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Marburg Ausbildung am „digitalen Bagger“
Marburg Ausbildung am „digitalen Bagger“
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19:58 07.07.2020
Ausbilder Ralf Hahnemann demonstriert im Bildungszentrum der Bauwirtschaft am Afföller den neuen Baggersimulator.  Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Marburg

Mit Hacke und Schaufel eine Baugrube ausheben – das ist das Bild, das vielen Menschen beim Thema „Bauberufe“ in den Kopf kommt. „Aber das hat mit der Realität nicht mehr viel zu tun“, sagt Dr. Burkhard Siebert, Hauptgeschäftsführer der Bauindustrie Hessen-Thüringen, einem der Träger des Bildungszentrums der Bauwirtschaft am Afföller. Der Beruf sei immens abwechslungsreich, es käme viel Technik und zahlreiche Maschinen in allen Größen zum Einsatz, „die eine große Faszination ausstrahlen“. In der Folge seien in der Bauwirtschaft Spezialisten gefragt. Und, so Siebert: „Die Digitalisierung ist in der Bauwirtschaft längst angekommen.“

Auch jetzt in Corona-Zeiten habe sich gezeigt: „Die Bauwirtschaft war ein ganz stabiler Anker in der Krise. Wir haben gezeigt, dass wir ein verlässlicher Partner sind. Und das ist auch ein wichtiges Signal für junge Menschen, sich für die Baubranche zu entscheiden“, ist sich Siebert sicher. Die Zukunftsaussichten seien – losgelöst von Corona – sehr gut, denn: „Es muss unwahrscheinlich viel gebaut werden.“ Ob Sanierung oder Wohnungsneubau, Verkehrs-Infrastruktur oder die digitale Anbindung, „junge Menschen haben mit der Bauwirtschaft einen guten Partner“. Das spiegele sich auch in den Ausbildungsvergütungen und den späteren Verdienstmöglichkeiten wider. „Man kann nach recht überschaubarer Zeit Schachtmeister oder Polier werden – und verdient dann richtig gutes Geld“, erläutert Siebert.

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Vor diesem Hintergrund spiele die Ausbildungsqualität eine entscheidende Rolle. Daher wurde das Bildungszentrum nun „digital aufgerüstet“, denn man wolle den jungen Menschen „gleich schon mit den neuen Arbeitsmethoden vertraut machen, damit sie auch gleich eine verlässliche Grundlage für ihren beruflichen Lebensweg haben“, erläutert Siebert.

Energetische Sanierung folgt

Schon jetzt wurden in das Bildungszentrum rund 140 000 Euro investiert, geplant ist auch noch eine energetische Sanierung für weitere rund 1,6 Millionen Euro. Neben Notebooks, Tablets in Klassensatzstärke oder fernsteuerbaren Lasern gibt es nun beispielsweise in den Klassenräumen riesige interaktive, internetfähige Tafeln. „Nach dem Sommer ist geplant, dass der Auszubildende kein Papier mehr in die Hand bekommt, sondern die Aufgabenstellungen mit verschiedenen Hinweisen auf das Tablet kommen“, erläutert Ausbildungsleiter Joachim Buhro.

Ein ferngesteuerter Mehrzweckverdichter – also eine Grubenwalze – gehört ebenso zur neuen Ausstattung. Das Highlight ist jedoch: Der „Baggersimulator“, an dem die Azubis ihre Fähigkeiten zunächst virtuell, aber doch recht nah an der Realität trainieren können. Auf einem realen Baggersitz mit entsprechenden Hebeln, Pedalen und Armaturen sitzen sie, sehen das Geschehen auf einem großen Monitor. Dort fahren die Lastwagen rückwärts heran – und dann gilt es, zu baggern. Hört sich leicht an, jedoch müssen innerhalb gewisser zeitlicher Vorgaben beispielsweise drei LKW befüllt werden – im Anschluss an die Übung gibt es direkt ein Feedback: War der Baggerlöffel voll genug? Wurden die Laster schnell genug und auch ausreichend beladen? Oder gab es gar einen Unfall? „Das erleichtert die Ausbildung ungemein“, so Buhro.

Wie ist die Situation der Branche in der Corona-Pandemie? „Die Bauwirtschaft ist bislang recht gut durch die Krise gegangen“, sagt Burkhard Siebert. Es habe nahezu keinen Stillstand gegeben, einige Betriebe hätten allerdings auch Kurzarbeit angemeldet.

Einbußen gebe es vor allem bei privaten Bauvorhaben, die mitunter zurückhaltend seien. „Das liegt aber auch daran, dass bei den Behörden häufig im Homeoffice gearbeitet wurde, es fehlt also an Baugenehmigungen“, erläutert Siebert. „Die große Sorge, die wir haben, sind die kommunalen Auftraggeber. Denn bei den Städten und Gemeinden werden nun als Folge der Corona-Krise Gewerbesteuereinnahmen wegbrechen, das wird zu Einsparungen im Haushalt führen.“ Das könne ein Fehler sein, denn die Infrastruktur sei „nur bedingt leidensfähig“, sagt Siebert. Die vom Bund versprochene Hilfe für Kommunen sei jedoch ein Lichtblick.

Von Andreas Schmidt