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Marburg Aufatmen über Erhalt der Partikeltherapie
Marburg Aufatmen über Erhalt der Partikeltherapie
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17:59 07.08.2019
Professorin Rita Engenhart-Cabillic, ärztliche Leiterin des Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrums, demonstrierte die Anwendung der Therapie während eines Präsentationstermins der Anlage. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Zunächst hatte das Hessische Umweltministerium­ am Montag (5. August) berichtet, dass es der Universitätsklinikum Gießen-Marburg GmbH bereits im März die strahlentechnische ­Erlaubnis zur Behandlung von Patienten erteilt habe und dass die Partikeltherapie an die ­Gesellschaft übergegangen sei. Das UKGM bestätigte dies – gab aber erst am Dienstag eine Erklärung zu dem Übergang ab.

Demnach sei das MIT bereits am 1. Januar in den Konzernverbund der Rhön-Klinikum AG integriert worden. Zunächst sei die seit Oktober 2015 etablierte Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Heidelberg fortgesetzt worden. Und seit vergangenem Donnerstag „ist der weitere Betrieb dieser innovativen Bestrahlungstechnik nunmehr fester Bestandteil des onkologischen Behandlungsangebotes der mittelhessischen Universitätsmedizin“, teilte Pressesprecher Frank Steibli am Dienstag mit. Das MIT sei eines von zwei Zentren in Deutschland, das die Möglichkeit biete, neben einer Protonenbestrahlung auch eine Schwerionenbestrahlung mit Kohlenstoffionen vorzunehmen. Die ärztliche Leitung des MIT liege bei Professorin Rita Engenhart-Cabillic, der Direktorin der Marburger Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie. Zur Geschäftsführerin der MIT GmbH wurde Dr. Sylvia Heinis, Kaufmännische Geschäftsführerin des UKGM, bestellt.

„Mit dem MIT können wir das medizinische Angebot für unsere Krebspatienten deutlich erweitern und verbessern“, sagte Dr. Gunther K. Weiß, der Vorsitzende der Geschäftsführung des UKGM. „Durch die vollständige Integration des MIT verkürzen sich zudem die Behandlungswege für unsere Patienten. Insgesamt also eine für alle Seiten erfreuliche Entwicklung am ­Medizinstandort Mittelhessen.“

Für Stephan Holzinger, Vorstandsvorsitzender des Rhön-Konzerns, steht fest, dass man „den Gesundheitsstandort Marburg, das UKGM und die Region Mittelhessen“ stärke.

Alle ans MIT überwiesenen­ ­Patienten würden in einer ­interdisziplinären Tumorkonferenz am UKGM vorgestellt, die Krankheitsbilder gemeinsam mit allen involvierten Medizinern besprochen. Nur wenn ein individueller Vorteil für die Patienten gesehen werde, würden die Ärzte mit der Planung einer Protonen- oder Schwer­ionenbestrahlung beginnen.

Und was sagt die Politik zu der Entscheidung?

Für den heimischen Landtagsabgeordneten und Hessischen Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU) ist klar, dass durch die Übernahme nicht nur der Betrieb des MIT weiter sichergestellt sei: „Dieser Schritt verhindert nicht nur eine mögliche Insolvenz, sondern sichert vielmehr die innovative Behandlung zahlreicher Patienten. Es ist enorm wichtig, dass diese Form der Strahlentherapie fortgesetzt werden kann.“ Die reibungslose Übernahme sei „nicht nur für die Patientenversorgung in unserem heimischen Landkreis von enormer Bedeutung, sondern auch für ganz Hessen und darüber hinaus“.

Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) freut sich ebenfalls, dass das MIT in Marburg gesichert sei. Das Land und auch sie persönlich hätten sich „immer dafür eingesetzt, dass diese Therapieform zur Behandlung schwerstkranker Patientinnen und Patienten bei bestimmten Krebsarten zur Verfügung steht“, so die Marburgerin. Daher begrüße sie, dass der Insolvenzantrag zurückgenommen worden sei „und eine Einigung zwischen Rhön-Klinikum AG und Universitätsklinikum Heidelberg zum vollständigen Übergang der Geschäftsanteile auf das Rhön-Klinikum dazu geführt hat, dass das MIT gesichert ist. Aus Sicht des Landes ist auch ausdrücklich zu begrüßen, dass es dem Klinikbetreiber gelungen ist, entsprechende Versorgungsverträge mit den Krankenkassen abzuschließen“, so Dorn.

Die SPD-Abgeordnete Angelika Löber sagt auf Anfrage der OP: „Dass der weitere Betrieb der Marburger Ionentherapieanlage sichergestellt ist, begrüße ich sehr. Es ist wichtig, dass die innovative Technologie zur Behandlung von Tumoren am Universitätsklinikum Marburg angeboten wird und somit die Patientinnen und Patienten in Hessen weiterhin durch eine ­Ionentherapie versorgt sind.“ Nur wenige Standorte in Deutschland böten eine Bestrahlung mit geladenen Ionen anstelle der sonst in der Therapie üblichen Photonen an. Daher sei es „äußerst bedeutend“, dass diese Behandlungsmöglichkeit nun gesichert wurde.

Jan Schalauske, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Hessischen Linken, zeichnet ein differenzierteres Bild: „Es wurde­ Zeit, dass ein Jahr nach der Insolvenzmeldung der Weiterbetrieb der Anlage gesichert ist. Die schwarz-grüne Landesregierung muss nun dafür Sorge tragen, dass die Anlage auch in Zukunft dauerhaft eingesetzt werden kann. Sie darf diese ­Frage nicht allein der Rhön AG überlassen.“

Das Hin und Her um die Partikeltherapieanlage ist in den Augen des Marburgers ein ­„Beleg für die Pleiten-Pech-und-Pannen-Privatisierung. Es bleiben zukünftig zahlreiche andere Probleme bestehen: Dazu gehören zu wenig Pflegepersonal, immense Arbeitsbelastung, Überstundenberge und teils niedrigere Löhne als in öffentlichen Kliniken.“ Die Privatisierung der Uni-Klinika sei ein schwerer Fehler gewesen und habe negative Folgen für Patienten und Beschäftigte. Deshalb fordere man die Rückkehr des UKGM in Landeseigentum.

von Andreas Schmidt