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Marburg Aus dem Corona-Loch auf den Chefsessel
Marburg Aus dem Corona-Loch auf den Chefsessel
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18:58 26.09.2020
Eva Therre ist mit ihrer sechsköpfigen Familie hart von Corona, den wirtschaftlichen Folgen getroffen worden. Nun will sie in der Oberstadt ein Geschäft eröffnen. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Da steht sie, in diesem langgezogenen Zimmer mit den hohen Decken. Keine Möbel, keine Bilder an den Wänden – einfach Leere. So, wie der Raum in der Wettergasse aussieht, so hat sich Eva Therre lange gefühlt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas mal erlebe. Aber es ist so: Wir standen nach diesem Schlag vor dem Nichts“, sagt sie.

Mit ihrer sechsköpfigen Familie ist sie Marburgs bekanntestes Corona- beziehungsweise Lockdown-Opfer. Therre wurde in Weidenhausen als Jugendherbergsmitarbeiterin entlassen, das Reisebüro des Mannes Erik Metzger in Cappel vom Staat faktisch mit Berufsverbot belegt und somit kam kaum genug Geld in die Kasse, um die Miete am Ortenberg zu bezahlen. „Wir lagen am Boden und hatten finstere Gedanken.“ Die Sorgen um die Kinder, der Jüngste im August eingeschult, „erdrücken einen, es gibt nur noch Anspannung. Uns ist nur noch zum Heulen zumute“, sagte sie damals.

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Therres Geschichte, das durch die Corona-Politik verursachte Abrutschen einer Mittelstandsfamilie ins Sozialsystem, bewegte Tausende in Mittelhessen. Doch nun plant die quirlige Marburgerin ein spektakuläres Corona-Comeback: In der Oberstadt eröffnet sie am 10. Oktober ein Geschäft, einen Lifestyle-Laden samt Online-Shop.

Auf dem Werbe-Flyer für das Geschäft, in dem etwa spezielle Alkoholika und Accessoires angeboten werden sollen, steht das Motto „Enjoy and be happy“ – etwas, das Therre trotz aller Rückschläge und gesundheitlicher Probleme lebt. „Am Boden liegen zu bleiben, ist kein Ausweg. Wir waren immer Macher, jetzt ackern wir eben für diesen Plan.“ Dass es überhaupt soweit kommt, ist dabei weniger einer staatlichen Unterstützung – die gibt es auch, etwa über eine Existenzförderung – zu verdanken. Vielmehr haben die Familie und der Freundeskreis Geld gesammelt. Und Wildfremde. Nach dem OP-Artikel über das Schicksal der Familie meldeten sich mehrere, die unterstützen wollten und das auch taten. Unterstützen, das heißt im Kern vor allem Geld. „Alleine hätten wir es nicht mal bis hierhin geschafft. Dass es in der Krise eine Chance gibt, liegt an vielen netten, anteilnehmenden Menschen“, sagt sie. „Mit dieser Hilfe im Rücken kann alles klappen.“

Der Gedanke, ein Geschäft zu eröffnen, ist in Therre über Jahre gereift, es war eine Sehnsucht, ein Traum. „Aber es hat die Ausweglosigkeit gebraucht. Aus der Komfortzone heraus macht man so einen Schritt wohl nicht.“ Die Corona-Folgen hätten die Familie „tief runter gerissen“. Doch sie habe nun monatelang im Loch gesessen, wie häufiger in ihrem Leben dann einen Plan geschmiedet und „den dann ungeduldig verfolgt“. Eben weil das Geld knapp war und ist, sie kein Budget haben, baut Metzger die Möbel, die Theke selbst.

Auch wenn das finanzielle Risiko mit der Doppel-Selbstständigkeit – für das Reisebüro hoffen sie noch auf Konjunkturpaketszahlungen – hoch bleibt, spürt Therre „eher positive Angst, gute Aufregung, hilfreichen Stress“. Bis Mitte Oktober besteht der Stress vor allem darin, den noch leeren Laden neben dem Bürstenmacher zu füllen. Mit Ausstattung und Ware. Ab Mitte Oktober dann soll er, das hofft Therre inständig, mit Kunden gefüllt sein.

Von Björn Wisker