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Marburg Literarisches Denkmal für eine tapfere Frau
Marburg Literarisches Denkmal für eine tapfere Frau
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13:59 20.08.2021
Kathrin Thiemann ist die Autorin des Buchs "In der zweiten Reihe".
Kathrin Thiemann ist die Autorin des Buchs "In der zweiten Reihe". Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Rund ein Vierteljahrhundert nach dem Tod ihrer Großmutter hat die Marburger Physiotherapeutin Kathrin Thiemann ihr in einem „Erinnerungsroman“ mit dem Titel „In der zweiten Reihe“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Es ist eine spezielle Erinnerung an eine spezielle Frau, die in Romanform gegossen auf einer wahren Lebensgeschichte beruht.

„Sie war eine humorvolle Frau und sie war sehr gebildet und konnte gut erklären“, sagt Thiemann im Gespräch mit der OP. Besonders spannend an der Familiengeschichte findet sie, wie ihre Großmutter das „Familienschiff“ mit acht Kindern teilweise ganz alleine durch die Kriegszeit steuerte. Im Mittelpunkt steht die Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945. Thiemanns Großvater hatte sich als Pfarrer und Mitglied der Bekennenden Kirche im Münsterland der NS-Diktatur widersetzt und war dafür mit Zuchthaus und Lagerhaft im Konzentrationslager Buchenwald bestraft worden.

Seine Frau musste sich dann als Pfarrersfrau alleinerziehend um sieben Kinder kümmern und stand kurz vor der Geburt des achten Kindes. Wie sie das in den Wirren des Krieges und der NS-Zeit mit Tapferkeit schaffte, das ist ein Hauptbestandteil dieser kleinen Heldinnengeschichte. Vor allem wie sie unter Verweise auf die Vergangenheit ihres Mannes als Teilnehmer im Ersten Weltkrieg und auf die kinderreiche Familie immer wieder Gnadengesuchen startete, hat die Enkelin genauer interessiert. Schließlich war eines der Gnadengesuche erfolgreich und rettete ihren Mann vor dem Tod im KZ.

Besonders spannend fand Kathrin Thiemann, wie die Gnadengesuche ihrer Vorfahrin an die NS-Machthaber formuliert waren. Diese seien vom Tonfall her als deutliche Bitte formuliert gewesen, ohne allerdings anbiedernd zu wirken.

Aus Perspektive einer Frau

Das Besondere an ihrer Frauengeschichte aus der deutschen Vergangenheit: Die Marburgerin wollte vor allem die Perspektive der Frau in den Vordergrund stellen, die auch in ihrer Familie immer „in der zweiten Reihe“ gestanden hatte.

Schon in den 70er Jahren hatte ihr Großvater anlässlich seines 80. Geburtstags in einem kleinen Band die Geschichte seines Widerstands in der NS-Zeit aufgeschrieben. Bei einem Besuch im Konzentrationslager Buchenwald vor einigen Jahren kam die Marburgerin dann auf die Frage, worin eigentlich die auch in dem Erinnerungsbuch ihres Großvaters nur am Rande beschriebene Rolle ihrer Großmutter bestanden hatte.

Ein Glücksfall kam hinzu: Eine Kusine brachte zu einem Familienfest einen Wäschekorb voll mit Dokumenten aus der Familiengeschichte mit: Dazu zählten mehr als 150 bereits chronologisch geordnete Briefe, aber auch Fotos, Zeugnisse oder Bescheinigungen. Diese Dokumente waren wichtig für die Marburgerin, die als eine von mehr als 20 Enkelinnen und Enkeln zwar zu Lebzeiten ihrer Großmutter schon eine Verbindung zu ihr hatte, aber nie explizit über die Ereignisse in der NS-Zeit geschrieben hatte.

Nach ersten literarischen Schreibversuchen bei Bildungsurlauben ab 2016 kam die Physiotherapeutin, die auch als Clownin in Altersheimen auftritt, zu Beginn der Corona-Zeit auf die Idee, die gesammelten Dokumente zu verdichten und daraus ein Buch zu machen. Das Wichtigste war es dann, die Perspektive der Großmutter in der erfundenen Figur der Buchheldin Helene einzunehmen und ihre Gefühlswelten nachzuempfinden. Dazu versetzte sie sich in sie hinein und ließ ihrer Phantasie freien Lauf.

Premierenlesung am Sonntag (22. August)

Am Sonntag (22. August) findet um 15 Uhr die Premierenlesung aus dem Buch in der Buchhandlung Jakobi, Steinweg 24, statt. Weil wegen der Corona-Vorgaben die Zuschauerzahl auf 15 beschränkt ist, ist diese Lesung allerdings schon ausverkauft. Eine weitere Lesung mit Kathrin Thiemann soll am selben Ort am Sonntag, 24. Oktober, ab 15 Uhr stattfinden. Information und Anmeldung: Buchhandlung Jakobi, Telefon 0 64 21 / 9 99 85 66

Kathrin Thiemann: In der zweiten Reihe. Baltrum Verlag. 488 Seiten. 17,95 Euro.

Von Manfred Hitzeroth

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