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Marburg Auf der „grünen Welle“ surfen auch Linke und Klimaliste
Marburg Auf der „grünen Welle“ surfen auch Linke und Klimaliste
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19:19 18.03.2021
Die Kommunalwahl-Ergebnisse der Stadtverordnetenversammlung in Marburg (Themenfoto).
Die Kommunalwahl-Ergebnisse der Stadtverordnetenversammlung in Marburg (Themenfoto). Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Grüne triumphieren, SPD und CDU erleiden schwere Verluste, Linke sind trotz Einbußen vierte Kraft, die Klimaliste ist aus dem Stand besser als FDP und BfM zusammen – und die AfD ist mit einem Sitz im Parlament, während Pirat Dr. Michael Weber erneut die Sensation geschafft und sein Mandat gehalten hat: Das ist das vorläufige Endergebnis der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung.

CDU bekommt weiteren Sitz

Auch die CDU hat im Vergleich zum Vortag einen weiteren Sitz, kommt nun auf 13 statt 12. Die drei Schwergewichte liegen damit auf Augenhöhe (Grüne 15, SPD 14). Allerdings ändert der Piratenpartei-Einzug die Vorzeichen: Es ist angesichts von 30 für eine Regierung nötigen Stimmen kein Zweierbündnis, weder Grün-Rot noch Grün-Schwarz möglich.

Die OP analysiert, wer in welchem Stadtteil besonders gut abgeschnitten, wer in welchen Bezirken im Vergleich zur 2016er-Wahl viel verloren hat.

Gewinne und Verluste der drei Großen

Die Sozialdemokraten haben ihre Vormachtstellung fast überall verloren, und selbst dort, wo sie noch die Pole-Position halten, ist der Abstand zu den Grünen auf ein Minimum geschrumpft. Beispiel Ockershausen: Holte man in einem der größten Bezirke vor fünf Jahren noch 34 Prozent und damit mehr als doppelt so viel wie die Grünen, verlor man nun rund acht Prozent und liegt nur noch einen Punkt vor ihnen.

Dieser Trend zieht sich quer durch die Stadt. Mit Ausnahme von Richtsberg und Waldtal, wo die Wahlbeteiligung aber mit rund 40 Prozent erneut unterdurchschnittlich ist, gibt es keine SPD-Hochburg mehr. Ganz übel sieht es in Weidenhausen aus: ein Absturz um rund 13 Prozent. In Cappel sind die Einbußen mit rund fünf Prozent noch am moderatesten.

CDU liegt in meisten Stadtteilen vorne

Ginge es darum, wer in den meisten Stadtteilen vorne liegt, hätte die CDU die 2021er-Wahl nicht verloren, sondern gewonnen. Mit Ausnahme von Michelbach, Ronhausen und Bauerbach siegte sie in allen Außenstadtteilen. Aber: Ähnlich wie beim großen Regierungspartner SPD setzte es selbst in den Hochburgen fast überall Verluste, meist um die fünf Prozent.

Je näher die CDU der Innenstadt kam, desto mehr schien sie auf ihr Stammwähler-Potenzial zurückgeworfen, wenige Wechselwähler überzeugt haben zu können. In Wehrda und Marbach waren es minus acht, in Ockershausen minus sechs Prozent. Interessant: In Weidenhausen brachte die Sicherheitsoffensive rund um den Northampton Park immerhin ein minimales Plus.

Südviertel, Altstadt, Campusviertel, Weidenhausen: Diese vier Innenstadt-Bezirke sind erwartungsgemäß an die Grünen gegangen. Sie bilden zwar wegen der hohen Zahl der Wahlberechtigten das Fundament für den Wahlsieg, aber die Wucht der grünen Welle zeigt sich außerhalb des Zentrums: Verdoppelung in Cappel, Wehrda und der Marbach, nah dran an dieser Steigerung selbst am Richtsberg.

Auch Linke und Klimaliste surfen auf grüner Welle

Auf den Dörfern sieht es nicht anders aus: Sattes Plus von Cyriaxweimar über Gisselberg bis nach Michelbach, wo die Klimakritik am Masterplan Behringwerke, dem Ausbau des Pharmastandorts, offenbar Früchte trägt. Entscheidend für die Grünen: Selbst dort, wo sie nicht stärkste Kraft wurden, liegen sie nur knapp hinter der SPD, in Dagobertshausen sogar nur knapp hinter der CDU.

Wo die Grünen stark sind, sind auch die Linken stark – ihre besten Ergebnisse, zwischen 18 und 15 Prozent, holten auch sie im Zentrum. In vielen Stadtteilen, etwa Wehrda und Cappel bleiben sie recht stabil.

