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Marburg Missbrauchsprozess wird neu aufgerollt
Marburg Missbrauchsprozess wird neu aufgerollt
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21:47 27.03.2022
Vor dem Marburger Landgericht hat ein neuer Prozess gegen einen Mann begonnen, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird.
Vor dem Marburger Landgericht hat ein neuer Prozess gegen einen Mann begonnen, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird. Quelle: Thorsten Richter (Themenfoto)
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Marburg

Wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs steht seit Freitag ein Mann aus dem Südkreis erneut vor Gericht. Der erste Prozesstag vor dem Marburger Landgericht dauerte allerdings nicht lang. Nach einem Antrag der Verteidigung vertagte die Erste Strafkammer den Prozess.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten unter anderem vor, im Jahr 2004 seine damals zwölfjährige Tochter sexuell missbraucht zu haben. Außerdem soll er eine erwachsene Frau durch exhibitionistische Handlungen belästigt haben.

Im ersten Prozess hatte ihn das Landgericht im August 2015 zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt – wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes, wegen Besitzes von kinderpornografischen Schriften, wegen exhibitionistischer Handlungen und weil er unerlaubt 44 Patronen in seinem Schlafzimmer aufbewahrt hatte. Seine Verteidiger hatten gefordert, ihn lediglich wegen des Besitzes von Munition zu einer Geldstrafe zu verurteilen und hinsichtlich der anderen Vorwürfe freizusprechen. Der Angeklagte hatte damals schon in seinem Schlusswort angekündigt, in Revision zu gehen, falls er verurteilt werde.

Aussage des mutmaßlichen Opfers wird verlesen

Mit der Revision hatte er zum Teil Erfolg. Der Bundesgerichtshof hob im September 2016 das erstinstanzliche Urteil teilweise auf. Der Zweite Strafsenat bemängelte an dem Marburger Urteil, dass darin nicht ausreichend begründet worden sei, warum das Landgericht in seinem Urteil zu einem anderen Ergebnis kam als eine Sachverständige in ihrem aussagepsychologischen Gutachten.

Die Sachverständige Simone Gallwitz hatte im ersten Prozess vor Gericht gesagt, eine Verwertung der Aussage der Tochter sei ausgeschlossen. Diese glaube zwar, dass sie als Kind missbraucht worden sei. Dabei handele es sich aber wahrscheinlich nicht um echte Erinnerungen. Im Gegensatz dazu hatte das Gericht den Schilderungen des mutmaßlichen Opfers geglaubt und den Angeklagten wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Der Vorsitzende Richter begründete dies damals damit, es gebe grundsätzliche Probleme bei der Aussagekraft solcher Gutachten. Das überzeugte den Bundesgerichtshof nicht.

Zehn beziehungsweise 18 Jahre nach den Zeiträumen, in denen sich die Taten ereignet haben sollen, und fast sieben Jahre nach dem erstinstanzlichen Urteil steht der inzwischen über 60 Jahre alte Angeklagte nun erneut vor Gericht. Diesmal muss allerdings eine andere Kammer des Landgerichts entscheiden. Das mutmaßliche Missbrauchsopfer machte am ersten Prozesstag von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Die Zeugin erklärte sich aber damit einverstanden, dass ihre von der Polizei aufgenommene Aussage vor Gericht verlesen wird. Eine weitere Geschädigte, die der Angeklagte als Erwachsene durch exhibitionistische Handlungen belästigt haben soll, tritt in dem Prozess als Nebenklägerin auf.

Der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Frank Richtberg, beantragte, dass an dem neuen Verfahren von Anfang an auch die Gutachterin aus dem ersten Prozess, Simone Gallwitz, teilnehmen solle. Sie war jedoch vom Gericht für diesen Prozesstag nicht geladen worden. Deshalb wurde der Prozess vertagt. An dem neuen Verfahren nimmt eine weitere Sachverständige teil. Die Verhandlung wird am Mittwoch, 30. März, um 9 Uhr fortgesetzt.

Von Stefan Dietrich

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