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Marburg Aus zapft is! Sorge vor Volksfest-Sterben
Marburg Aus zapft is! Sorge vor Volksfest-Sterben
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17:08 12.11.2020
Gern würde er ihn wieder auf einem Volksfest in Marburg betätigen, den Zapfhahn: Schausteller Adi Ahlendorf hofft nach der Absage des Weihnachtsmarkts auf das Okay für den Eispalast. Quelle: foto: Björn Wisker
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Marburg

Wasser tropft auf den Tisch. Der Wind hat Laub in offene Schubladen geweht. Der Lack hat Kraft verloren. So ist das, wenn etwas lange genug im Freien steht, die Jahreszeiten und somit Sonne, Wind, Regen und nun immer mehr Frost vorbeiziehen. Vor fast eineinhalb Jahren hat Adi Ahlendorf die Zapfanlage, vor der er an diesem klirrend kalten Novembertag auf seinem Firmengelände in der Alten Kasseler Straße steht, im Einsatz gehabt. Das war im August 2019; für den Schausteller aus Marburg wirkt das wie eine andere Zeit, ach, wie ein anderes Zeitalter. „Ich versteh es ja, nichts geht über Gesundheit. Aber von irgendwas müssen wir doch leben. So, wie es läuft, sterben wir einen langsamen wirtschaftlichen Tod", sagt er zum Lockdown, der für ihn und seinen Betrieb alles, nur nicht „light“ ist.

Acht Monate nach Beginn des Lockdowns – für die Veranstaltungsbranche wurde er ja seit März praktisch nicht unterbrochen – hätten in dem Wirtschaftsbereich, auch in und um Marburg, bereits viele hingeschmissen. „Jeder Zweite gibt auf oder steht kurz vor dem Aus“, sagt Ahlendorf und muss es als in der Szene deutschlandweit vernetzter Schausteller wissen. Und weil das so ist, bringen ihm und seinen Berufskollegen die mehr als 20 von der Stadt Marburg nach der jüngsten Weihnachtsmarkt-Absage bereitgestellten Gratis-Flächen für Bratwurst-Buden, Lebkuchen-Lauben und Glühwein-Stände auch wenig.

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„Was an Kinder-Karussells gefährlich sein soll, erschließt sich mir nicht“

Denn: So viele Interessenten, so viele Buden-Aufsteller gebe es gar nicht mehr. Blochmann-Platz, Kunsthalle, Oberstadt, Hauptbahnhof: neun, zehn, wenn es gut läuft ein Dutzend Buden könnten es werden. Für wie viele Kunden? Völlig ungewiss. „In unserer Branche lebst du immer mit Risiken. Wetter, Terroranschlag, irgendwas Unplanbares – die Angst vor der Absage schwebt stets über einem. Aber das ist dann etwas einmaliges, nach ein paar Wochen geht’s weiter.“ Eigentlich. Dieses Jahr nämlich nicht. „Ich weiß nicht ob und wer sich davon erholt und weitermachen kann. Oder will“, sagt er. „Wir wollen. Müssen aber auch können.“

Volksfeste? Party? Geselligkeit? Seit Corona sind das Tabus, Schimpfworte, mitunter Straftatbestände. Damals, im August 2019, als die Zapfanlage noch lief, laufen durfte, bedeuten die Worte das, was das Leben ausmacht: Kultur, Spaß, Freizeit. Jedenfalls mehr als nur der Traum aller Puritaner: Ein Dasein, um zu arbeiten, zu funktionieren, dem Frohsinn zu entsagen, auf Vergnügen und Zerstreuung zu verzichten. „Wir sorgen für einen Ausbruch aus dem Alltag. Das ist nicht mehr gewollt.“ Dass man das Oktoberfest in der Pandemie auch unter Abstands- und Hygieneregeln nicht stattfinden lassen könne, sei klar. „Was aber an Kinder-Karussells gefährlich sein soll, erschließt sich mir nicht.“ In Marburg mache man politisch ja alles möglich, die Verwaltung helfe in der engen Struktur, wie sie kann. Immer schon. Aber ob das reicht? Ahlendorf fürchtet, dass auch das letzte bisschen Volksfest-Leben aus Marburg verschwindet. Dass das passiert, was rings herum im Landkreis schon passiert ist – das Ende der Dorf-Disco-Wochenenden, regelmäßiger Partystimmung auf dem Land. Es wäre aber noch einmal etwas anderes, wenn dann im Mittelhessen-Magneten Marburg nichts mehr los ist.

Eispalast: Start am 4. Dezember?

Paf, Phoenix, Kult, Reits und ihre Nachfolge-Läden: Das Disco- und Klubsterben begann schon vor Corona. Trifft es also nun, da der Marktfrühschoppen eh Geschichte ist, auch die öffentlichen Volksfeste? „Es kann gut sein, dass Volksfeste nur noch dort organisiert werden, wo sich Feiern finanziell noch lohnt: in Großstädten wie Frankfurt“, sagt Ahlendorf.

Kurzfristig heißt die Perspektive: Eispalast. Stand jetzt – aber was bedeutet „Stand jetzt" derzeit schon? – geben die Behörden ihr Okay, ist er nur um eine Woche auf den 4. Dezember verschoben. „Wenigstens diese Veranstaltung muss stattfinden. Nur stattfinden, dann machen wir was draus“, sagt Ahlendorf. Die Stadt Marburg, die vor allem dem Kinder- und Jugendangebot jährlich zehntausende Euro in die Winter-Attraktion investiert, hat ein sozialpolitisches Interesse am Eispalast-Erhalt.

250 Gäste wären dann in diesem Jahr das Maximum. 200 Plätze, die jeweils im 3-Stunden-Takt im Internet vor-reserviert werden müssen, 50 Karten für Kurzentschlossene an der Kasse, um auf der 800 Quadratmeter großen Außen-Eisbahn schlittern zu können. Ob die Veranstaltung am Georg-Gaßmann-Stadion tatsächlich öffnen wird können? Prinzip Hoffnung.

Außer Hoffnung ist ihnen, die von der Politik mit Beginn der Corona-Pandemie und bis heute faktisch mit einem Berufsverbot belegt wurden, ja eh nichts geblieben. Mittelfristige Perspektive für die Ahlendorfs: Hafenfest im Frühjahr, in kleiner und mit Zugangsbeschränkungen. Innenstadtkirmes? Nein, schon jetzt für 2021 so gut wie abgeblasen.

Und langfristig? Ahlendorf schaut auf die vielen Fahrzeuge, Bänke und Deko auf dem Firmengelände und zuckt mit den Schultern. „Es kann ein böses Erwachen geben.“ Für die Schausteller, aber auch für die Gesellschaft.

Von Björn Wisker