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Marburg Ausbauplan für Behringwerke in der Klima-Kritik
Marburg Ausbauplan für Behringwerke in der Klima-Kritik
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20:22 20.08.2020
Um eine zuverlässige Trinkwasserversorgung für den Standort Behring sicherzustellen baut Pharmaserv im Wald oberhalb von Görzhausen zwei Hochbehälter mit einem Fassungsvermögen von jeweils 5 000 Kubikmeter. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Klimabedenken bei der Ausdehnung des Pharmastandorts: Die Umweltverbände BUND und Nabu fürchten angesichts des städtischen „Masterplans Behring-Standort“ eine „Wiederholung der Fehler der Vergangenheit“, wie Henner Gonnermann sagt. Nicht noch einmal dürfe es rund um Görzhäusen eine „Block-, Riegel- und Klotzbebauung“ geben, vielmehr müsse streng auf Umwelt- und Klimabelange speziell für Michelbach und das nahe Lahntal, die dortigen Siedlungsbereiche, geachtet werden.

Der BUND fordert in einer aktuellen Stellungnahme vor allem eine „Funktionssicherung der Kalt-und Frischluftbahnen“ und der dafür nötigen Freiflächen. Es gelte für Michelbach und Lahntal die „lufthygienischen Verhältnisse“ zu wahren. Wie es im städtischen Luftreinhalteplan eigens formuliert sei, sei das ein klimaökologisch sehr wichtiger Grundsatz und hätte somit „höchste Priorität“. Bei einer vollständigen Bebauung des Gebiets würde der Luftaustausch allerdings stark behindert – und auch der angekündigte Wasserbedarf sorgt bei Naturschützern für Alarmstimmung.

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Die Planungen zur Ausweisung weiterer Bauflächen im Südosten des bisherigen Pharmakomplexes würden jedenfalls dafür sorgen, dass „weitere bislang noch funktionsfähige Teile des Kalt- und Frischluftsystems zerstört würden“, heißt es vom BUND. Eine Bebauung von Kaltluftflächen, die im Mikroklima einen Temperaturanstieg zur Folge haben würden, sei „völlig inakzeptabel“.

Umweltverbände mahnen zur Wasser-Sparsamkeit

Nicht nur der im Sommer 2019 gefasste Klimanotstandsbeschluss gebiete es, die Planungen „neu auszurichten“. Zuvor hatte schon die Organisation „Parents for Future“ Kritik an dem Masterplan geübt. Eine Klimaneutralitätsprüfung des Projekts sei nicht ausreichend geschehen.

Es gebe mit der Umsetzung des Behring-Masterplans, der bevorstehenden Flächenversiegelungen, einen „erheblichen Eingriff in Natur und Landschaft“, was im Widerspruch zu Umweltfragen stehe. Neben der Klimaneutralität und Frischluftzufuhr gelte es auch, die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur und Flächenversiegelung, vor allem den auf 0,6 Millionen Kubikmeter kalkulierten zusätzlichen Trinkwasserverbrauch zu klären.

Auch Martin Thurek, Kopf der AG „Nachhaltige Stadtentwicklung“ äußert sich: „Der enorme Wasserbedarf der Behringwerke-Ausdehnung zulasten des regionalen Trinkwasser-Reservoirs ist hoch problematisch“, sagt er im Verkehrsausschuss.

Die Umweltverbände kritisieren ihrerseits nach einer Rodung im Marbacher Wald, an einer Stelle wo zwei Wasserbehälter von je 5 000 Kubikmeter Fassungsvolumen errichtet werden sollen, dass immer mehr Flächen versiegelt und die kostbare Ressource regionalen Wassers knapp werden, wie Nabu-Mann Hartmut Möller sagt. Man dürfe „dem Naturraum nicht noch mehr Grundwasser entziehen, um die Region zu versorgen,“ heißt es von Dr. Anne Archinal von der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“. Man solle für die Pharmastandort-Erweiterung das wertvolle Trink- durch Brauchwasser ersetzen. Man könne auch auf den Parkflächen anfallendes Regenwasser zur Toilettenspülung benutzen.

Dem Landschaftswasserhaushalt, so der BUND, könne während der Klimakrise jedenfalls „keine weiteren Belastungen zugemutet werden“.

Die Funktion der Wälder als Kohlenstoffsenke werde zunehmend zerstört. Bodo Demant, Naturschutzbeirat-Mitglied, fordert vor dem Standortausbau einen Wasserbedarfsnachweis und ein Wassersparkonzept durch Stadt und Unternehmen.

Masterplan – Voraussetzung für 600 neue Jobs

In den kommenden fünf Jahren planen die Unternehmen am Pharmastandort Investitionen in Höhe von rund einer Milliarde Euro. Um das Wachstum zu ermöglichen, die Infrastruktur zu schaffen, wurde der Masterplan erstellt. Laut Magistrat ist es „die wichtigste wirtschaftspolitische Entscheidung der vergangenen 20 Jahre und für die kommenden 20 Jahre“.

Die Standort-Unternehmen spülten von 2015 bis 2018 jährlich durchschnittlich 90 Millionen Euro Gewerbesteuer in die städtischen Kassen – das entspricht rund 80 Prozent der kommunalen Gewerbesteuereinnahmen.

Eine Milliarde Euro wollen die Behring-Firmen – darunter Pharmariesen wie CSL Behring, GlaxoSmithKline oder Siemens Healthineers – an den beiden Standorten in der Marbach und Görzhausen investieren, 600 neue Jobs sollen in den nächsten fünf Jahren perspektivisch entstehen.

Von Björn Wisker

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