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Marburg Auf die Chance kommt es an
Marburg Auf die Chance kommt es an
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14:51 22.10.2021
Omar Mahasen ist nach erfolgreicher Ausbildung Systemadministrator in einer Marburger Internetagentur.
Omar Mahasen ist nach erfolgreicher Ausbildung Systemadministrator in einer Marburger Internetagentur. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Als Omar Mahasen am 25. November 2015 das Schlauchboot besteigt, stürmt es. Das Mittelmeer ist rau. Weit und breit sind keine anderen Schlepperboote zu sehen. „Wir waren an diesem Tag das einzige Boot, das es gewagt hat“, erinnert sich der 34-jährige Syrer. Mit 38 Menschen treibt er stundenlang im Schlauchboot auf offenem Meer mit nur einem Ziel vor Augen: Europa. „Angst haben wir in diesem Moment nicht gespürt, die hat man irgendwie blockiert“, sagt er und blickt ins Leere.

Omar Mahasen sitzt an seinem Schreibtisch in Marburg und erinnert sich an seine Flucht zurück, die er Reise nennt. Vor ihm zwei Computermonitore und ein aufgeklappter Laptop. An der Wand ein weiterer Bildschirm mit sich stetig verändernden Zahlen und Grafiken. Flink gleiten seine Finger über die Tastatur. Omar Mahasen arbeitet als Systemadministrator bei der Cappeler Internetagentur „tripuls“, bei der er in diesem Jahr seine dreijährige Ausbildung mit Bestnoten abgeschlossen hat.

2015 mit der großen Flüchtlingswelle aus Syrien geflohen – erfolgreiche Ausbildung und jetzt eine verantwortungsvolle Position in einer vom Fachkräftemangel gebeutelten Branche. Die Geschichte des 34-Jährigen könnte als das Paradebeispiel für die gelungene Integration Geflüchteter gelten. Doch Omar Mahasen ist ein zurückhaltender, ein bescheidener Mann. Er will nicht als „Vorzeigeflüchtling“ auf ein Podest gehoben werden. „Na klar, ich habe mich angestrengt, aber das tun andere auch. Der Unterschied bei mir war, dass man mir eine Chance gegeben hat“, betont er. Es gebe viele Menschen in seinem Bekanntenkreis, die diese Chance trotz bester Voraussetzungen nicht bekommen haben. Die aufgrund ihrer Herkunft, aufgrund von Vorurteilen oder kulturellen Ressentiments noch immer auf ihre Chance warten, ein neues Leben beginnen zu können.

Bevor Omar Mahasen 2015 die gefährliche Reise übers Mittelmeer auf sich nahm, hatte er alles versucht, in der Nähe seiner Eltern zu bleiben. Doch gleich aus mehreren Gründen war es zu gefährlich. Im vom Bürgerkrieg gebeutelten Syrien geriet der junge Mann zwischen die Fronten. Assads Regime wollte ihn zum Militärdienst einziehen, als Angehöriger der kleinen Minderheit der Drusen war er zudem von islamistischen Extremisten bedroht. Er flieht in den Libanon, doch auch dort ist er Anfeindungen ausgesetzt. Auf Wunsch seiner Eltern nutzen er und sein acht Jahre jüngerer Bruder Ramy die große Flüchtlingswelle, die im Jahr 2015 mehr als eine Million Menschen nach Deutschland bringt. Die meisten von ihnen aus Syrien und Afghanistan – übers Mittelmeer. 

21 500 Flüchtlinge ertrunken

Laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR sind bis heute etwa 21 500 Menschen beim Versuch, auf diesem Weg nach Europa zu gelangen, ertrunken. Doch Omar Mahasen und sein Bruder haben Glück, ihr Schlauchboot erreicht heil die Küste Griechenlands. Über die Balkanroute schaffen es die beiden schließlich bis nach Langen, wo sie in einem Flüchtlingscamp untergebracht werden. Mahasen, der Englisch studiert hatte, engagiert sich gleich als Dolmetscher, übersetzt im Camp vom Arabischen ins Englische. Und er setzt sich abends hin und beginnt Deutsch zu lernen – von sich aus. „Wir mussten elf Monate warten, bis wir mit dem ersten Deutschkurs beginnen konnten“, bedauert er.

