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Marburg Ausbildung hat oft nicht oberste Priorität
Marburg Ausbildung hat oft nicht oberste Priorität
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18:00 20.05.2020
Sarah Schmidt (links), Operationstechnische Assistentin im ersten Lehrjahr, und Janina Gierke, anästhesietechnische Assistentin im ersten Lehrjahr, demonstrierten während der Ausbildungsmesse „Ansage Zukunft“ einige Facetten des Berufs. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Marburg

Die Corona-Pandemie hat starke Auswirkungen auf die Wirtschaft – zahlreiche Betriebe in der Region haben Kurzarbeit angemeldet. In der Folge steht das Thema Ausbildung nicht besonders weit oben auf der Prioritätenliste.

Für Volker Breustedt, Leiter der Agentur für Arbeit Marburg, ist klar: „Wer jetzt seine Ausbildung abstellt, der stellt auch sein Geschäft ab. Sicher sind die Zeiten jetzt für sehr viele Betriebe sehr schwer. Dennoch wird es irgendwann für die meisten wieder weitergehen. Und wer jetzt in den Aktivitäten hinsichtlich Ausbildung nachlässt, der betreibt sein Geschäft für die Zukunft nicht ganz optimal“, so Breustedt.

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Weniger Bewerber

So gebe es derzeit eine „sehr stark negative Entwicklung“ bei den Bewerbern. 1.236 Gemeldete Bewerber gab es Ende April – ein Jahr zuvor waren es noch 1.401 gewesen. 2017 wollten sogar noch 1.653 junge Leute eine Ausbildung absolvieren. Unversorgt waren Ende April noch 608 Bewerber – im Gegensatz zu 664 ein Jahr zuvor oder gar 886 in 2017.

„Das hat natürlich auch mit vielen Unsicherheiten zu tun, denn viele junge Leute fragen sich, ob es in der jetzigen Situation überhaupt Sinn macht, sich zu bewerben“, so Breustedt. Hinzu komme, dass die Berufsberater in den Gesprächen die Tendenz feststellten, dass die Schüler auch aus Unsicherheit weiter zur Schule gehen würden.

Weniger Ausbildungsstellen

Parallel ist auch die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen drastisch gesunken. So gab es laut Arbeitsagentur Ende April 1.360 Ausbildungsstellen im Landkreis, von denen 767 noch nicht besetzt waren. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es zur gleichen Zeit 1.489 gemeldete Stellen, frei waren noch 800. Und in 2017, als die Zahl der Schulabgänger mit knapp 2.400 ungefähr auf dem Wert dieses Jahres lag, hatten die Arbeitgeber 1.490 Stellen gemeldet, unbesetzt blieben damals 685. Vor allem im Hinterland sank die Zahl der gemeldeten Stellen binnen Jahresfrist um knapp 20 Prozent – von 397 auf 320.

Vor dem Hintergrund der Corona-Krise gebe es einige Branchen, in denen die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen besonders stark zurückgegangen seien: „Im verarbeitenden Gewerbe gibt es ein Minus von 15 Prozent, im Handel minus 18 Prozent – und im Gastgewerbe wenig verwunderlich sogar minus 22 Prozent“, sagt Breustedt. Das seien jedoch Branchen, die häufig auch schwächere Abgänger aufnehmen würden, „daher schmerzt das umso mehr. Daher appellieren wir auch dringend an die Betriebe, weiter auszubilden, wenn es irgendwie geht“ – denkbar sei beispielsweise, den Weg zunächst über eine Einstiegsqualifizierung zu gehen. Doch Breustedt weiß auch, dass es zahlreiche Unternehmen gebe, „die nur ausbilden, wenn sie im Anschluss die Azubis auch übernehmen können“. Da aber viele Firmen nicht wüssten, wo sie in drei Jahren stünden, sei Ausbildung für diese keine Option.

Das sei aus Sicht der Unternehmen durchaus legitim und im Blick auf die Bewerber auch prinzipiell eine gute Sache, koste derzeit aber dringend benötigte Ausbildungsstellen.

Infos zur Ausbildung

  • Wer Fragen zu Ausbildung oder Studium hat kann sich an die Arbeitsagentur in Marburg wenden: Telefon 06421-605153, E-Mail: Marburg-Berufsberatung@arbeitsagentur.de
  • Die Ausbildungsbörse der Kreishandwerkerschaft Marburg findet sich hier
  • Die IHK Kassel-Marburg hat eine Berufsorientierungs-Hotline unter Telefon 05 61 - 7 89 13 00 eingerichtet, zudem gibt es Angebote im Internet

Für den Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow (CDU) steht fest, dass die Ausbildung im Hinblick auf den Fachkräftemangel „die beste Versicherung für ein Unternehmen ist, um eine gute Zukunftsperspektive zu haben“. Vor diesem Hintergrund appelliere er auch an die Unternehmen, „deren Zukunftsperspektive jetzt eher unsicher ist, dennoch auf Ausbildung zu setzen“.

Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Marburg, betont, dass das Geschäft derzeit nicht per se schlecht sei, er hoffe, dass die Corona-Krise beispielsweise zu einer Rückbesinnung auf regionale Produkte führe, etwa bei Fleisch. Gleichwohl attestierte er, wie auch Torsten Rink von der Kreishandwerkerschaft in Biedenkopf, dass es eine „hohe Ausbildungsbereitschaft“ bei den Handwerksbetrieben gebe.

Auch die Industrie- und Handelskammern betonen, dass man hohen Wert auf das Thema Ausbildung lege – „unser Ausbildungssystem ist sehr stabil und zuverlässig, sodass wir den Jugendlichen gegenüber signalisieren können, dass eine Berufsausbildung auch in diesen Zeiten eine sichere Bank ist“, sagt Dr. Thomas Fölsch, Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung IHK Kassel-Marburg.

Von Andreas Schmidt

20.05.2020
20.05.2020
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