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Marburg Auf der Suche nach den Obdachlosen
Marburg Auf der Suche nach den Obdachlosen
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14:58 18.04.2020
Ursula Schneider steht am Gedenkzaun vor der geschlossenen Tagesaufenthaltsstätte. Sie macht sich Sorgen um die Obdachlosen. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Die Räume der Tagesaufenthaltsstätte (TAS) des Diakonischen Werkes an der Gisselberger Straße sind leer. Nur die Handwerker kümmern sich gerade um die defekte Heizung.

Das Büro der Wohnungsnothilfe ist zwar besetzt, aber nur für Notfälle. Und auch das Projekt „Krank auf der Straße“ ist erst einmal auf Eis gelegt.

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Die Corona-Pandemie trifft die Bedürftigsten in Marburg am härtesten. Keine günstige warme Mahlzeit mehr am Tag, keine regelmäßige Lebensmittelausgabe mehr.

Nur für die, die sich wirklich nicht alleine versorgen können, stehen Tüten mit Proviant bereit. Sie werden zu festen Tageszeiten durch das Fenster gereicht. Seitdem kommen anstatt 40 Obdachlose und Bedürftige – in Hochzeiten sind es sogar 60 – nur noch drei oder vier am Tag.

Es geht in der TAS nicht nur ums Essen

Das macht Ursula Schneider große Sorgen. Die Pflegefachkraft schaut sonst jeden Montag in der TAS vorbei und versorgt kleinere Verletzungen oder Schnupfnasen. Sie ist in den vergangenen drei Jahren zu einer festen Institution geworden, zu einer Vertrauensperson. Dass sie jetzt nicht für die Besucher da sein kann, ist für Ursula Schneider sehr schwer.

„Sie sind wie vom Erdboden verschluckt. Ich sehe sie nicht in der Stadt oder nur sehr selten“, sagt die Pflegefachkraft achselzuckend. Immer wenn sie unterwegs ist hält sie Ausschau nach ihnen – oft vergebens.

„Für diese Menschen ist mit der Kontaktsperre ein großer, wichtiger Halt weggebrochen. Es geht ja in der TAS nicht nur ums Essen, es geht um Gemeinschaft, um Austausch, um das Gefühl, nicht allein zu sein.“

Die Sorgen werden größer

Sie befürchtet, dass viele von ihren Schützlingen jetzt total abrutschen in Drogen und Alkohol. „Normalerweise passen sie gegenseitig auf sich auf. Wenn jetzt alle in ihren Zimmern oder kahlen Wohnungen sein müssen, dann kriegen sie nicht mal mit, wenn einer stirbt.“

Alle bekannten Plätze fuhr Ursula Schneider an ihrem freien Tag ab. Das Lahnufer an der Gisselberger Straße, am Bahnhof, an der Rosenstraße, im Waldtal – nirgends sieht sie bekannte Gesichter. Dabei wollte sie noch verspätete Osterschokolade verschenken. Eine große Tüte voll hatte sie dabei. Die Suche ist ernüchternd und die Sorgen werden größer.

Zurück an der TAS begegnete ihr ein Bedürftiger und verriet, wo einige der TAS-Besucher wohnen. Kurzerhand machte sich Ursula Schneider auf den Weg. „Ja, es sind nicht alle obdachlos. Etwa zwei Drittel haben eine Wohnung und trotzdem kommen sie regelmäßig vorbei, weil das Geld fürs Essen eben doch nicht ausreicht.“

Bedürftige sind Risikopatienten

In dem Haus in Cappel wurde sie fündig. Dankend nahmen die Männer die Süßigkeiten und die Seifenstücke an. Für jeden hatte die Pflegefachkraft auch noch einen Einmal-Mundschutz.

„Wir bräuchten dringend welche, auch selber genähte. Es gibt leider zu wenige. Dabei sind die Bedürftigen alle Risikopatienten durch das geschwächte Immunsystem“, weiß Ursula Schneider, die ganz froh war, dass sie nun doch noch ein paar ihrer Schützlinge getroffen hatte. Mit dem Hinweis, dass in der Tagesstätte durch die Hilfe von der Tafel immer Lebensmittel vor Ort sind, verabschiedete sie sich.

Von Katja Peters

Stadt hilft obdachlosen Menschen

Die Stadt Marburg unterstützt obdachlose Menschen auch in der Corona-Krise weiterhin. Das Sozialamt zahlt die Tagessätze vor Ort in bar aus – auch während der Schließung der Stadtverwaltung für den Publikumsverkehr, teilte die Stadt mit.

Außerdem berät und unterstützt das Sozialamt weiterhin wohnungs- und obdachlose Menschen, etwa bei Anträgen auf Sozialleistungen. Diese Leistungen können derzeit bundesgesetzlich erleichtert in Anspruch genommen werden.

Zudem sind in den städtischen Obdachlosenunterkünften noch Plätze frei. Die Unterkünfte werden mit maximal zwei Personen pro Wohnung belegt. Darüber hinaus bietet die Stadt insgesamt 14 Schlafplätze in ihrem Übernachtungsheim, das aktuell leer steht.

Zusätzlich kann die Stadt – zunächst begrenzt bis zum 27. April – sieben Einzelzimmer in einer ehemaligen Pension zur Verfügung stellen für Personen, die spezielle Rückzugsmöglichkeiten benötigen.

Zur Übernachtung im städtischen Übernachtungsheim in der Gisselberger Straße 35 können sich wohnungs- und obdachlose Menschen täglich in der Zeit von 18 bis 21 Uhr im dortigen Hausmeisterbüro im Erdgeschoss melden.

Das Hausmeisterbüro ist in dieser Zeit auch unter 06421/23842 erreichbar.  Wer als obdachloser Mensch längerfristig in einer städtischen Obdachlosenunterkunft untergebracht werden will, kann sich montags bis freitags zu den üblichen Bürozeiten unter 06421/2011430 melden.

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