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Marburg Aus Tötungsdelikt wird Bedrohung
Marburg Aus Tötungsdelikt wird Bedrohung
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19:24 15.12.2020
Die sechste Strafkammer folgte nicht der ursprünglichen Antragsschrift von Staatsanwältin. Foto: Thorsten Richter
Die sechste Strafkammer folgte nicht der ursprünglichen Antragsschrift von Staatsanwältin.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass sich ein Richter am Ende eines Hauptverfahrens von seinem Gegenüber auf der Anklagebank mit den Worten „Werden Sie gesund!“ verabschiedet. Landgerichtspräsident Dr. Frank Oehm schloss gestern seine Urteilsbegründung mit diesem Wunsch ab – an die Adresse jenes 31-Jährigen, der bis auf Weiteres in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht wird.

Gutachterin spricht von paranoider Schizophrenie

Am Montag hatte eine Gutachterin dem Mann eine paranoide Schizophrenie attestiert, die dazu geführt hatte, dass er im Frühjahr dieses Jahres sowohl seinen Vater als auch einen Bekannten mit einem Samuraischwert bedroht hatte. Bedroht ist in diesem Fall der richtige Ausdruck – die sechste Strafkammer unter Oehms Vorsitz folgte nicht der ursprünglichen Antragsschrift von Staatsanwältin Lena Löwer, die in der Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn ein versuchtes Tötungsdelikt gesehen hatte. Oehm begründete die Entscheidung der Kammer zum einen damit, dass die Beweisaufnahme keinen eindeutigen Tötungsvorsatz erkennbar gemacht habe: „Darüber können wir höchstens spekulieren.“ Zum anderen sei die Tat „im Vorbereitungsstadium stecken geblieben“.

Der Sohn hatte vergeblich versucht, sich Zugang zu den Büroräumen des väterlichen Handwerksbetriebs zu verschaffen – bewaffnet mit einem Samuraischwert und der vorherigen Ankündigung, den Senior köpfen zu wollen, weil der ihm nicht das dringend benötigte Geld hatte geben wollen, das er bereits am Vorabend telefonisch eingefordert hatte. Auch diesen Anruf wertete das Gericht nicht – wie die Staatsanwaltschaft – als räuberische, sondern lediglich als versuchte Erpressung. Oehms Begründung: Während des Telefonats habe aufgrund der räumlichen Distanz zwischen Vater und Sohn keine gegenwärtige Gefahr bestanden. Wie die Staatsanwältin bezeichnete gestern auch der Nebenklagevertreter Dr. Thorsten Kahl in seinem Plädoyer die Tat des 31-Jährigen als versuchtes Tötungsdelikt. Kahl sah in dem Versuch des Beschuldigten, das Büro des dort befindlichen Vaters zu betreten, ein „Ansetzen zur Verwirklichung der Tat“.

„Er braucht Hilfe, die seine Seele rettet“

Der Vater hatte seinerzeit das Eindringen des Sohns nur gemeinsam mit einem im Büro anwesenden Mitarbeiter verhindern können.

Thomas Strecker, der Verteidiger des Beschuldigten, verwies gestern abschließend darauf, dass sein Mandant „kein schlechter Mensch“ sei: „Er braucht Hilfe, die seine Seele rettet.“

Diese Hilfe allerdings muss der Mann, der bereits seit Mai in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht ist, auch annehmen – bisher hat er sich zumindest einer medikamentösen Therapie verweigert. Gestern jedoch sagte er abschließend, er wünsche sich, eine zweite Chance zu bekommen: „Man macht Fehler, um daraus zu lernen – ich denke, ich habe gelernt.“

Die Verfahrensbeteiligten verzichteten trotz unterschiedlicher Bewertung der Tatschwere auf Rechtsmittel.

Von Carsten Beckmann