Klimaliste mit zweistelligen Ergebnissen in Altstadt und Campusviertel

Aber es gibt auch sichtbare Verluste von drei Prozent plus; und das überraschend in eigentlich klassischen Links-Klientel-Bezirken mit höherem Anteil an finanzschwachen Menschen: Ockershausen beziehungsweise Stadtwald sowie Richtsberg.

Für die Klimaliste gilt dasselbe wie für die Linken: Wo die Grünen siegen, holen auch sie am meisten Stimmen, in Altstadt und Campusviertel gibt es gar zweistellige Ergebnisse. Der Bruch kommt kurz nach den Innenstadt-Grenzen: Je zentrumsferner es wird, desto weniger Kreuze für die Öko-Gruppe. Interessant, aber wohl durch das Studentendorf zu erklären: Im Waldtal ziehen sie mehr als neun Prozent.

AfD mit Bruchlandung

Die AfD, die lange gar auf ein zweistelliges Ergebnis hoffte, legt flächendeckend eine Bruchlandung hin. Sie wird in Wahlergebnissen mit MR-24, APPD und „Weiterdenken“ unter „Sonstige“ geführt, kommt – Indizien liefern da die einzeln aufgeführten Marburger Kreistagswahl-Ergebnisse – nicht mal an der einzigen Hochburg Richtsberg auf die aus überregionalen Wahlen bekannten Ergebnisse nahe der 30-Prozent-Marke; diesmal sind es dort zwischen 19 und 8 Prozent.

Wie schon vor fünf Jahren dürften die Piraten vor allem rund um den Richtsberg gepunktet und so die erneute Verteidigung ihres Parlamentsplatzes geschafft haben.

Bürger-Lager verliert zu viel in eigenen Hochburgen

Sowohl für die FDP als auch BfM gilt derselbe Trend: Flächendeckend tröpfchenweise, in einstigen Rückgrat-Bezirken aber zu stark verloren. So büßte die FDP in Wehrshausen einige Prozente ein, in der sonst verlässlichen Marbach zwar nur 0,6 – aber angesichts der in Summe vielen fehlenden Stimmen könnte man über diese beiden Stadtteile den für den politischen Einfluss wichtigen Fraktionsstatus verpasst haben.

Immerhin: In Michelbach, wohl wegen der Windkraft-Debatte um Görzhausen, konnte man etwas zulegen. Ebenso in Ronhausen, was ebenfalls unweit eines umstrittenen Windkraftprojekts im Ebsdorfergrund liegt. Die „Bürger“ ließen in Wehrda überdurchschnittlich viel liegen, vielleicht auch, weil es entgegen den Forderungen nicht zum Kaufpark-Kreisel kam? Auch rund um die Oberstadt – eigentlich dem Schwerpunkt-Stadtteil ihrer politischen Arbeit – schließt man mau ab, wie in Innenstadt- und deren Randbereichen insgesamt

Das sind die gewählten Stadtverordneten

Grüne: Nadine Bernshausen, Dr. Elke Neuwohner, Christian Schmidt, Katharina Rink, Lena Frewer, Dietmar Göttling, Madelaine Stahl, Hans-Werner Seitz, Marco Nezi, Dr. Christa Perabo, Marion Messik, Karen von Rüden, Alev Laßmann, Martina Rupp, Maximilian Walz; SPD: Dr. Thomas Spies, Kirsten Dinnebier, Marianne Wölk, Anna-Lena Stenzel, Thorsten Büchner, Alexandra Klusmann, Fatma Aydin, Steffen Rink, Mattias Simon, Liban Farah, Kirsten Fründt, Erika Lotz-Halilovic, Shaker Hussein, Jens Womelsdorf; CDU: Dirk Bamberger, Jens Seipp, Karin Schaffner, Roger Pfalz, Hermann Heck, Anne Oppermann, Dirk Vaupel, Birgit von Bargen, Winfried Kissel, Walter Jugel, Lars Küllmer, Jan von Ploetz, Philipp Knaack; Linke: Renate Bastian, Jan Schalauske, Tanja Bauder-Wöhr, Stefanie Wittich, Henning Köster, Miguel Sanchez Arvelo, Inge Sturm; Klimaliste: Isabella Aberle, Maik Schöniger, Mariele Diehl, Salomon Lips; FDP: Michael Selinka, Lisa Freitag; BfM: Andrea Suntheim-Pichler, Roland Frese; AfD: Matthias Pozzi; Piraten: Dr. Michael Weber.

Bei den gewählten Mandatsträgern wird es in den nächsten Wochen noch Veränderungen geben, da einige – wie wohl die vom Listenende mit nach oben gewählte Landrätin Kirsten Fründt (SPD) – tendenziell auf ihren Sitz verzichten, andere vom Parlament in den ehrenamtlichen Magistrat wechseln und somit entsprechend der Wahlliste Kandidaten nachrücken werden.

Von Björn Wisker

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