbrüche seiner Ex-Freundin konnte er sich nicht erinnern.
Aufschlussreicher fiel die Befragung eines Kinderneurologen aus. Der 52-Jährige war nach eigener Aussage als Berater in die Behandlung des im Dezember 2015 verstorbenen Frühchens Leni involviert.

Er bestätigte die Aussage des bereits vernommenen Kardiologen, dass es sich bei Lenis Krampfanfällen auch um Sauerstoffunterversorgungen in Folge der Herz-Lungen-Schwäche des kleinen Mädchens gehandelt haben könnte.
Gemeinsam mit dem Neurologen wurden unter diesem Gesichtspunkt auch Videos der Krampfanfälle angeschaut.

Nach Ansicht der beklemmenden Videosequenzen bekräftigte der Neurologe jedoch noch einmal, dass es sich „aus der Erfahrung heraus“ seiner Meinung nach um epileptische Anfälle gehandelt habe. Darauf deute die Einseitigkeit der Krampfsymptome und die rosige Lippenfarbe hin.

Letztere sprach vor allem gegen eine Sauerstoffunterversorgung. Eine solche könne auch durch eine Überdosierung von Midazolam hervorgerufen werden. Dies sei auch das Hauptrisiko einer übermäßigen Vergabe des Narkotikums.

Am Nachmittag wurde noch eine weitere Ärztin als Zeugin vernommen, die jedoch kaum Erinnerungen an die Vorfälle hatte. Die damalige Justiziarin des Uniklinikums sagte ebenfalls gestern aus. Sie schilderte vor allem das klinikumsinterne Vorgehen zu Beginn der Ermittlungen.

Mittags ergab sich auch eine­ neue Entwicklung in Hinblick auf den weiteren Prozessverlauf. Der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm ließ verlauten, das Programm bis zum 19. Juni stehe nun fest. Bis dahin sollen noch 44 Mitglieder des Pflegepersonals vernommen werden.

Nach der Sommerpause, die am 4. Juli beginnt und am 31. Juli endet, „nähern wir uns vielleicht schon dem Ende des Verfahrens“, deutete der Landgerichtspräsident an.

von Melchior Bonacker 

   

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt