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Marburg Kommunikationsproblem gipfelt in Wutanfall
Marburg Kommunikationsproblem gipfelt in Wutanfall
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19:50 29.06.2021
Ein Traktor fährt über eine gemähte Wiese. Das Abmähen seines Grundstücks durch einen Landwirt brachte einen Mann aus dem Landkreis in Rage.
Ein Traktor fährt über eine gemähte Wiese. Das Abmähen seines Grundstücks durch einen Landwirt brachte einen Mann aus dem Landkreis in Rage. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand
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Marburg

Das Abmähen einer Wiese, über Felder fahrende Schlepper samt Mähwerk, die ihre Arbeit verrichten – eigentlich ein alltägliches Bild. Im Falle eines Mannes aus dem Landkreis endete das unerwünschte Mähen jedoch in einer Attacke und vor dem Marburger Amtsgericht. Dort fand am Dienstag (29. Juni) die Verhandlung gegen den Angeklagten statt, der den Landwirt in dessen Fahrerkabine angegriffen hatte.

Das war im August letzten Jahres, an dem Tag stellte der Angeklagte fest, dass eine Wiese in seinem Eigentum in Auftrag eines Verwandten gerade abgemäht wird. Den Auftrag hatte ein Bauer übernommen, der wohl aus allen Wolken fiel, als der Angeklagte während der Mäh-Arbeit auf dem Feld dazu kam und auf seinen Traktor sprang. Er öffnete die Tür der Fahrerkabine und begann in Richtung des überraschten Fahrers zu schreien und zu gestikulieren, versuchte so seinen Ärger zu vermitteln.

„Eingeschränkte“ Kommunikation

Der Angeklagte ist gehörlos, kann sich verbal nur wenig äußern, die Kommunikation zwischen den Männern blieb daher „eingeschränkt“, heißt es in der Anklage. Wutentbrannt schlug der Beschuldigte dann auf den anderen Mann ein, traf ihn mehrmals mit der Faust ins Gesicht und zerrte an seinem T-Shirt. Als der Landwirt versuchte, an seinem Gegenüber vorbei die Kabine zu verlassen, drückte ihn der andere nach unten, hielt das Kleidungsstück am Hals dermaßen fest, dass es dem Geschädigten zeitweise die Luft abschnürte und schließlich zerriss.

In Notwehr versetzte der Fahrer dem Angreifer schließlich einen Tritt, so dass dieser von dem Schlepper fiel. Er rappelte sich wieder auf, wollte erneut auf den Bauern losgehen, woraufhin dieser rückwärts von ihm wegfuhr. Der Beschuldigte griff schließlich nach einem Hammer im Gras, der während der Rangelei aus dem Traktor gefallen war. Er folgte dem Traktor ein Stück, schlug letztlich mit dem Hammer gegen die Scheibe, bevor er die Verfolgung aufgab.

Leichte Verletzungen

Durch die vorherigen Attacken erlitt der Geschädigte leichte Verletzungen, zudem ging seine Brille sowie Halskette zu Bruch. Die Staatsanwaltschaft ging zu Verhandlungsbeginn außerdem davon aus, dass der Angeklagte den Hammer geschleudert hatte, damit als Waffe einsetzte und auf eine Verletzung des Opfers abzielte. Daher stand der Angeklagte neben Körperverletzung auch wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht, die sich im Lauf der Verhandlung nicht bestätigte.

Vor Gericht teilte sich der Angeklagte mithilfe einer Gebärdendolmetscherin mit, gab die Attacken zu und ließ über seinen Verteidiger eine Erklärung abgeben.

Aufgestaute Wut führte zu Ausraster

„Meinem Mandanten tut es leid, was passiert ist“, sagte Rechtsanwalt Peter Thiel. Er bedauere sein Verhalten, dem eine längere Vorgeschichte vorausging. Grundsätzlich sei er bisher „ruhig und friedlich durchs Leben gegangen“, der Ausraster das Ergebnis seiner aufgestauten Wut darüber, dass wegen seiner verbalen Einschränkung von Verwandten öfters „über seinen Kopf hinweg“ entschieden werde.

Es gebe ein Kommunikationsproblem in der Familie, die sich zwar sehr um ihn kümmere, sich aber ohne Hilfe nicht mit ihm verständigen könne. Der Mann kann nicht lesen oder schreiben, in der Familie beherrscht niemand die Gebärdensprache.

Pflege des Grundstücks

Er fühle sich nicht gehört und übergangen, was das Mähen seiner Wiese angeht. Die Pflege des Grundstücks wollte er selber übernehmen, die Arbeit nicht an andere abgeben. Das eigenständig entscheiden und übernehmen zu können, sei ihm gerade wegen seines Handicaps besonders wichtig, erklärte Thiel.

Dass ein Verwandter ihm dies durch den Auftrag an den Landwirt praktisch wegnahm, und das nicht zum ersten Mal, habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Das Ergebnis bekam der Landwirt ab, der in dem Moment der Wut gerade da war.

Einstellung des Verfahrens

Der Geschädigte, der nicht als Zeuge vor Gericht erschien, war wegen des Angriffs, der zerstörten Scheibe und Brille bereits vor das Zivilgericht gezogen, ihm muss der Beschuldigte 2.300 Euro Schmerzensgeld zahlen. Frühere Angaben des Zeugen deckten sich indes mit der Beteuerung des Angeklagten, dass er den Hammer nicht geworfen hatte, sondern auf die Scheibe schlug.

Für die Staatsanwaltschaft bei der Einordnung des Falls ein wichtiger Unterschied, der neben dem Geständnis schlussendlich zur Einstellung des Verfahrens führte. Mit Zustimmung von Anklage und Verteidigung stellte Strafrichter Kai Michel Dronka das Verfahren vorläufig ein, als Auflage hat der Angeklagte 1.500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zu zahlen.

Von Ina Tannert