Doch er lernt schnell. Will kein Opfer sein. Will sich ein Leben aufbauen, um seine Eltern in Syrien finanziell zu unterstützen. Weil er sich schon immer als Hobby mit Computern auseinandergesetzt hat, will er in dem Bereich Fuß fassen. „Ich dachte ja, ich müsste noch einmal studieren, aber als ich dann gehört habe, dass es in Deutschland das System der Ausbildung gibt, habe ich mich beworben. Noch heute erinnert er sich an das unglaubliche Gefühl, als er von „tripuls“ nach bestandenem Eignungstest, Kennenlerntag und gut performten Praxistest die Zusage für die Ausbildungsstelle bekommen hat: „Ich kriege immer noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt er lächelnd.

Heute, nach mit Bestnoten abgeschlossener Ausbildung, ist er bei „tripuls“ – vereinfacht gesagt – dafür zuständig, dass die Entwickler arbeiten können und die Server sicher laufen. Es ist sein Traumjob. 36 Mitarbeiter aus zehn Nationen hat das Unternehmen. „Wir profitieren von dieser Vielfalt, und wir sind unheimlich froh, dass Omar bei uns arbeitet“, sagt Oliver Dietz von „tripuls“.

Großes Potenzial

Seit Jahren beklagt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie einen Fachkräftemangel. Dies betrifft vor allem die Bereiche Informatik und Gesundheit. Grund dafür ist die alternde Bevölkerung in Deutschland. Laut aktuellen Vorausberechnungen wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bereits im Jahr 2030 um 3,9 Millionen auf einen Bestand von 45,9 Millionen Menschen sinken. Im Jahr 2060 wären schon 10,2 Millionen weniger Deutsche im erwerbsfähigen Alter.

Das Beispiel von Omar Mahasen zeigt, welch großes Potenzial in Menschen mit Migrationshintergrund steckt. „Aber man muss Menschen wie mir die Möglichkeit geben, uns zu beweisen“, betont Mahasen, der seit gut einem Jahr verheiratet ist und mit seiner Frau in Gießen wohnt. Auch sein Bruder Ramy hat Fuß gefasst. Er arbeitet als Rettungssanitäter bei den Johannitern.

Mahasen hofft, dass vielleicht sein Beispiel und das seines Bruders anderen Arbeitgebern Mut macht, eventuelle Vorurteile abzubauen und Menschen mit Fluchterfahrung Ausbildungsstellen und Arbeitsplätze anzubieten. „Wir können viel Gutes schaffen für Deutschland. Man muss uns nur die Chance dazu geben.“

Von Nadine Weigel

Wie viel Geflüchtete gibt es weltweit?

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) schätzt, dass Ende 2020 die Zahl der Geflüchteten und Vertriebenen (forcibly displaced) weltweit auf 82,4 Millionen gestiegen ist – das sind 2,9 Millionen Menschen mehr als Ende 2019. Etwa 40 Prozent aller Geflüchteten sind Kinder.
Der Großteil der Betroffenen, rund 48 Millionen, ist innerhalb des eigenen Landes auf der Flucht (Binnenflüchtlinge).
Weitere 26,4 Millionen sind anerkannte Flüchtlinge – also Menschen, denen gemäß internationaler Abkommen Schutz gewährt wurde.
5,7 sind staatenlose Palästinenserinnen und Palästinenser unter Mandat des Hilfswerks der UN für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA).

4,1 Millionen sind Asylsuchende – also Flüchtlinge, die noch auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten.
Hinzu kommen 3,9 Millionen Geflüchtete aus Venezuela, die vom UNHCR separat erfasst werden.
Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien (6,7 Millionen Menschen), Venezuela (4 Millionen) und Afghanistan (2,6 Millionen).

Quelle: UNHCR

Schutzsuchende in Deutschland

Ende 2019 lebten rund 1,8 Millionen Schutzsuchende  in Deutschland – das heißt, Menschen, die einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben beziehungsweise sich „aus völkerrechtlichen, humanitären oder politischen Gründen“ in Deutschland aufhalten. 9,2 Prozent von ihnen sind Kinder, die in Deutschland geboren sind. Zwar ist die Zahl der Schutzsuchenden in Deutschland seit Anfang 2015 um knapp 150 Prozent gestiegen. Dennoch: Schutzsuchende machen lediglich 2,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.                           Quelle: Bamf  (Mediendienst Integration)