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Marburg Ausbildung: Die „Nachspielzeit“ ist eröffnet
Marburg Ausbildung: Die „Nachspielzeit“ ist eröffnet
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19:58 05.08.2020
Ein Auszubildender (rechts) setzt eine Schweißnaht an ein Metallteil, während ein Berufsschullehrer zuschaut.
Ein Auszubildender (rechts) setzt eine Schweißnaht an ein Metallteil, während ein Berufsschullehrer zuschaut. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa
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Marburg

Traditionell ist der 1. August der Termin, an dem das Ausbildungsjahr beginnt. Doch auch das ist in diesem Jahr – wie so vieles – anders, wie Volker Breustedt, Leiter der Marburger Agentur für Arbeit, erläutert: „Durch Corona haben sich in vielen Unternehmen die Prozesse nach hinten verschoben.“ Personaler im Homeoffice, Video-Chats statt Vorstellungsgesprächen – da könne es schon etwas länger dauern, bis Betrieb und potenzieller Azubi zusammenfänden. „Daher ist auf dem Ausbildungsmarkt auch jetzt noch jede Menge los“, sagt Breustedt.

Dazu hätte auch geführt, dass beispielsweise die Berufsberater der Arbeitsagentur ab Mitte März keine Termine in den Schulen mehr hätten wahrnehmen können – und somit das Thema Ausbildung dort de facto nicht mehr stattgefunden habe. „Dann haben viele gemerkt, dass die Schule aus ist – und sich dann erst bei uns oder bei Betrieben gemeldet“, erläutert Breustedt. Er sagt: „Noch ist es nicht zu spät.“

Die Corona-Krise habe sich aber durchaus auf dem Ausbildungsmarkt bemerkbar gemacht: So gab es bis Juli 1 461 gemeldete Bewerber um Ausbildungsstellen – ein Rückgang zum Vorjahr von knapp 9,5 Prozent. Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen ging etwas weniger stark zurück – um knapp 9 Prozent auf 1 489.

Von den Bewerbern sind noch 500 unversorgt, ihnen stehen noch 524 Stellen offen – theoretisch passt es also, in der Praxis stimmen die Stellen aber nicht unbedingt mit den Berufswünschen überein.

Um jedoch die Jugendlichen auf das Thema Ausbildung aufmerksam zu machen, werde es gemeinsam mit Vertretern von Arbeitsagentur und Kammern so genannte „Walk-and-talk“-Aktionen geben. Das Ziel: mit den jungen Leuten an Orten wie etwa dem Seepark Niederweimar ins Gespräch zu kommen, um sie zu informieren.

„Abenteuer Ausbildung“

Astrid Heydecke, Teamleiterin Berufsberatung in der Arbeitsagentur, weiß, dass einige Schüler auf der Schule geblieben seien und sich „nicht auf das Abenteuer Ausbildung“ im Corona-Jahr eingelassen hätten. Jedoch seien Überbrückungsmöglichkeiten wie ein Auslandsjahr weggefallen, „sodass andere Jugendliche auch den Weg zu uns gefunden haben, um sich zu informieren“.

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow verdeutlicht: „Wir eröffnen jetzt die Nachspielzeit. Denn es gibt auf beiden Seiten – bei Firmen und Jugendlichen – viel Unsicherheit.“ Schon vor einiger Zeit hätten sich die Akteure darauf verständigt, dass ein Ausbildungsbeginn nicht nur am 1. September, sondern auch noch bis zum November möglich sei – die Betriebe sollen flexibel agieren können, „wir finden dann einen Weg nach hinten raus“, versichert er.

Tanja Siegert, stellvertretende Teamleiterin im Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur, sieht nicht nur, dass es noch täglich neue Angebote für dieses Jahr gebe – etwa, weil Azubis abgesprungen seien. „Auch für das Ausbildungsjahr 2021 werden uns bereits Stellen gemeldet.“ Sie betont: „Chancen sind auf jeden Fall da“ – es gehe noch sehr viel „im Handel oder im medizinischen Bereich“, so Siegert. Doch wie überzeugt man Betriebe, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auszubilden? „Der Fachkräftemangel ist ja nicht verschwunden“, so Siegert – „wer jetzt nicht ausbildet, dem gehen die Fachkräfte weiter verloren.“

Viele Stellen sind noch frei

Dr. Thomas Fölsch, Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung der IHK Kassel-Marburg, erläutert, dass die IHK auch eine eigene Stellenbörse habe: „Es gibt bei uns noch Stellen aus mehr als 50 Ausbildungsberufen.“ Handel und Gastronomie – also die von Corona besonders betroffenen Zweige – würden derzeit noch ein wenig hinterherhinken. „Aber wir sind sicher, dass wir dort noch aufholen können“, sagt Fölsch. Denn die Kammer arbeite stark daran, die Stellen noch zu besetzen – mit Webinaren, mit Ausbildungs-Hotlines und über das Netz. „Es ist wichtig für die Jugendlichen, jetzt aktiv zu werden“, betont er. Das ist im Hinterland nicht anders, sagt Fölschs Pendant bei der IHK Lahn-Dill, Dr. Gerd Hackenberg. Doch sei die Region eher von Produktionsbetrieben geprägt – die hätten eine „stark negative Entwicklung“ erlebt.

Frank Interthal, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft (KH) Biedenkopf, glaubt nicht, „dass die Handwerksbetriebe bei der Ausbildung Zurückhaltung üben werden“. Denn sie wüssten genau, dass letztlich das Fortbestehen ihrer Betriebe von der Ausbildung abhänge. Im Hinterland gebe es im Handwerk noch 35 offene Ausbildungsstellen in 14 Berufen – „wir haben die Hoffnung, zum Start der Berufsschulen noch einmal an die jungen Leute heranzutreten, die etwa ein berufsvorbereitendes Jahr absolvieren“, so Interthal. Denn diese Warteschleifen gelte es zu verhindern.

Auch für Meinhard Moog, Geschäftsführer der KH Marburg, steht fest: „Im Handwerk geht immer was, wir sind sehr flexibel und es ist immer auch kurzfristig was machbar.“ Er freue sich besonders darüber, dass die beiden Berufsinformationstage am 8. und 9. September während der „Aktionswoche Handwerk“ virtuell umgesetzt werden könnten – „das ist ein ganz wichtiges Zeichen in puncto Ausbildung auch für das kommende Jahr.“

Von Andreas Schmidt

05.08.2020
05.08.2020
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